Die mo­derns­te Au­to­fa­brik Eu­ro­pas

tz - - GELD+MARKT - MARC KNIEPKAMP

Au­to­mo­bil­wer­ke sind groß – im­mer. Meist geht es an den Bän­dern aber so ge­schäf­tig zu, dass dem Be­su­cher die schie­re Di­men­si­on des Werks gar nicht so recht be­wusst wird. Im neu­en VWWerk im pol­ni­schen Wr­zes­nia ist das an­ders – noch. Wer durch die mäch­ti­gen Hal­len schlen­dert, er­fährt die Grö­ße des ge­ra­de erst er­öff­ne­ten Ge­bäu­des haut­nah. Denn bis­her ar­bei­tet hier erst ei­ne Schicht, die weit­läu­fi­gen Gän­ge in dem knapp ein Ki­lo­me­ter lan­gen und 500 Me­ter brei­ten Ge­bäu­de sind leer, nur ver­ein­zelt trifft man auf Ar­bei­ter, die hier am Hoff­nungs­trä­ger des Volks­wa­gen-Kon­zerns schrau­ben.

Mit dem Craf­ter wagt der Wolfs­bur­ger Kon­zern ei­nen Schritt in die Un­ab­hän­gig­keit. Bis­her hat­te das Un­ter­neh­men sei­nen Klein­trans­por­ter Craf­ter bei Daim­ler bau­en las­sen, auf Ba­sis des Mer­ce­des Sprin­ter. „Da­mit wa­ren wir ein Stück weit von der dy­na­mi­schen Ent­wick­lung die­ses Markts ab­ge­schnit­ten“, be­klag­te sich Eck­har­dScholz, der im VW-Vor­stand für die leich­ten Nutz­fahr­zeu­ge zu­stän­dig ist. Scholz wei­ter: „Der in­nen­städ­ti­sche Ver­kehr lebt von die­sen Fahr­zeu­gen“– und ih­re Be­deu­tung wer­de mit dem Wachs­tum des On­line­han­dels in Zu­kunft wei­ter zu­neh­men.

An die­sem Wachs­tum will Volks­wa­gen teil­ha­ben – und hat da­für al­le He­bel in Be­we­gung ge­setzt . Im Al­lein­gang hat der Kon­zern den neu­en Craf­ter ent­wi­ckelt und ne­ben­bei in Re­kord- zeit – ei­gens für das neue Mo­dell – das Werk in Wr­zes­nia hoch­ge­zo­gen. Nur 23 Mo­na­te sind zwi­schen der Grund­stein­le­gung und der Er­öff­nung am Mon­tag ver­gan­gen – nor­ma­ler­wei­se müss­te man min­des­tens 30 Mo­na­te Bau­zeit ver­an­schla­gen.

Da­für muss­ten auf dem 220 Hekt­ar gro­ßen Ge­län­de zu Spit­zen­zei­ten 3500 Men­schen auf der Bau­stel­le ar­bei­ten. 50 000 Kip­plas­ter­fahr­ten wa­ren nö­tig, um ei­ne Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Er­de zu be­we­gen, 4000 Be­fes­ti­gungs­pfäh­le wur­den 16 Me­ter tief in den Bo­den ge­rammt. Jens Ock­sen, Vor­stands­chef von Volks­wa­gen Poz­nan, zur tz: „Als ich mit dem Sohn pol­ni­scher Freun­de die Bau­stel­le be­sich­tigt ha­be, frag­te der sei­ne El­tern: ,Baut On­kel Jens hier ei­ne neue Stadt?’“ Am En­de hat Volks­wa­gen im west­li­chen Po­len et­wa 800 Mil­lio­nen Eu­ro in­ves­tiert – die größ­te aus­län­di­sche In­ves­ti­ti­on in Po­len über­haupt. Die soll sich schon bald be­zahlt ma­chen: 100 000 Craf­ter und bau glei­che MAN TGE sol­len hier vom Band rol­len. Die neue Frei­heit vom Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner Daim­ler führt da­zu, dass VW jetzt ins­ge­samt 69 De­ri­va­te an­bie­ten kann. „Bei den Nutz­fahr­zeu­gen ist schließ­lich fast je­des Fahr­zeug ei­ne Spe­zi­al­lö­sung“, er­klärt Scholz. Drei un­ter­schied­li­che An­triebs­ar­ten, vier Mo­tor­va­ri­an­ten, drei ver­schie­de­ne Län­gen von bis zu 7,391 Me­tern und drei un­ter­schied­li­che las­sen vie­le mög­li­che Nut­zungs­ar­ten zu – vom Kran­ken­wa­gen bis zum Ku­rier­fahr­zeug. Die vol­le Ka­pa­zi­tät von 100 000 Fahr­zeu­gen wird das Werk aber wohl erst im Jahr 2018 er­rei­chen. An­fang des kom­men­den Jah­res soll die zwei­te Schicht ih­ren Di­enst an­tre­ten, ins­ge­samt sol­len dann be­reits 50 000 bis 60 000 Craf­ter das Werk ver­las­sen. Um die­se Fahr­zeu­ge dann auch an den Mann zu brin­gen, setzt VW auf sein vor­han­de­nes Kun­den­po­ten­zi­al: „Wir ha­ben das größ­te Ver­triebs­netz für leich­te Nutz­fahr­zeu­ge in Eu­ro­pa – das müs­sen wir jetzt nut­zen“, for­dert VW-Vor­stand Scholz. In Wr­zes­nia sind sie froh, dass VW sei­ne Chan­ce in Po­len sucht: „Für un­se­re Stadt ist das ein Wen­de­punkt“, sagt Bür­ger­meis­ter To­masz Kałuz­ny. Kein Wun­der – nicht nur VW schafft neue Jobs, auch fünf wei­te­re Zu­lie­fe­rer ha­ben sich an­ge­sie­delt.

Fo­tos: Marc Kniepkamp (4), rts, fkn

Oben links und Mit­te: Das Werk in Wr­zes­nia ist so groß wie 300 Fuß­ball­plät­ze Un­ten links: Bis 2018 sol­len 3000 Men­schen in dem Werk ar­bei­ten Rechts: Mit­ar­bei­ter le­gen in der Mo­to­ren­pro­duk­ti­on Hand an

Links: Der neue Craf­ter im Licht­tun­nel Rechts: tz-Re­por­ter Marc Kniepkamp am Pro­duk­ti­ons­band im VW-Werk Wr­zes­nia

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