„Sei ein Kö­nig“

tz - - REPORT -

San­dy McIn­tosh weht der Wind durch die Haa­re. Die Luft schmeckt nach Meer­was­ser, im Hin­ter­grund rauscht der Oze­an. Ei­ne dunk­le Son­nen­bril­le ver­deckt sei­ne schma­len, brau­en Au­gen. Die kräf­ti­ge Stim­me re­det ge­gen den pfei­fen­den Wind an. Sein stäm­mi­ger Kör­per hat kei­ne Pro­ble­me, den stär­ke­ren Bö­en stand­zu­hal­ten.

„Da vor­ne.“Sein Fin­ger deu­tet auf ei­nen Sand­strand des At­lan­tic Beach Clubs, der von Lie­ge­plät­zen um­stellt ist. Ca­ba­nas. Im Som­mer ent­span­nen Fa­mi­li­en hier in Long Beach, 46 Ki­lo­me­ter von Man­hat­tan ent­fernt. Ein Treff­punkt für Pri­vi­le­gier­te. Wie schon vor 60 Jah­ren. „Da vor­ne, dort hat­te Do­nald sein Zelt auf­ge­baut. Wir sa­ßen zu­sam­men und er brach­te mir das Kar­ten­spie­len bei.“McIn­tosh, da­mals um die elf Jah­re alt, hält in­ne: „Ca­nasta.“Er spricht von Do­nald Trump. Spiel­kar­ten, Back­förm­chen, Sand­bur­gen. Nor­mal für ei­nen klei­nen Bu­ben.

Ein Blick in Trumps Ver­gan­gen­heit ver­rät mehr. Vom stren­gen Va­ter auf Er­folg ge­trimmt, als Te­enager auf ei­ne Mi­li­tär­schu­le ab­ge­scho­ben. „Sei ein Kil­ler, sei ein Kö­nig“bläu­te Fred Trump, ein New Yor­ker Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer, ihm schon in frü­hen Jah­ren ein, er­klärt Bio­graf Micha­el D’An­to­nio. Ei­ne Spu­ren­su­che in der Kind­heit zeigt, wie aus ei­nem klei­nen Jun­gen aus Queens ein Mann wer­den konn­te, der sich nicht nur als Kö­nig von New York sieht, son­dern als Heiland für ei­ne Welt­macht.

Ein klei­nes Haus in Oce­an­si­de, Long Is­land. McIn­tosh kramt in ei­nem über­füll­ten Bü­cher­re­gal. „Da ist es“, sagt er stolz und holt ein schwar­zes Buch mit sil­ber­ner Auf­schrift her­aus. Das Jahr­buch der New York Mi­li­tär­aka­de­mie von 1964. Ein Ab­sol­vent: Do­nald Trump. McIn­tosh war zwei Jahr­gän­ge un­ter ihm. „Mein Va­ter schick­te mich auf die Mi­li­tär­aka­de­mie. Er kann­te Do­nalds Va­ter Fred aus dem Beach Club. Als wir uns am Strand tra­fen, war das kein Zu­fall. Fred stell­te uns vor und er hielt es für ei­ne gu­te Idee, dass Do­nald auf mich acht­ge­ben soll­te.“McIn­tosh spricht mit sou­ve­rä­ner Stim­me, wählt sei­ne Wor­te mit Be­dacht und nimmt sich Pau­sen zum Über­le­gen.

Er schlägt das Buch auf, blät­tert und fin­det schnell die rich­ti­ge Sei­te. „Hier, da ist Do­nald.“Ein blon­der Bub mit ver­schmitz­tem Lä­cheln. „Er war im­mer nett zu mir. Viel­leicht aber auch, weil Fred ihm den Auf­trag da­zu ge­ge­ben hat­te. Er ge­horch­te sei­nem Va­ter aufs Wort.“Trump Se­ni­or war streng und ar­bei­te­te hart. Nichts­tun ein Fremd­wort. Und wenn die Kin­der Zeit mit ihm ver­brin­gen woll­ten, be­glei­te­ten sie ihn auf die Bau­stel­len. Ehr­geiz und Dis­zi­plin: zwei sei­ner Ma­xi­men. Von sei- nen Kin­dern ver­lang­te er auch, dass sie mit dem Zei­t­un­g­aus­tra­gen ihr ei­ge­nes Geld ver­die­nen. „Das Ver­hal­ten ei­ner do­mi­nie­ren­den Per­sön­lich­keit wur­de ihm vor­ge­lebt“, be­schreibt Bio­gra­fin Gwen­da Blair die frü­he Pha­se in Trumps Le­ben.

