Bür­ger­an­walt

Jetzt schreib i

tz - - BURGERANWALT - SLOBODAN VUCETIC (56), ALTENPFLEGER AUS MÜN­CHEN

Nächs­te Woche ge­den­ken wir un­se­rer To­ten. Vie­len Men­schen in un­se­rer sä­ku­la­ren Welt ist gar nicht mehr klar, was es mit den bei­den Fei­er­ta­gen Al­ler­hei­li­gen und Al­ler­see­len am 1. und 2. No­vem­ber auf sich hat. Al­ler­dings kann es auf den Fried­hö­fen auch manch­mal Är­ger ge­ben. Das zeigt un­ser heu­ti­ger Ar­ti­kel. Der Fei­er­tag Al­ler­hei­li­gen ent­stand, weil es im Lau­fe der Zeit in der ka­tho­li­schen Kir­che im­mer mehr hei­lig ge­spro­che­ne Per­so­nen gab, für de­ren Ge­den­ken die 365 Ta­ge im Jahr nicht mehr aus­reich­ten. Dar­um führ­te man im vier­ten Jahr­hun­dert ei­nen ge­mein­sa­men Tag, näm­lich den 1. No­vem­ber,

Mein Sohn Jo­vica ist 1992 im Al­ter von acht Jah­ren an Leuk­ämie ge­stor­ben. Das war kurz nach­dem wir als Ser­ben we­gen des Krie­ges aus un­se­rer an­ge­stamm­ten Hei­mat in Kroa­ti­en ver­trie­ben wur­den. Da­mals hoff­ten wir, dass wir bald zu­rück­ge­hen kön­nen. Des­halb woll­ten wir Jo­vica auch nicht in der Er­de be­stat­ten, son­dern wähl­ten die Kryp­ta am West­fried­hof, denn von hier aus wä­re ei­ne Um­bet­tung leich­ter mög­lich. Auf dem Fried­hof in un­se­rem Dorf in Kroa­ti­en lie­gen mei­ne El­tern und Groß­el­tern und der gan­ze Rest der Fa­mi­lie. Nun aber sind wir im­mer noch hier. Ich ar­bei­te als Kran­ken­pfle­ger und wir wis­sen noch nicht, wie es in Zu­kunft mit uns wei­ter­geht. Ich be­su­che mei­nen Sohn je­de Woche, seit sei­nem Tod. Im­mer wie­der er­le­be ich da­bei den trau­ri­gen Zu­stand der Kryp­ta, seit 15 Jah­ren ist und bleibt sie ei­ne Bau­stel­le, oh­ne dass et­was pas­siert. Mei­ne zwei Töch­ter kom­men sehr un­gern hier­her, sie fin­den es zu gru­se­lig – die Stüt­zen, den brö - ckeln­den Putz und die lee­ren Grä­ber, die im­mer of­fen ste­hen, statt sie we­nigs­tens mit ei­ner Sty­ro­por­plat­te zu ver­de­cken. Än­dert sich das ir­gend­wann? Ich hof­fe sehr. ein, um al­ler Hei­li­gen zu ge­den­ken. Das In­ter­es­san­te ist, dass es auch im heid­ni­schen Eu­ro­pa am Tag vor dem 1. No­vem­ber ei­nen To­ten­kult gab. Im Eng­li­schen heißt die­ser Abend noch heu­te „All Hal­lows Eve“. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich Hal­lo­ween. Wis­sen­schaft­ler glau­ben, dass die Kir­che ver­sucht hat, die­sen heid­ni­schen To­ten­kult zu chris­tia­ni­sie­ren und des­we­gen für das Al­ler­hei­li­gen­fest den 1. No­vem­ber be­stimm­te. Am Tag nach Al­ler­hei­li­gen fei­ern wir Al­ler­see­len. Wir ge­den­ken al­so der See­len, die im Fe­ge­feu­er auf ih­re end­gül­ti­ge Er­lö­sung war­ten. Hin­ter dem Be­griff „Fe­ge­feu­er“steht das la­tei­ni­sche Wort „Pur­ga­to­ri­um“. Es be­deu­tet Läu­te­rungs­zu­stand und wur­de et­was un­glück­lich über­setzt. Mit Feu­er und Bren­nen hat das Pur­ga­to­ri­um näm­lich we­nig zu tun. Es be­rei­tet uns auf den Him­mel vor. Nach ei­nem sehr al­ten Volks­glau- ben stei­gen die ar­men See­len am Al­ler­see­len­tag für kur­ze Zeit aus dem Fe­ge­feu­er her­auf zu uns, um sich von ih­ren Qua­len ein biss­chen aus­zu­ru­hen. Da­mit sie dann nicht hun­gern müs­sen, stell­te man ih­nen Al­ler­see­len­bro­te auf den Kü­chen­tisch. Der Sinn die­ses Brau­ches ist weit­ge­hend ver­ges­sen, die Bro­te gibt es aber im­mer noch. Ihr

Ihr

Te­le­fon 089/530 65 22, Fax: 089/530 61 27, buer­ger­an­walt@tz.de, tz-Re­dak­ti­on, „Jetzt schreib i“, 81027 Mün­chen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.