Jetzt spricht Lu­ther

Zum Re­for­ma­ti­ons­tag: Ein so gut wie ori­gi­na­les Interview

tz - - ERSTE SEITE - AUF­GE­ZEICH­NET VON JOA­CHIM HEINZ

Martin Lu­ther (1483 – 1546) hat es ge­schafft: Zum heu­ti­gen Re­for­ma­ti­ons­tag – vor ge­nau 499 Jah­ren schlug der Un­beug­sa­me sei­ne The­sen an die Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che – hat ihn die Ka­tho­li­sche Nach­rich­ten-Agen­tur in Wit­ten­berg „in­ter­viewt“. Die Ori­gi­nal-Ant­wor­ten spei­sen sich aus Lu­thers Ti­sch­re­den.

Doc­tor Lu­ther, Sie ha­ben vor Ex­zel­len­zen und Emi­nen­zen ge­spro­chen, hal­ten Vor­le­sun­gen, schrei­ben Brie­fe. Was ist das Ge­heim­nis ei­ner gu­ten Re­de oder Pre­digt?

Martin Lu­ther: Der bes­te Pre­di­ger ist der, von dem man sa­gen kann, wenn man ihn ge­hört hat: Das hat er ge­sagt. Da­ge­gen der Schlech­tes­te ist der, von dem mit Wahr­heit ge­sagt wird: Ich weiß nicht, was er ge­sagt hat.

Das klingt ein­leuch­tend. Aber ha­ben Sie selbst nie Zwei­fel an Ih­rem ei­ge­nen Auf­tritt ge­habt?

Lu­ther: Wenn ei­ner zum ers­ten Mal auf den Pre­digt­stuhl kommt, nie­mand glau­bet, wie ban­ge ei­nem da­bei wird; er sie­het so vie­le Köp­fe vor sich.

Ha­ben Sie ein Mit­tel ge­gen Lam­pen­fie­ber?

Lu­ther: Wenn ich auf den Pre­digt­stuhl stei­ge, so se­he ich kei­ne Men­schen an, son­dern den­ke, es sei­en ei­tel Klöt­ze, die da vor mir ste­hen, und re­de mei­nes Got­tes Wort da­hin.

Ih­re Äu­ße­run­gen – den­ken wir nur an die 95 The­sen von 1517 – ha­ben in der Ver­gan­gen­heit für je­de Men­ge Wir­bel ge­sorgt, bis hin­auf zu Kai­ser, Bi­schö­fen und Papst …

Lu­ther: (haut mit der Faust auf den Tisch): Papst, Kar­di­nä­le, Bi­schö­fe ha­ben die Bi­bel nie ge­le­sen, sie ist ih­nen gar fremd, ja, sie sind fau­le, mü­ßi­ge, rei­che Wäns­te!

Herr Doc­tor Lu­ther, so mä­ßi­gen Sie sich. Wir woll­ten ei­gent­lich wis­sen: Wie steht es um die Theo­lo­gie und die an­de­ren Wis­sen­schaf­ten an den Uni­ver­si­tä­ten?

Lu­ther: Ehe zwei Jah­re ver­gan­gen sein wer­den, wer­den wir ei­nen Man­gel an ge­lehr­ten Män­nern er­fah­ren, dass man sie aus Bret­tern gern wür­de schnei­den und aus der Er­de gr­a­ben, wenn man nur könn­te.

Sie schei­nen ei­ne eher pes­si­mis­ti­sche Sicht auf Deutsch­land und sei­ne Bil­dungs­land­schaft zu pfle­gen.

Lu­ther: Die Ita­lie­ner hei­ßen uns Bes­ti­en, Frank­reich und En­g­land spot­ten un­ser und al­le an­de­ren Län­der.

Kom­men Sie, so schlimm ist es auch wie­der nicht. Deutsch­land ist schön, oder nicht?

Lu­ther: Wenn ich viel rei­sen soll­te, woll­te ich nir­gend lie­ber denn durch Schwa­ben und Bay­er­land zie­hen, denn sie sind freund­lich und gut­wil­lig, her­ber­gen ger­ne, ge­hen Frem­den und Wan­ders­leu­ten ent­ge­gen.

Nun be­fin­den wir uns im Säch­si­schen. Wie ist’s hier?

Lu­ther: Sach­sen ist gar un­freund­lich und un­höf­lich, da man we­der gu­te Wor­te noch zu essen gibt.

Aber an ei­ner Sa­che, Herr Doc­tor Lu­ther, wer­den Sie doch hof­fent­lich nichts zu krit­teln ha­ben: Die deut­sche Spra­che …

Lu­ther: … ist die voll­kom­mens­te; hat viel von der grie­chi­schen Spra­che. Doch fin­det man in der deut­schen Spra­che so vie­le Mun­d­ar­ten, dass sie sich un­ter­ein­an­der nicht ver­ste­hen. Ein Bei­spiel? Lu­ther: Die Schwa­ben und Hes­sen ver­ste­hen ein­an­der nicht, ja auch die Bay­ern sind sich fremd, da sie sich un­ter­ein­an­der nicht ver­ste­hen.

