Die Pup­pen-Ma­ma

tz - - MÜNCHEN+REGION -

MDas Le­ben schreibt die span­nends­ten Ge­schich­ten – und Autor Flo­ri­an Ki­nast (Fo­to links) schreibt sie je­den Sams­tag auf. Zu­sam­men mit Ih­nen, lie­be Le­ser! Es geht uns um die ech­ten Münch­ner Gschich­ten. Um Por­träts von Men­schen, die über sich und ihr it 17 ging sie als Kin­der­mäd­chen nach Her­ma­gor, 50 Ki­lo­me­ter wei­ter. Dann wur­de sie von ih­rer al­ten Schul­leh­re­rin als Haus­häl­te­rin ins gro­ße Wien ver­mit­telt. Zu ei­ner Schau­spie­le­rin vom Burg­thea­ter, An­ge­li­ka Hauff. Sie leb­te am Schwar­zen­berg­platz, 300 Qua­drat­me­ter, ei­ne Woh­nung zum Ver­lau­fen. Vie­le Par­tys gab es hier. Die Eri­ka vom Berg­bau­ern­hof stand manch­mal drei Ta­ge zum Vor­be­rei­ten in der Kü­che und form­te, wie sie heu­te sagt, „ki­lo­me­ter­lan­ge Ap­fel­stru­del“und sah vie­le be­kann­te Kol­le­gen: den Weck, den Wus­sow, die Sin­jen. Es war fas­zi­nie­rend. Aus der Wie­ner Künst­ler­sze­ne ging es nach ei­nem gu­ten Jahr zu­rück auf den Kärnt­ner El­tern­hof. Der Va­ter war krank. Ei­ne chro­ni­sche Lun­gen­ent­zün­dung setz­te ihm im­mer mehr zu. Er hat­te sie sich im Krieg ge­holt, in Le­nin­grad, als er näch­te­lang bei 36 Grad un­ter null Wa­che ste­hen muss­te.

Aber längst war Eri­ka Le­xer klar: Sie muss wie­der raus in die Welt. Nur wo sie letzt­lich le­ben woll­te, da war sie noch auf der Su­che. Ein Jahr ar­bei­te­te sie beim Stan­gl­wirt in Go­ing, schon da­mals Schau­platz zahl­rei­cher Schi­cki­mi­cki-Alm­auf­trie­be, dann gar ein Jahr als Au-pair im eng­li­schen Ply­mouth, in Ho­tels in Vil­lach und in Inns­bruck. Dort lern­te sie dann auch den Mann ken­nen, den sie spä­ter hei­ra­ten soll­te. Ei­nen Münch­ner.

Im Sep­tem­ber 1972 zog sie hier­her. Das Feu­er der Olym­pi­schen Spie­le war ge­ra­de er­lo­schen, da­für war sie selbst, wie sie sagt, „vom ers­ten Mo­ment an Feu­er und Flam­me für die Stadt“. Nicht nur we­gen der Fa­mi­li­en­ge­schich­te. Ihr Uru­ron­kel, der eben­falls aus dem Le­sach­tal stam­men­de Sprach­wis­sen­schaft­ler und be­deu­ten­de Le­xi­ko­graf, Mat­thi­as Le­xer (1830 bis 1892), wur­de hier einst noch vom Ki­ni Lud­wig II. in den Rit­ter­stand er­ho­ben, spä­ter wur­de die Le­x­er­gas­se in Le­ben in der schöns­ten Stadt der Welt er­zäh­len. Was sind Ih­re Münch­ner Gschich­ten? Er­zäh­len Sie es uns, wir er­zäh­len es dann wei­ter. Schrei­ben Sie uns, was pas­siert ist in Ih­rem Le­ben, le­gen Sie Fo­tos bei und schi­cken al­les an die Stich­wort Wien nach ihm be­nannt. Und auch des­sen Sohn, der Arzt und Mit­be­grün­der der plas­ti­schen Chir­ur­gie, Erich Le­xer (1867 – 1937), wirk­te in Mün­chen, in sei­nem letz­ten Le­bens­jahr ab 1936, als Chef-Chir­urg am Schwa­bin­ger Kran­ken­haus. „Ich den­ke, das Schick­sal woll­te es ein­fach, dass ich nach Mün­chen kom­me“, sagt Eri­ka Le­xer.

Mit ih­rem Mann leb­te sie in ei­ner Zwei-Zim­mer-Woh­nung in Laim, 1974 kam der ge­mein­sa­me Sohn, das ein­zi­ge Kind. 1984 folg­te die Tren­nung von ih­rem Mann. Eri­ka Le­xer such­te ei­nen Job, bis sie im Send­lin­ger An­zei­ger ei­ne Stel­len­an­zei­ge ent­deck­te: „Haus­frau­en mit Herz ge­sucht“, stand da. Ge­sucht wa­ren sie fürs Au­gus­ti­num, die Se­nio­ren­re­si­denz an der A 96, die­sem rie­si­gen Bau, den Eri­ka Le­xer schon oft ge­se­hen hat­te, wenn sie mit ih­rem Sohn am Gond­rell­platz spa­zie­ren war und sich dann im­mer „Le­ser-Bio­gra­fie“, 80282 Mün­chen oder per E-Mail an Le­sen Sie heu­te, wie ei­ne Kärnt­ne­rin dank der Lie­be vom Berg­bau­ern­hof in die Lan­des­haupt­stadt kommt und dort ei­ne neue Hei­mat und ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be fin­det. frag­te, was das da drü­ben ei­gent­lich für ein Ge­bäu­de sei.

