„Sie sa­ßen mit Kopf­schüs­sen am Tisch“

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Es geht um Se­kun­den! Als Not­arzt Da­vid Anz (39) die Stu­fen in den ers­ten Stock des McDo­nald’s-Re­stau­rants hin­auf sprin­tet, weiß er nur, dass er sich um ein ver­letz­tes Mäd­chen küm­mern muss, das ei­ne ro­te Kar­te hat. „Rot“heißt: schwer be­hand­lungs­fä­hig, es geht al­so um Le­ben und Tod. „Ich war vol­ler Ad­re­na­lin, da läuft al­les nach ein­stu­dier­ten Mecha­nis­men ab“, er­zählt der LMUMe­di­zi­ner der tz. Er war ei­ner der Erst­hel­fer, die mit­ten­rein muss­ten in das Grau­en. Erst spä­ter rea­li­siert er: „Das war das Ex­trems­te, was ich je er­lebt ha­be.“

Anz ist ge­ra­de mit Kol­le­gen auf dem Rück­weg von ei­nem Ein­satz an der The­re­si­en­hö­he, als über Funk die Mel­dung kommt: „MANV“. Das be­deu­tet „Mas­sen­an­fall von Ver­letz­ten“. Das könn­te ein grö­ße­rer Un­fall sein oder ein Brand. An ei­nen Amok­lauf denkt da kei­ner im Ein­satz­wa­gen. Au­to­ma­tisch ra­sen sie zu dem ih­nen zu­ge­wie­se­nen Ein­satz­ort, dem McDo­nald’s beim OEZ. „Un­ter­wegs hör­ten wir über Funk, dass es ei­ne Schie­ße­rei mit To­ten ge­ge­ben ha­be“, er­in­nert sich Anz. Angst emp­fin­det er nicht. Er muss Le­ben ret­ten.

Es ist 18.25 Uhr. Der Amok­läu­fer Ali Da­vid S. läuft noch frei her­um. Das Ret­tungs­team kommt am Tat­ort an. Da­vid Anz, selbst Fa­mi­li­en­va­ter, sieht vier to­te Ju­gend­li­che in der Ecke. „Sie sa­ßen auf ei­ner Eck­bank, al­le hin­gen mit ei­nem Kopf­schuss über dem Tisch.“Ih­nen kann der Not­arzt nicht mehr hel­fen. Auf dem Bo­den da­vor liegt sei­ne Pa­ti­en­tin: ein 14-jäh­ri­ges Mäd­chen, eben­falls mit Kopf­schuss. „Sie hat noch ge­at­met, aber ich ha­be so­fort er­kannt, dass es sehr un­wahr­schein­lich ist, dass sie über­lebt.“

Zu­erst wird das Mäd­chen künst­lich be­at­met, so­dass kein Blut in die Lun­ge kommt. Dann sta­bi­li­siert Anz ih­ren Kreis­lauf mit Me­di­ka­men­ten und Flüs­sig­kei­ten. „Sie hat­te schon viel Blut ver­lo­ren.“Als Anz und sei­ne Hel­fer das Mäd­chen ins Freie tra­gen, herrscht dort ei­ne ge­spens­ti­sche At­mo­sphä­re. „Hin­ter je­dem Au­to stan­den Po­li­zis- ten. Die Be­am­ten ha­ben uns auf dem Weg zum Wa­gen mit Ma­schi­nen­ge­weh­ren ge­deckt.“

Kei­ner hat Zeit, an den Amok­läu­fer zu den­ken. Es geht auf dem schnells­ten Weg zum Kli­ni­kum rechts der Isar in den Schock­raum. Da­vid Anz gibt sei­ne Pa­ti­en­tin an die dor­ti­gen Kol­le­gen wei­ter. Schon kurz dar­auf er­hält er die Nach­richt: Das Mäd­chen hat es lei­der nicht ge­schafft. Der Me­di­zi­ner kann zum ers­ten Mal klar den­ken, checkt sei­ne Han­dy­nach­rich­ten: „Ich ha­be da erst ge­merkt, in was für ei­ner ge­fähr­li­chen Si­tua­ti­on ich war.“

Nachts blei­ben Anz und an­de­re No­t­ärz­te noch im Olym­pia­sta­di­on als Re­ser­ve zur Ver­fü­gung. Erst am Mor­gen kehrt der Münch­ner zu sei­ner Frau und sei­nen drei Kin­dern zu­rück. Er­leich­tert neh­men sie ihn in den Arm. Ei­ni­ge Bil­der sind bis heu­te in Da­vid Anz’ Kopf ge­blie­ben. „Aber ich ha­be das re­la­tiv gut ver­ar­bei­tet. Viel mehr hängt mir der Ge­dan­ke an die An­ge­hö­ri­gen nach. Die ha­ben dort ih­re Kin­der ver­lo­ren!“

Da­vid Anz barg ei­ne Ver­letz­te aus dem McDo­nald’s

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