„So et­was ha­be ich noch nie ge­se­hen“

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Ge­gen 18 Uhr er­hält Her­bert Lin­der (59) ei­nen An­ruf. Das Wort „Ter­ror­la­ge“fällt. Lin­der, Ers­ter Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar der Münch­ner Mord­kom­mis­si­on, steigt zu Hau­se in sein Au­to, rast los. Auf der A96 hängt er sich an ei­nen Po­li­zei­Bus mit Blau­licht, 180 Ki­lo­me­ter pro St­un­de, es reg­net, Lin­der te­le­fo­niert. Er tippt ei­ne Nach­richt an die Kol­le­gen. „Wir brau­chen euch ganz drin­gend. Bit­te mel­det euch.“

Die Mann­schaft, et­wa 50 Po­li­zis­ten, trifft sich kur­ze Zeit spä­ter auf der Di­enst­stel­le in der Han­sa­stra­ße. Die In­for­ma­ti­ons­la­ge ist spär­lich, es gibt kei­nen Fern­se­her. Nach und nach tröp­feln In­for­ma­tio­nen über das In­tra­net ein, Te­le­fo­ne klin­geln, die Be­am­ten durch­fors­ten in je­der frei­en Se­kun­de das In­ter­net: Was ist da los am OEZ? Wo wird noch ge­schos­sen? Wie vie­le Tä­ter? Ter­ror?

Es ist schon weit nach 20 Uhr, als die Mord­kom­mis­si­on zum Tat­ort be­or­dert wird. Drei Mo­na­te nach der Amo­knacht sitzt Lin­der in sei­nem Bü­ro in der Han­sa­stra­ße, in ei­nem wand­ho­hen Bü­cher­re­gal ste­hen Ord­ner mit Mord­fäl­len, Lehr­bü­cher. Lin­der ist seit 41 Jah­ren bei der Po­li­zei, 17 Jah­re Mord­kom­mis­si­on. „Aber so et­was wie am 22. Ju­li ha­be ich noch nie ge­se­hen.“Die vie­len Op­fer auf engs­tem Raum. Die Spur der Ge­walt, von der Stra­ße rein in den McDo­nald’s.

Als Lin­der und sechs Kol­le­gen am OEZ ein­tref­fen, ist die Spu­ren­si­che­rung schon da. Tat­or­te und Lei­chen wer­den fo­to­gra­fiert, ge­filmt, mit ei­ner so­ge­nann­ten Sphe­ro-Cam ver­mes­sen. Spä­ter, in ei­nem mög­li­chen Ge­richts­pro­zess, kann der Tat­ort so „wie in ei­nem Com­pu­ter­spiel“noch ein­mal be­gan­gen wer­den.

Zwei Lei­chen lie­gen auf der Ha­nau­er Stra­ße, ei­ne vor der Sa­turn-Fi­lia­le, ein To­ter im OEZ. Im McDo­nald’s vier Lei­chen. Ein fünf­tes Op­fer stirbt spä­ter im Kran­ken­haus. „Wir muss­ten war­ten, konn­ten nicht mit un­se­rer Ar­beit be­gin­nen.“Nie­mand weiß zu die­sem Zeit­punkt, wie vie­le Tä­ter un­ter­wegs sind. Ein ein­zi­ger Amok­läu­fer? Oder ein ko­or­di­nier­ter Ter­ror­an­schlag mit Zie­len über­all in der Stadt?

Zwei Kol­le­gen fah­ren zur Hencky­stra­ße, wo sich ein mut­maß­li­cher Tä­ter er­schos­sen ha­ben soll. In Zwei­er­teams neh­men sich die üb­ri­gen Kri­mi­nal­po­li­zis­ten die Tat­or­te vor. Sie sol­len die Op­fer iden­ti­fi­zie­ren. „Zu sa­gen: Der und der ist un­ter den Op­fern, und letzt­end­lich stimmt das gar nicht – so et­was darf nicht pas­sie­ren.“Mit Plas­tik­über­zü­gen an den Fü­ßen und Hand­schu­hen ma- chen sich die Po­li­zis­ten an die Ar­beit. Ta­schen nach Aus­weis, Ver­si­cher­tenk­ärt­chen oder Mit­glieds­aus­weis­durch­su­chen.Ge­schlecht, Al­ter, Aus­se­hen klä­ren.

Das Blut und die Ver­let­zun­gen er­schwe­ren die Ar­beit. Gibt es An­ge­hö­ri­ge? Ver­miss­ten­an­zei­gen? „Hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit hat man erst, wenn die An­ge­hö­ri­gen die Lei­chen iden­ti­fi­zie­ren.“Oder ein DNA-Ab­gleich. Ein 14-jäh­ri­ges Mäd­chen kann stun­den­lang nicht iden­ti­fi­ziert wer­den. „Sie hat­te nichts bei sich: kei­nen Geld­beu­tel, kei­nen Schmuck, nichts.“

Im ers­ten Stock des McDo­nald’s gibt es ei­ne Über­wa­chungs­ka­me­ra. Hat sie fest­ge­hal­ten, wie Ali Da­vid S. aus der Toi­let­te tritt und feu­ert? We­der Her­bert Lin­der noch das LKA, das die Er­mitt­lun­gen führt, wol­len sich heu­te da­zu äu­ßern.

Lin­der dreht sei­ne Kaf­fee­tas­se zwi­schen den Hän­den, ringt um Wor­te. „Die Op­fer hat­ten ab­so­lut kei­ne Chan­ce. Kei­ner­lei Mög­lich­keit, sich zu weh­ren oder zu flüch­ten.“Es ist schon weit nach Mit­ter­nacht, als die Lei­chen ab­trans­por­tiert wer­den.

Ali Da­vid S. (18) soll in der Schu­le mas­siv ge­mobbt wor­den sein – am 22. Ju­li er­schießt er neun Men­schen. Vor sei­ner Tat hat er ver­sucht, Be­kann­te zum Tat­ort zu lo­cken

Her­bert Lin­der war am Tat­ort

Ein Va­ter zeigt am OEZ das Fo­to sei­nes to­ten Soh­nes

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