Was ge­schah hier wirk­lich?

tz - - REPORT -

Nach dem Sui­zid ei­nes Flücht­lings im thü­rin­gi­schen Schmölln sind vie­le Fra­gen of­fen. Die boh­rens­te lau­tet: For­der­ten Schau­lus­ti­ge den Ju­gend­li­chen zum Sprung aus dem Fens­ter auf?

Das Han­dy von Bür­ger­meis­ter Sven Schra­de (SPD) klin­gelt wie­der. Nach dem töd­li­chen Sprung ei­nes jun­gen Flücht­lings aus dem fünf­ten Stock ei­nes Hau­ses muss er stän­dig er­klä­ren, was vor­ge­fal­len ist. Er will nicht den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, sein Städt­chen im Os­ten Thü­rin­gens ha­be et­was ge­gen Flücht­lin­ge. „Un­se­re Stadt wird in ei­nem Licht dar­ge­stellt, das uns nicht ge­recht wird.“Der 31-Jäh­ri­ge steht am Sonn­tag vor dem Rat­haus. Er wird im­mer wie­der ge­fragt, ob Schau­lus­ti­ge den jun­gen So­ma­li­er tat­säch­lich mit Ru­fen zum Sui­zid ani­miert ha­ben. „An Spe­ku­la­tio­nen will ich mich nicht be­tei­li­gen“, sagt er.

Noch am Sams­tag hat er in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz aber ge­nau die­sen Ein­druck ent­ste­hen las­sen: „Uns lie­gen auch In­for­ma­tio­nen vor, dass ei­ni­ge, ich nen­ne sie mal Schau­lus­ti­ge, die­sem Vor­fall lan­ge bei­ge­wohnt ha­ben, und wohl auch Ru­fe ge­fal­len sein sol­len wie ‚Spring doch!‘“, sag­te er. Er selbst ha­be die­se Wor­te nicht ge­hört. Sie sol­len von ei­ner Mit­ar­bei­te­rin der Ein­rich­tung stam­men, die sich um Flücht­lin­ge küm­mert, die ohne El­tern und Ver­wand­te nach Deutsch­land kom­men. Die Po­li­zei konn­te sol­che Äu­ße­run­gen nicht be­stä­ti­gen. Sie er­mit­telt.

Zwölf Ju­gend­li­che le­ben in dem Plat­ten­bau. Am Frei­tag stürzt sich der Flücht­ling aus ei­nem Fens­ter im fünf­ten Stock. Zu ihm gibt es un­ter­schied­li­che Al­ters­an­ga­ben. Die Po­li­zei geht von Sui­zid aus. Er sei we­gen psy­chi­scher Pro­ble­me in Be­hand­lung ge­we­sen, hieß es. Vor dem Mehr­ge­schos­ser er­in­nert am Sonn­tag nichts mehr an den Vor­fall. Ein An­woh­ner zeigt auf ei­ne klei­ne Pfüt­ze. Dar­über be­fin­de sich das Fens­ter, aus dem der Afri­ka­ner sprang, be­rich­tet er. Er ist wü­tend. „Es hat kei­ne Ru­fe ge­ge­ben“, schnauft der An­woh­ner. Ein 27 Jah­re al­ter Flücht­ling läuft am Sonn­tag um den Block und zeigt auf sei­nem Han­dy Bil­der von dem Ein­satz. Zu se­hen ist die Feu­er­wehr mit ei­nem Sprung­tuch. Laut Po­li­zei sprang der Afri­ka­ner da­ne­ben. Er starb we­nig spä­ter in ei­nem Kran­ken­haus.

Ei­ne An­woh­ne­rin (78) schüt­telt den Kopf und sagt: „Wie konn­te un­se­re Stadt nur so in Ver­ruf ge­ra­ten?“

Fotos: dpa

Vom 5. Stock die­ses Plat­ten­baus aus DDR-Zei­ten stürz­te sich am Frei­tag ein jun­ger Asyl­be­wer­ber aus dem Fens­ter. Er starb im Kran­ken­haus

Sch­m­öllns Bür­ger­meis­ter Sven Schra­de (SPD)

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