Über­all wa­ren hilf­lo­se Leu­te

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Vor dem zwei­ten Kon­zert ge­gen 20 Uhr tritt ei­ne Da­me vom Team auf die Büh­ne. Sie be­ru­higt die Zu­schau­er, es ge­be für das Fes­ti­val kei­ne War­nung. An­na Schwarz über­blickt das Ge­län­de. Der Markt dort ist wie leer ge­fegt, die Händ­ler ha­ben dicht ge­macht. Die Dach­aue­rin hört Si­re­nen, ein He­li­ko­pter kreist über dem Ge­län­de. Dann ein Knall! An­na und ih­re Cou­si­ne er­schau­ern. Doch Gott sei Dank! Es war nur der Start vom Mark Fors­ter-Kon­zert. Um 21.20 Uhr ent­schei­det die Fes­ti­val­lei­tung dann doch, das Kon­zert ab­zu­bre­chen und das Kon­zert­zelt zu räu­men. „Uns wur­de ge­sagt, wir soll­ten gut nach Hau­se kom­men. Aber wie? Der Fes­ti­val­bus fuhr ja nicht mehr“, er­in­nert sich die Vo­lon­tä­rin. Sie ruft ih­re El­tern an. Ihr Va­ter holt sie ab. Die letz­ten Schrit­te zum Au­to ren­nen sie vor Er­leich­te­rung. Dann ent­de­cken sie Leu­te am Stra­ßen­rand, die of­fen­bar nach ei­ner Mit­fahr­ge­le­gen­heit su­chen. „Un­ser Au­to steht an der Mes­se­stadt Ost,“sa­gen sie. Aber die U-Bah­nen fah­ren nicht. Egal. An­na Schwarz nimmt die bei­den Mä­dels aus Mühl­dorf und Frei­sing kur­zer­hand mit heim nach Dach­au. „Wir woll­ten al­le ein­fach nur raus aus der Stadt.“Die Mäd­chen über­nach­ten bei An­na Schwarz. „Uns hat das ge­mein­sam Durch­ge­stan­de­ne ver­bun­den.“

In der Nacht schläft An­na Schwarz schlecht. „Ich ha­be ge­träumt, dass wir vor dem Tä­ter weg­lau­fen, es aber nicht schaf­fen …“

Sein Sohn warnt ihn übers Han­dy: „Pa­pa, fahr heim!“Über Funk kommt die An­sa­ge, kei­ne Fahr­gäs­te mit­zu­neh­men. Der oder die Tä­ter könn­te ein Ta­xi zur Flucht nut­zen. Aber Micha­el H. (56), seit 30 Jah­ren Ta­xi­fah­rer in Mün­chen, kann nicht ein­fach weg­fah­ren. „Über­all stan­den hilf­lo­se Leu­te auf den Stra­ßen. Es war chao­tisch. U-Bahn, Bus, Tram – es fuhr ja nichts mehr!“

Micha­el H. ist kein Typ, der sich schnell be­un­ru­hi­gen lässt. „Wenn’s pas­sie­ren soll, pas­siert’s. Ich woll­te ein­fach den Leu­ten hel­fen. Und ich ha­be mir vor­ge­nom­men, erst mal nur Frau­en und Kin­der mit­zu­neh­men.“Auf der Lands­ber­ger Stra­ße win­ken stän­dig Pas­san­ten. Micha­el H. weiß gar nicht, wen er zu­erst mit­neh­men soll. „Ich ha­be bis Mit­ter­nacht be­stimmt 30 Per­so­nen mit­ge­nom­men.“

Ganz zum Schluss will ein Fahr­gast in die Ha­nau­er Stra­ße, in die Nä­he des Tat­or­tes. Der Ta­xi­fah­rer lie­fert ihn ab – und ahnt nicht, dass sei­ne schwie­rigs­te Fahrt noch vor ihm liegt. Micha­el H. ent­deckt ei­ne Fa­mi­lie mit zwei Kin­dern am Stra­ßen­rand. „Die stan­den to­tal ver­lo­ren da rum.“

Im Wa­gen stellt sich her­aus: Die Fa­mi­lie hat­te sich stun­den­lang im OEZ vor dem Amok­läu­fer ver­schanzt. „Die ha­ben nicht viel er­zählt wäh­rend der Fahrt nach Dach­au. Sie wirk­ten ge­schockt und ha­ben al­le nur vor sich hin­ge­starrt. Die woll­ten nur weg!“Micha­el H. hakt nicht nach. Er macht sei­nen Job und bringt die vier nach ih­rem Mar­ty­ri­um zu­rück ins si­che­re, ru­hi­ge Heim.

Toll­wood- Micha­el H. chauf­fier­te ge­stran­de­te Frau­en und Kin­der

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