Pip­pi Langs­trumpf ist jetzt er­wach­sen

tz - - KULTUR + TV - KAT­JA KRAFT

Wie an­ge­nehm: ein Mensch, der denkt, be­vor er spricht. So ist Va­le­rie Pach­ner. Die Schau­spie­le­rin kommt mit ih­rem Wild­fan­gAus­se­hen da­her wie ei­ne mo­der­ne Pip­pi Langs­trumpf, doch im Spiel und im Ge­spräch ver­liert sich al­les Mäd­chen­haf­te. Die 29-Jäh­ri­ge ist von enor­mer Ernst­haf­tig­keit. Nicht im Sin­ne von hu­mor­los – ihr La­chen ist herz­lich, laut und ge­win­nend; doch das schnel­le Her­aus­pol­tern von Ant­wor­ten ist ih­re Sa­che nicht.

Bei­spiels­wei­se, wenn sie da­von er­zäh­len soll, was die Eli­sa­beth für ei­ne Frau ist, die sie in Ödön von Hor­váths Glau­be Lie­be Hoff­nung im Re­si­denz­thea­ter spielt. Pach­ner, Ös­ter­rei­che­rin und seit drei Jah­ren En­sem­ble­mit­glied in Mün­chen, über­legt genau: „Sie ist ei­ne klu­ge, zu­nächst sehr le­bens­lus­ti­ge Frau, die un­ab­hän­gig sein will, sie ver­sucht das mit al­len Mit­teln. Ein Steh­auf­männ­chen bis zum Schluss.“Ge­quäl­tes Lä­cheln. „Fast bis zum Schluss.“

Denn das ist die Krux: Eli­sa­beth kommt ge­gen die Re­geln nicht an. Sie be­nö­tigt ei­nen Ge­wer­be­schein, oh­ne den sie nicht ar­bei­ten darf. Doch wo kei­ne Ar­beit, da auch kein Geld für ei­nen Ge­wer­be­schein. Sie leiht sich Geld von zwei Per­so­nen, oh­ne ih­nen zu er­zäh­len, dass der ei­ne Be­trag zum Be­glei­chen al­ter Schul­den ge­dacht ist. Vor­wurf an sie: Be­trug! Da­her Ge­fäng­nis. Dass sie die Straf­zah­lung nur be­kam, weil sie oh­ne Ge­wer­be­schein ge­ar­bei­tet hat­te, in­ter­es­siert nicht. Ein har­tes Ur­teil, aber wo be­ginnt man mit Aus­nah­men, oh­ne die Ge­sell­schafts­ord­nung zu ge­fähr­den? Pach­ner zieht ein Knie an ih­ren Ober­kör­per, über­schlägt die Ar­me dar­über wie zur Ab­wehr. „Na­tür­lich brau­chen wir Ge­set­ze und muss das mensch­li­che Zu­sam­men­le­ben ge­re­gelt sein. Aber ich glau­be, dass der wich­tigs­te Pa­ra­me­ter, an dem man ab­mes­sen kann, was an­ge­mes­sen ist, Men­sch­lich­keit sein muss.“Es kön­ne nicht sein, dass man auf­grund von Prin­zi­pi­en ei­nen Men­schen fal­len las­se. Pach­ner ist mit dem Baye­ri­schen Kunst­för­der­preis 2016 (Darstel­len­de Kunst) aus­ge­zeich­net wor­den, ab 17. No­vem­ber ist sie in dem Künst­ler­por­trät Egon Schie­le als des­sen Ge­lieb­te Wal­ly Neu­zil im Ki­no zu se­hen. Al­le Zei­chen ste­hen auf Er­folg. Doch sie ist sich be­wusst, dass sich das auch im­mer än­dern kann. Genau das kön­ne man ja von Hor­váth ler­nen: „Eli­sa­beth hat mich er­in­nert an eben die­se Zer­brech­lich­keit der ei­ge­nen Exis­tenz und dass man zwar un­ab­hän­gig sein wol­len kann, aber dass man im­mer auch ab­hängt von an­de­ren.“Sie sagt das mit ei­nem Lä­cheln. Denn die­se Ab­hän­gig­keit sei ja nichts Schlech­tes. „Wir müs­sen auf­hö­ren zu mei­nen, dass im­mer al­les glatt läuft im Le­ben. Wenn je­mand ge­gen dei­ne Prin­zi­pi­en ver­stößt, regt dich das oft des­we­gen auf, weil du dich da­durch sel­ber in­fra­ge stel­len musst“, kri­ti­siert sie. „Des­halb weicht man die­sem Men­schen lie­ber aus und lässt ihn fal­len, an­statt aus die­ser Be­geg­nung et­was Neu­es, Frucht­ba­res ent­ste­hen zu las­sen und dar­an zu wach­sen.“

Ein biss­chen we­ni­ger „Was bringt mir das?“wür­de un­se­rer Ge­sell­schaft gut­tun, fin­det die 29-Jäh­ri­ge. Der Be­weis liegt für sie eben­falls in Hor­váths Dra­ma: „Im Stück ha­ben sie der Eli­sa­beth al­les weg­ge­nom­men. Aber ha­ben sie da­durch et­was ge­won­nen? Im Ge­gen­teil! Es ist ganz ein­fach. Wer gibt, be­kommt zu­rück. Dar­an glau­be ich.“

„Glau­be Lie­be Hoff­nung“, Pre­mie­re am Sams­tag im Re­si­denz­thea­ter. Wei­te­re Vor­füh­run­gen: 28. Ok­to­ber, 4./ 10./ 15. und 30. No­vem­ber. Kar­ten un­ter 089/ 2185 1940.

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