Vie­le fra­gen im­mer noch: War­um nur?

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Um 18.40 Uhr steht der Ein­satz­stab des Kri­sen-In­ter­ven­ti­ons-Teams: KIT-Mün­chen in der Ge­schäfts­stel­le des Ar­bei­ter­Sa­ma­ri­ter-Bun­des. Fünf Ta­ge und Näch­te wird de­ren Lei­ter, Pe­ter Ze­h­ent­ner (48), die Bü­ros in der AdiMais­lin­ger-Stra­ße kaum mehr ver­las­sen. Denn die Ar­beit der Seel­sor­ger fängt erst rich­tig an, wenn es rund um den Tat­ort ru­hi­ger wird.

„Un­se­re wich­tigs­te Auf­ga­be ist es, pa­ni­schen oder trau­ma­ti­sier­ten Men­schen zu hel­fen, mit ih­nen im Han­deln und in Ge­dan­ken in ei­nen si­che­ren Be­reich zu ge­hen, ih­nen die Mög­lich­keit ge­ben, sich ge­dank­lich vom Er­leb­ten ab­zu­wen­den“, er­klärt Ze­h­ent­ner. Die KIT-Hel­fer ge­ben In­for­ma­tio­nen, Ori­en­tie­rung und Si­cher­heit. Das Wich­tigs­te: Sie sind da.

In der un­si­che­ren La­ge der ers­ten St­un­den nach dem Amok­lauf ko­or­di­niert die KIT-Ein­satz­lei­tung vor­ran­gig die Ar­beit an drei Or­ten: an den zwei Sam­mel­stel­len na­he dem OEZ, an de­nen ge­flüch­te­te Per­so­nen ers­te Zuflucht fin­den, so­wie in der Wer­ner-vonLin­de-Hal­le im Olym­pia­zen­trum. Dort fin­det die Akut­ver­sor­gung für rund 100 Men­schen statt: „Hier tref­fen Per­so­nen, die je­man­den ver­mis­sen, auf Hin­ter­blie­be­ne, Au­gen­zeu­gen auf Per­so­nen, die selbst be­droht wur­den“, er­klärt der KIT-Chef.

Par­al­lel da­zu ge­hen die spe­zia­li­sier­ten Hel­fer den wohl schwers­ten Weg: Sie be­glei­ten Po­li­zis­ten zu An­ge­hö­ri­gen, de­nen sie die To­des­nach­richt über­brin­gen müs­sen. Und sie las­sen die Hin­ter­blie­be­nen das gan­ze Wo­che­n­en­de nicht al­lei­ne. „Da es wich­tig ist, den Tod zu be­grei­fen, ha­ben wir die städ­ti­sche Fried­hofs­ver­wal­tung ge­fragt, ob es den An­ge­hö­ri­gen aus­nahms­wei­se mög­lich wä­re, auch am Wo­che­n­en­de per­sön­lich von den Ver­stor­be­nen Ab­schied zu neh­men“, er­in­nert sich Ze­h­ent­ner. Auch hier hal­ten in der Not al­le zu­sam­men: Die Fried­hofs­ver­wal­tung macht es den An­ge­hö­ri­gen mög­lich. Ze­h­ent­ners Kol­le­gen be­glei­ten die Hin­ter­blie­be­nen bei die­sem Gang.

Auch in den Wo­chen da­nach blei­ben die KIT-Hel­fer im Hin­ter­grund, bie­ten den An­ge­hö­ri­gen Hil­fe an. „Sie be­schäf­tigt vor al­lem die Sinn­fra­ge“, be­rich­tet KIT-Lei­ter Ze­h­ent­ner. „Und ma­chen sich manch­mal selbst Vor­wür­fe, weil für sie nichts schlim­mer ist als die Hilf­lo­sig­keit. Sie fra­gen sich: ,War­um war mein Kind ge­nau an dem Tag dort?‘“

Aber nicht nur Hin­ter­blie­be­ne oder Au­gen­zeu­gen quä­len die Er­in­ne­run­gen an den Amok­lauf bis heu­te. Ze­h­ent­ner ist auch Ge­schäfts­füh­rer des Trau­ma-Hil­fe-Zen­trums Mün­chen. „Wir sind nur ei­ne von vie­len An­lauf­stel­len und hat­ten trotz­dem seit den Som­mer­fe­ri­en rund 30 Be­ra­tun­gen we­gen des Amok­laufs.“

Ihm ist wich­tig, dass je­der Be­trof­fe­ne ernst ge­nom­men wird. „Erst vor zwei Wo­chen kam ei­ne Frau zu mir, die am Tat­abend am St­a­chus war.“Sie ver­ste­he das selbst nicht, sie sei doch nur am St­a­chus ge­we­sen, wo es ei­nen Fehl­alarm gab, ha­be sie er­zählt. „Trotz­dem schläft sie seit­her schlecht. Au­ßer­dem hört sie im­mer noch die Ge­räu­sche von dem Po­li­zei­ein­satz dort.“Ze­h­ent­ner rät, al­le Pro­ble­me ernst zu neh­men und sich Un­ter­stüt­zung zu ho­len. „Die Sym­pto­me kön­nen auch ver­zö­gert auf­tre­ten.“

Pe­ter Ze­h­ent­ner hat 100 Ta­ge nach dem Amok­lauf auch vie­le po­si­ti­ve Er­in­ne­run­gen: „Da ha­ben sich Men­schen ge­gen­sei­tig ge­hol­fen, ge­trös­tet, sie ha­ben an­de­ren Un­ter­schlupf ge­währt, ja so­gar Ge­schäf­te ha­ben ih­re Tü­ren ge­öff­net – die­ser ein­zig­ar­ti­ge Zu­sam­men­halt kann Trost spen­den und Si­cher­heit ge­ben, auch de­nen, die heu­te noch un­ter den Fol­gen lei­den.“

Pe­ter Ze­h­ent­ner und Alex­an­der Neis­sen­dor­fer vom ASB

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