Lie­ber ei­ne Not­lü­ge als Pa­nik

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Es ist 18.22 Uhr, als Jo­han­nes Mül­ler ei­ne SMS emp­fängt: Schie­ße­rei am OEZ, in der In­nen­stadt nicht das Haus ver­las­sen, drei Tä­ter auf der Flucht, fünf To­te. In Mül­lers Gast­gar­ten läuft ein Wein­fest mit Blas­mu­sik. 1300 Gäs­te sit­zen im Al­ten Hof, zwi­schen Ma­ri­en­platz und Ode­ons­platz. Mül­ler hat nur ei­nen Ge­dan­ken: „Wie krie­ge ich die Leu­te vom Hof, oh­ne dass Pa­nik ent­steht?“

Mül­ler steigt auf ei­nen Tisch, hält sein Smart­pho­ne in die Luft. „Ach­tung, Ach­tung!“, ruft Mül­ler und we­delt mit dem Han­dy. Er ha­be ei­ne Ka­ta­stro­phen­war­nung der Stadt Mün­chen er­hal­ten. „Da kommt ein Ha­gel­sturm!“In Lands­berg sei schon al­les ka­putt. Mül­lers Ge­dan­ken ra­sen. Spä­ter sagt er: „Ich muss­te ir­gend­ei­nen Schmarrn er­zäh­len.“

Er müs­se das Wein­fest jetzt ab­bre­chen. Die Kell­ner weist er an, al­le Wein­stän­de zu schlie­ßen. „Die ha­ben ge­schaut, als hät­te ich den Ver­stand ver­lo­ren.“Die Gäs­te wol­len nicht ge­hen. Mül­ler wird laut: „Wenn ihr jetzt nicht geht, be­kom­me ich nächs­tes Jahr kei­ne Ge­neh­mi­gung.“800 Gäs­te ver­las­sen das Fest, 500 blei­ben. Sie bit­tet Mül­ler ins Lo­kal. „Ich geb’ ei­nen aus!“Wer nicht folgt, be­kommt Haus­ver­bot. „Ver­traut mir ein­fach.“

Im Lo­kal ist Platz für 250 Men­schen, jetzt sind es 400. Mül­ler lässt die Tü­ren ab­sper­ren und die Not­aus­gän­ge mit Ti­schen ver­ram­meln. Dann stellt er sich an die Ein­gangs­tür und lässt die Gäs­te rein, aber nie­man­den raus. Es gibt kein Netz, Gäs­te ste­hen mit ih­ren Han­dys an den Fens­tern. Ge­rüch­te. „Ter­ror?“, wie­der­holt Mül­ler und ver­sucht zu la­chen. „So ein Schmarrn, bei uns doch nicht.“Ei­ne Schie­ße­rei un­ter Dro­gen­dea­lern, sonst nichts. Die zwei­te Lü­ge.

Er holt die Blas­ka­pel­le rein, sie soll spie­len, die Gäs­te be­ru­hi­gen. In sei­nem Lo­kal, ho­hes Ge­wöl­be und ed­ler Holz­bo­den, sieht es aus wie in ei­nem La­za­rett. Die Men­schen lie­gen auf den Bän­ken, auf dem Bo­den, vie­le wei­nen. „So stell’ ich mir den Krieg vor.“Jo­han­nes Mül­ler will sei­ne Gäs­te be­ru­hi­gen. „Hier kann euch nix pas­sie­ren. Das ga­ran­tie­re ich euch.“

Ein Mann schlägt Mül­ler ein Glas Rot­wein über den Kopf. Mül­lers wei­ßes Hemd färbt sich rot, aus ei­ner Schnitt­wun­de am Hin­ter­kopf läuft Blut über den Rü­cken. Je­mand fragt, ob die Tü­ren aus Pan­zer­glas sind. Ja, ant­wor­tet Mül­ler, ob­wohl er es bes­ser weiß. Ihm fällt der ru­mä­ni­sche Steh­gei­ger ein, der tag­ein, tag­aus an der Burg­stra­ße steht. Er geht ihn ho­len, der Mann ver­steht kaum Deutsch, wun­dert sich, war­um nie­mand drau­ßen ist. Mül­ler zieht ihn ins Lo­kal. Zu sei­nen Gäs­ten sagt Mül­ler, die Phil­har­mo­ni­ker kä­men, Pri­vat­kon­zert. Der Star-Gei­ger sei schon da. Ge­läch­ter, die Stim­mung wird bes­ser.

Ge­gen 23 Uhr sind die Tü­ren of­fen, ei­ni­ge ge­hen

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