Voll­tref­fer im Fins­te­ren

tz - - MENSCHEN - BEA­TE KAY­SER

Ge­nau­er könn­te Ödön von Hor­váth Glau­be Lie­be Hoff­nung gar nicht pas­sen: Wenn ein gan­zes Volk, wie wir täg­lich le­sen, Ab­stiegs­ängs­te hat, braucht an die­sem „klei­nen To­ten­tanz“auch nicht in Rich­tung Ta­ges­ak­tua­li­tät her­um­ge­schraubt zu wer­den, wie es heu­te an den meis­ten Thea­tern üb­lich ist. Die Par­al­le­len sind evi­dent. Vor al­lem wä­re für sol­che Pseu­do-Ak­tua­li­tät ein Mann wie Da­vid Bösch auch nicht zu ge­win­nen. Er ar­bei­tet als Re­gis­seur im­mer für die Ge­gen­wart – sei sein Stück 2000 oder, wie hier, 85 Jah­re alt.

Glau­be Lie­be Hoff­nung ist ein bit­te­res Stück. Glas­klar be­schreibt es das Schick­sal des Mäd­chens Eli­sa­beth, das auf die Idee kommt, sei­nen Kör­per nach dem Tod zu ver­kau­fen, das Geld aber so­fort in Emp­fang zu neh­men, denn da­mit soll ein Wan­der­ge­wer­be­schein ge­kauft wer­den. Schwie­rig­kei­ten tun sich auf. Schließ­lich leiht ihr ein Prä­pa­ra­tor vom ana­to­mi­schen In­sti­tut das Geld, zeigt sie aber an, als er er­fährt, dass sie es zur Be­glei­chung ei­ner Stra­fe (eben we­gen nicht vor­han­de­nen Ge­wer­be­scheins) ver­wen­det hat. Nach ih­rem kur­zen Ge­fängs­nis­auf­ent­halt ver­liebt sich ein jun­ger Po­li­zist in sie, lässt sie aber fal­len, als er von der Ge­fäng­nis­stra­fe hört. Ohne Geld, ohne Lie­be, ohne Hoff­nung geht sie ins Was­ser.

Die­sen Stoff kann man auf ganz ver­schie­de­ne Wei­se auf die Büh­ne brin­gen. Ein saf­ti­ges Volks­stück steckt al­le­mal noch dar­in. Bösch ist aber kein Freund von fet­tem Rea­lis­mus. Auf der fast lee­ren Büh­ne von Patrick Bann­wart lässt er scharf ge­zeich­ne­te Ty­pen auf­tre­ten, de­nen er ein Cha­rak­te­ris­ti­kum mit­gibt, durch das sich der je­wei­li­ge Cha­rak­ter blitz­ar­tig er­hellt: Der gro­be Ober­prä­pa­ra­tor mit blu­ti­ger Schür­ze (Ar­nulf Schu­ma­cher) trinkt in See­len­ru­he aus sei­nem Was­ser­glas, wäh­rend er sich an ei­ner Lei­che zu schaf­fen macht.

Ein ko­mi­scher Mo­ment: wenn in ei­ner Strip­tease-Sze­ne zwi­schen Po­li­zist (Till Fi­rit) und Mäd­chen Eli­sa­beth plötz­lich So­cken­hal­ter durch die Luft wir­beln – so was trug man 1932, im Ent­ste­hungs­jahr des Stücks.

Va­le­rie Pach­ner als re­so­lu­te Eli­sa­beth fällt durch ih­re sprach­li­che Dif­fe­ren­ziert­heit auf. Sie geht Hor­váth schnör­kel­lo­se, di­rek­te Spra­che mit vie­len Far­ben an. Ein star­kes Mäd­chen, auch im Un­ter­gang.

Das Pu­bli­kum war spür­bar ani­miert von Stück und Mach­art. Viel spon­ta­ner Ap­plaus. Wie­der am 28 .10., 4.11., 10.11.,15.11. und 30.11., Tel. 089/ 21 85 19 40

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.