Ge­spräch mit ei­ner Amei­se

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Ei­ne Amei­se wu­selt über den Bier­gar­ten­tisch, er­klimmt den Brot­zeit­tel­ler des Sch­wa­gers, späht über den Rand und spei­chert in ih­rem Kleinst­hirn: ge­misch­ter Press­sack in Es­sig und Öl. Dann um­run­det sie den Mass­krug und re­gis­triert: Res­te ei­ner Rus­sen­mass. Schließ­lich be­steigt sie sei­nen Dau­men, ver­mut­lich um zu er­kun­den, ob er zu ei­ner weib­li­chen oder männ­li­chen Pratzn ge­hört.

Du lebst ge­fähr­lich, Klei­ne, spricht sie der Sch­wa­ger an. Erst hüpfst du auf mei­nem Tel­ler rum, dann kit­zelst du mich auch noch. Ein an­de­rer hät­te dich längst eli­mi­niert!

Zu sei­nem maß­lo­sen Er­stau­nen fängt das klei­ne Biest zu spre­chen an: Ent­schul­di­ge, sagt es, ich tu’s ja nicht aus ei­ge­nem An­trieb, son­dern auf al­ler­höchs­ten Be­fehl. Auf wes­sen Be­fehl? fragt der Sch­wa­ger zu­rück. Auf Be­fehl mei­ner Kö­ni­gin. Ich ge­hö­re näm­lich dem ge­hei­men Nach­rich­ten­dienst un­se­res Staa­tes an und ha­be den Auf­trag, die Fress- und Sauf­ge­wohn­hei­ten der Be­su­cher die­ses Bier­gar­tens zu er­kun­den.

Aha. Und wie sind die­se Ge­wohn­hei­ten? Ab­scheu­lich! Mein Volk wür­de der­glei­chen nie­mals an­rüh­ren. Wenn wir Hun­ger ha­ben, fres­sen wir Lar­ven, wenn wir Durst ha­ben, mel­ken wir Läu­se. Pfui Dei­fe!, ruft der Sch­wa­ger ent­setzt. Ihr tut mir ehr­lich leid! Jetzt pro­bier ein­mal das da … – er schüt­tet ein win­zi­ges La­ckerl aus sei­nem Krug auf die Tisch­plat­te, und die Mi­ni-Spio­nin ver­lässt tat­säch­lich sei­nen Dau­men und be­ginnt an dem nas­sen Fleck zu zu­zeln. Öha, sagt sie, das kann man ja zur Not trin­ken. Aber bei Voll­bier hab ich das letz­te Mal mei­ne Bei­ne furcht­bar durch­ein­an­der­ge­bracht und auf dem Heim­weg dau­ernd ki­chern müs­sen.

Das ist mir auch schon öf­ter pas­siert, ge­steht der Sch­wa­ger. Aber sag ein­mal, dein Auf­trag ist ja wirk­lich le­bens­ge­fähr­lich! Auf frem­den Tel­lern schnüf­feln, da droht dir doch je­des­mal Mord und Tot­schlag

Wir Amei­sen sind be­reit, für un­se­re Kö­ni­gin je­der­zeit Leib und Le­ben zu las­sen! Ja, so blöd wa­ren wir auch ein­mal, mur­melt der Sch­wa­ger, um fort­zu­fah­ren: Und was sagst du da­zu, dass euch Ar­beit­sa­mei­sen nicht ein­mal ein ge­re­gel­tes Trieb­le­ben ge­stat­tet ist? Das be­trach­ten wir als gro­ßen Vor­teil, denn da­durch bleibt uns viel Kum­mer und Ver­druss er­spart.

Da liegst du nicht ein­mal ganz so falsch, sagt der Sch­wa­ger. Und was wirst du heu­te dei­ner Queen mel­den? Dass der Fraß im Bier­gar­ten schau­der­haft, im ge­gen­über­lie­gen­den Ca­fé aber ers­te Sah­ne ist. Ja, spio­nierst du denn auch in Ca­fés? Frei­lich – und viel lie­ber als hier. Be­son­ders lie­be ich Kä­se­sah­ne. Mei­ne Kö­ni­gin üb­ri­gens auch. Schon drei­mal hab ich den Auf­trag ge­habt, ihr ein paar Brö­sel da­von mit­zu­brin­gen.

Das bra­ve Tier ließ, nach­dem es sich ver­ab­schie­det hat­te und im Un­ter­grund ver­schwun­den war, ei­nen sehr nach­denk­li­chen Sch­wa­ger zu­rück. Miss­trau­isch be­trach­te­te er sei­ne Press­sack-Res­te und schiel­te dann sehn­süch­tig über den Zaun zum na­hen Ca­fé hin­über. Als re­gie­ren­der Amei­sen­kö­nig hät­te er jetzt sei­nem Nach­rich­ten­dienst al­ler­durch­lauch­tigst die so­for­ti­ge Her­bei­schaf­fung von drei Stück Käs­ku­chen be­foh­len.

*** Aus dem kürz­lich er­schie­ne­nen Ge­schenk­bü­cherl Lau­ter Vie­che­rei­en, Ver­se und Ge­schich­ten von Her­bert Schnei­der, Bay­er­land Ver­lag, € 7,95

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