En­de 1987 fing sie dann an, erst als Haus­da­me, spä­ter dann im Bü­ro für die Ver­mie­tun­gen der 574 Woh­nun­gen und Ap­par­te­ments. Eri­ka Le­xer be­riet, ver­mit­tel­te und or­ga­ni­sier­te den Men­schen in ih­rem neu­en Zu­hau­se, ihr mut­maß­lich letz­tes in ih­rem Le­ben. Vie­le sah sie kom­men und vie­le ster­ben und zwi­schen­drin be­kam sie vie­les mit. Die Sor­gen und Nö­te der Haus­be­woh­ner, die sich ihr an­ver­trau­ten, weil sie wuss­ten, dass Ge­heim­nis­se bei ihr gut auf­ge­ho­ben sind und Eri­ka Le­xer von ei­ner al­ten Ratsch­kathl so weit ent­fernt ist wie das klei­ne Kärt­ner Le­sach­tal von der Mil­lio­nen­stadt Mün­chen.

In der al­ten Kärnt­ner Hei­mat war sie nach dem Tod ih­res Va­ters 1993 und ih­rer Mut­ter 2001 nur noch sel­ten, auf dem El­tern­hof, den ihr Bru­der Sepp in­zwi­schen an Sohn Mat­thi­as über­ge­ben hat. Der Bru­der Sepp war üb­ri­gens ein er­folg­rei­cher Win­ter­sport­ler: 1970 wur­de er im Ro­deln auf der Na­tur­bahn Eu­ro­pa­meis­ter im Dop­pel­sit­zer. Mor­gens als Kind mit dem Pa­pa auf dem Schlit­ten zur Schu­le zu fah­ren – ein gu­tes Trai­ning da­mals.

Die ei­ne Schwes­ter Eli­sa­beth lebt in Köt­schach, die an­de­re, Edel­traud, in Möd­ling bei Wien. Von den fünf Ge­schwis­tern le­ben noch vier, aus­ge­rech­net der Jüngs­te, der To­ni, starb schon mit 29. Er fuhr im­mer ei­nen Milch­las­ter von Vil­lach nach Spi­tal. Beim An­kop­peln lös­te sich der An­hän­ger früh­zei­tig, er wur­de zwi­schen dem ton­nen­schwe­ren Con­tai­ner und der Fah­rer­ka­bi­ne zer­quetscht.

Nein, die wirk­li­che Hei­mat, sagt Eri­ka Le­xer, ist längst Mün­chen ge­wor­den. Sie hat hier ge­nug zu tun, auch nach­dem sie 2009 in Ru­he­stand ging. In ih­rer Woh­nung in Ha­dern, mit den hun­der­ten Pup­pen, die sie aus al­ler Welt ge­kauft, er­stei­gert und ge­sam­melt hat, be­malt sie Holz­fi­gu­ren mit Acryl­far­ben, das ist ihr gro­ßes Hob­by. Dem­nächst muss sie eh wie­der Plätz­chen und Stol­len ba­cken. Nicht mehr ki­lo­me­ter­wei­se wie einst bei der Burg­schau­spie­le­rin in Wien, aber doch vie­le, für die Be­woh­ner vom Au­gus­ti­num, mit de­nen sie im­mer noch be­freun­det ist. Ein­mal in der Wo­che ist sie dort, an­sons­ten an den schö­nen Ta­gen in ih­rem ge­müt­li­chen Klein­gar­ten in der An­la­ge an der Sie­gen­bur­ger Stra­ße.

Der Herbst­nach­mit­tag ist ein frü­her Abend ge­wor­den, vom Wes­ten schickt die schwä­cheln­de Son­ne letz­te Strah­len auf die Lau­be der Frau Le­xer. Es wird frisch. Auch wenn sie jetzt nach dem Sieb­zigs­ten auf die Acht­zig zu­ge­he, sagt sie zum Ab­schied, sie fühlt sich im­mer noch so jung, und aus Mün­chen weg­ge­hen, das kommt gleich gar nicht mehr in­fra­ge. Die Stadt sei ja ein Pa­ra­dies, und ihr Gar­ten auch.

Ein klei­ner Schre­ber­gar­ten Eden.

Fo­to: Götz­fried

Das bun­te Le­ben: Eri­ka Le­xer be­malt in ih­rer Woh­nung in Ha­dern Holz­fi­gu­ren mit Acryl­far­be und sam­melt Pup­pen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.