Da kann nur ei­ne Spra­che hel­fen, die je­der ver­steht: die Mu­sik!

Lu­ther: Ich ge­be nach der Theo­lo­gie der Mu­si­ca den nächs­ten Lo­cum und höchs­te Eh­re. Sin­ge, wem Ge­sang ge­ge­ben? Lu­ther: Sin­gen ist die bes­te Kunst und Übung. War­um? Lu­ther: Die Sän­ger ha­ben nicht in Ge­richts­hö­fen mit Streit­sa­chen zu tun, ma­chen sich kei­ne Sor­gen und sind nicht trau­rig, son­dern schüt­teln al­le Be­küm­mer­nis­se ab von ih­ren Her­zen.

Für was au­ßer der Mu­sik könn­ten Sie sich sonst noch be­geis­tern?

Lu­ther: Wun­der­bar ist die Er­fin­dung ei­ner Uhr, wel­che die Zeit so ge­nau an­gibt. Wenn sie re­den könn­te, hät­te sie wirk­lich das Amt ei­nes Men­schen.

A pro­pos Zeit. Sie ha­ben fünf Kin­der. Fin­den Sie über­haupt Mu­ße, sich ein­ge­hen­der mit den neu­en Er­run­gen­schaf­ten der Tech­nik zu be­schäf­ti­gen?

Lu­ther: Die Kin­der le­ben fein ein­fäl­tig, rein, oh­ne An­stoß und Hin­der­nis der Ver­nunft im Glau­ben.

Müs­sen Sie den­noch hin und wie­der här­ter durch­grei­fen?

Lu­ther: Wenn Kin­der bö­se sind, Scha­den und Schalk­heit an­rich­ten, so soll man sie dar­um stra­fen.

Sinn­ge­mäß ha­ben Sie aber mal ge­sagt, man dür­fe da­mit nicht über­trei­ben. Lu­ther: Die Mut­ter stäup­te mich ein­mal um ei­ner ge­rin­gen Nuss wil­len, dass das Blut her­nach floss; und ihr Ernst und ihr ge­streng Le­ben, das sie mit mir füh­re­ten, das ver­ur­sach­te mich, dass ich da­nach in ein Klos­ter lief und ein Mönch wur­de. Aber sie mein­ten’s herz­lich gut.

Sie sind spä­ter aus dem Klos­ter ge­flo­hen und hei­ra­te­ten 1525 Kat­ha­ri­na von Bo­ra …

Lu­ther: Das ers­te Jahr der Ehe macht ei­nem selt­sa­me Ge­dan­ken. Ach? Lu­ther: Denn wenn er … Sie mei­nen den Ehe­mann … Lu­ther: … am Ti­sche sitzt, denkt er: Vor­her war ich al­lein, nun bin ich sel­ban­der. Wenn er im Bet­te er­wacht, sieht er ein paar Zöp­fe ne­ben ihm lie­gen, wel­che er frü­her nicht sah.

War­um hat die Ehe bei manch ei­nem Zeit­ge­nos­sen ei­nen der­ma­ßen schlech­ten Stand?

Lu­ther: Die wun­der­li­che Wei­se der Wei­ber, das Ge­schrei der klei­nen Kin­der, die grö­ße­ren Aus­ga­ben, be­schwer­li­che Nach­barn und Ähn­li­ches sind Ur­sa­chen, dass vie­le nicht Lust ha­ben zur Ehe und lie­ber frei sein wol­len, als sich der Knecht­schaft sol­cher Übel zu un­ter­wer­fen.

Mit 55 Jah­ren ste­hen sie auf dem Ze­nit ih­rer Kar­rie­re. Manch ei­ner be­haup­tet, Sie hät­ten Kraft für wei­te­re 40 Jah­re.

Lu­ther: Da sei Gott für! Wenn er mir gleich das Pa­ra­dies an­bö­te, dar­in noch 40 Jah­re all­hie zu le­ben, so woll­te ich‘s nicht an­neh­men: Ich woll­te ei­nen Hen­ker mie­ten, der mir den Kopf ab­schlü­ge. Al­so bös ist jetzt die Welt, und die Leu­te wer­den zu ei­tel Teu­feln, dass ihm ei­ner nichts Bes­se­res wün­schen kann denn nur ein se­li­ges Stünd­lein da­von.

Papst, Kar­di­nä­le, Bi­schö­fe ha­ben die Bi­bel nie ge­le­sen. LU­THER ÜBER DEN KLE­RUS Die Kin­der le­ben fein ein­fäl­tig, rein, oh­ne Hin­der­nis der Ver­nunft im Glau­ben. LU­THER ÜBER SEI­NEN NACH­WUCHS Wenn ich auf den Pre­digt­stuhl stei­ge, so se­he ich kei­ne Men­schen an, son­dern den­ke, es sei­en ei­tel Klöt­ze. LU­THER ÜBER LAM­PEN­FIE­BER

Fotos: epd (Ge­mäl­de von Cra­nach d.Ä.), akg (Lu­thers Fa­mi­lie, Gus­tav Ko­enig, 1847), epd (Wachs­fi­gu­rinSt.Pau­li)

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