Der Ge­gen­pol war die Mut­ter. Fred scheu­te das so­zia­le Um­feld und hat­te nur Ar­beit im Kopf. Ma­ry Trump hin­ge­gen pfleg­te vie­le Kon­tak­te und schmiss den Haus­halt. „Sie hat sehr viel Wert auf Thea­tra­lik und Dra­ma­tik ge­legt“, be­tont D’An­to­nio. „Das hat Do­nald von sei­ner Mut­ter über­nom­men“. In ihm „ver­schmol­zen die Ei­gen­schaf­ten der El­tern“, er­gänzt Blair. „Uner­müd­li­cher Wett­kampf und das Ge­nie­ßen des Ram­pen­lich­tes.“

Als Do­nald Trump 1946 ge­bo­ren wur­de, leb­te die Fa­mi­lie im no­blen Vier­tel Ja­mai­ca Esta­tes in Queens. 40 Mi­nu­ten von Man­hat­tan ent­fernt. Oh­ne Ge­hu­pe, Men­schen­mas­sen, Stadt­mief. Statt­des­sen brum­men hier Ra­sen­mä­her und es duf­tet nach frisch ge­mäh­tem Gras. Und das Haus der Trumps im Ware­ham Place 85-15 ist nur ei­nes von vie­len. Fünf Schlaf­zim­mer, vier Bä­der auf 230 Qua­drat­me­tern. Kein Ver­gleich zu Trumps 100 Mil­lio­nen Apart­ment im Trump Tower. Das Haus steht ak­tu­ell zu­mVer­kauf. Ein kur­zer Druck auf die Klin­gel, der Be­sit­zer öff­net. Ge­gen ei­ne Be­sich­ti­gung hat er nichts ein­zu­wen­den. Ein reich ver­zier­ter Ka­min aus dunk­lem Holz schmückt das Wohn­zim­mer. Über of­fe­ne Bo­gen­gän­ge geht es ins Ess­zim­mer und in die rus­ti­ka­le Kü­che. Bo­den­stän­dig.

Ei­ne Trep­pe führt vom Wohn­zim­mer aus in den ers­ten Stock. Sie knarzt. Sechs Stu­fen, rechts, zwei Stu­fen, rechts, vier wei­te­re Stu­fen. An­ge­kom­men. Ein klei­ner Flur, vier Zim­mer ge­hen von ihm ab, ei­ne wei­te­re Trep­pe führt ins Dach­ge­schoss. Links ge­langt man di­rekt in ei­nes der Bä­der. Qu­iet­schi­ges Pink, goldene Ar­ma­tu­ren. Ei­ne Nass­zel­le der Mar­ke Bar­bie-Traum­haus. Hier putz­te sich Do­nald die Zäh­ne, be­vor er über den Flur in sein Zim­mer husch­te oder sich vor dem Zu­bett­ge­hen noch ein­mal die Trep­pe hin­un­ter­stahl, um ei­nen Keks zu sti­bit­zen.

Mit vier Kin­dern wur­de das Haus für die Fa­mi­lie bald zu klein. Va­ter Trump be­gann zu bau­en. Nur ei­ne Qu­er­stra­ße wei­ter. 23 Zim­mer, die Fas­sa­de aus Back­stein, der Haus­ein­gang von sechs wei­ßen Säu­len ge­tra­gen. Ein we­nig wie das Wei­ße Haus in Washington. Die lang­ge­zo­ge­ne Trep­pe, die sich zur schlich­ten, brau­nen Ein­gangs­tür schlän­gelt, hat et­was von ei­nem ro­ten Tep­pich. Es war für Fred das, was für Do­nald der Trump Tower ist. Ein Sta­tus­sym­bol. „Sie ha­ben sich im­mer als sehr pri­vi­le­giert an­ge­se­hen, fast schon mit roya­lem Cha­rak­ter“, sagt D’An­to­nio.

Nur ein paar Blocks ent­fernt leb­te Ann Ru­dovs­ky. Mit ih­ren Freun­den spiel­te sie auf den Stra­ßen der Nach­bar­schaft. Wenn Do­nalds Va­ter mit ei­nem sei­ner Ca­dil­lacs vor­bei­fuhr, er­kann­ten sie das Au­to so­fort. Fred hat­te per­so­na­li­sier­te Num­mern­schil­der. FT1, FT2. Da­mals ei­ne Sel­ten­heit. „Die Kin­der sa­hen wir aber nie drau­ßen spie­len. Sie leb­ten in ih­rer ei­ge­nen, klei­nen Welt. Und de­fi­ni­tiv nicht in mei­ner.“Trump sei aber kein Ein­zel­gän­ger ge­we­sen, be­tont Bio­gra­fin Gwen­da Blair. „Er hat­te sei­ne so­zia­le Grup­pe, war zu Par­tys ein­ge­la­den. Er war we­der son­der­lich be­liebt, noch ein ein­sa­mer Wolf. Aber auch ein An­ge­ber, der früh als taf­fer Jun­ge an­ge­se­hen wer­den woll­te.“

Mit Schul­uni­form und in der Pri­vat­li­mou­si­ne chauf­fiert fuhr Trump je­den Mor­gen zur Pri­vat­schu­le. Nur we­ni­ge Mi­nu­ten vom El­tern­haus ent­fernt. Die Ke­wFo­rest-School liegt je­doch ab­seits der Bla­se, in der die Fa­mi­lie leb­te. Mit­ten in Queens, an ei­ner be­fah­re­nen Haupt­stra­ße, wo sich Las­ter an Las­ter reiht und es nach Ab­ga­sen stinkt. Doch die 1918 er­öff­ne­te Schu­le gleicht ei­ner En­kla­ve für pri­vi­le­gier­te Kin­der. Für die Öf­fent­lich­keit ist das Ge­bäu­de ge­sperrt. Das Erd­ge­schoss ist fens­ter­los. Ein Blick in die Klas­sen­zim­mer? Un­mög­lich.

Es dau­er­te nicht lan­ge und in der Schu­le häuf­ten sich Be­schwer­den über Trump. Er selbst be­rich­te­te ein­mal, dass er auf ei­nen Mu­sik­leh­rer los­ge­gan­gen sei. D’An­to­nio er­gänzt: „Die Leh­rer rie­fen bei den Trumps an, da Do­nald oft stör­te, un­ge­hor­sam war und an­de­re schi­ka­nier­te“. Um den Sohn zu dis­zi­pli­nie­ren, schick­te ihn Fred auf die New York Mi­li­tär­aka­de­mie. 90 Ki­lo­me­ter nörd­lich von New York. Mit 13 Jah­ren. Für den Bio­gra­fen ein ent­schei­den­der Mo­ment: „In der Theo­rie der

nar­ziss­ti­schen

F.oto D. Las­ka F.: To­ni Rai­ten F.: McIn­tosh Fo­tos: Paul Onish, McIn­tosh, Las­ka

The App­ren­ti­ce. Bio­gra­fin Gwen­da Blair Trump (o., 2.v.li.) beim Exer­zie­ren und Base­ball­spie­len (3.v.re.) in der Mi­li­tär­aka­de­mie Trump (o., 2.v.li.) mit Schul­freun­den. In der Mi­li­tär­aka­de­mie (li.) war er in vie­len Dis­zi­pli­nen ein be­gna­de­ter Sport­ler. Un­ten: Trumps Por­trait im Jahr­buch Bio­graf Micha­el D‘An­to­nio

Fo­tos: Do­mi­nik Las­ka

Oben: Im At­lan­tic Beach Club in Long Beach lern­te San­dy McIn­tosh (rechts) Do­nald Trump ken­nen

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