Sturm der Be­geis­te­rung

Volks­thea­ter: Stückls Sha­ke­speare-Klas­si­ker hat viel Geist, Witz und Ver­ve

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So muss Thea­ter­zau­ber sein: Al­le sit­zen vor der Büh­ne, se­hen ei­nen Hau­fen Bret­ter, die über­haupt nicht da­nach aus­schau­en, dass sie die Welt be­deu­ten – und dann bricht das Ge­tö­se los. Das Un­wet­ter kommt schlag­ar­tig, Bre­cher don­nern übers Schiff, die See­leu­te kämp­fen ver­zwei­felt und aus­sichts­los. Die Bret­ter be­deu­ten vi­el­leicht nicht die Welt, aber un­ser Le­ben. Das ur­al­te Sinn­bild des Schiffs im Schick­sals­sturm steckt jetzt in dem auf­ge­türm­ten Thea­ter­holz.

Chris­ti­an Stückl hat Sha­ke­speares Der Sturm für sein Haus in­sze­niert. Ju­bel nach der Pre­mie­re. Ste­fan Ha­gen­ei­ers Büh­nen­bild ist in­spi­riert von Gé­ri­caults Ge­mäl­de Das Floß der Me­du­sa und Cas­par Da­vid

Fried­richs Die ge­schei­ter­te Hoff­nung. Die­se Sym­bol-Land­schaft aus ei­nem ka­put­ten Schiff, aus dem der Mast ragt. So ist sie Pros­pe­ros In­sel und See­len­spie­gel. Die Ak­teu­re brau­chen viel Kör­per­be­herr­schung im Her­um­stol­pern und Fal­len. Stückl zeigt kei­nen fein ge­klöp­pel­ten Sha­ke­speare, son­dern den des Glo­be Thea­t­re, in dem ge­sof­fen, ge­rauft, ge­ratscht wur­de. Bis auf Pros­pe­ro ten­die­ren schon beim al­ten En­g­län­der al­le Fi­gu­ren zur Karikatur.

Die zeich­net Stückl den je­wei­li­gen Schau­spie­lern auf den Leib und ar­bei­tet die Mo­ti­ve her­aus. Da gibt es Hoch­mut und Ras­sis­mus, Op­por­tu­nis­mus bis zum Mord, Gier und Rach­sucht. In die­sen Hor­ror wird kühn die Uto­pie ei­ner gu­ten Herr­schaft ge­setzt. Thea­ter als Ethik­kurs und Na­vi­ga­ti­ons­hil­fe, das Schiff doch noch in den si­che­ren Ha­fen zu brin­gen. Da sind sich Sha­ke­speare und Stückl eben­so ei­nig wie in der Lust am Un­ter­hal­ten.

Des­we­gen dür­fen das Dia­log-Flo­rett wir­beln las­sen: die fie­sen An­to­nio (Ro­man Roth et­was blass) und Se­bas­ti­an (Meh­met Sö­zer herr­lich af­fig). Des­we­gen dür­fen die See­leu­te und Suff­köp­fe Ste­pha­no (Je­anLuc Bu­bert ar­tis­tisch in sei­nem Ele­ment) und Trin­cu­lo (Ja­kob Gess­ner knor­rig) bis zur Pein­lich­keit her­um­blö­deln.

Die ver­sklav­ten Ur­ein­woh­ner Ca­li­ban (Ti­mo­cin Zieg­ler), Luft­geist Ari­el (En­no Haas, noch Gym­na­si­ast) und Alon­so (Ni­cho­las Rein­ke) ge­hen hin­ge­gen ziem­lich un­ter. So stief­vä­ter­lich Stückl sie be­han­delt hat, so sehr hat er das jun­ge Lie­bes­paar auf­ge­wer­tet. Vor al­lem Mi­ran­da (Ca­ro­lin Hart­mann) pro­fi­tiert. Sie ist ei­ne Pu­ber­tie­ren­de, die end­lich wis­sen will, was se­xu­ell Sa­che ist. Stückl macht sich ei­nen Spaß und mischt Som­mer­nachts­traum-Ge­plän­kel in die­sen Sturm der Lie­be.

Pros­pe­ro ist ein gro­ßer Thea­ter­ma­cher, Re­gis­seur, Ar­ran­geur, Il­lu­si­ons­künst­ler und Ma­ni­pu­la­tor. All das zeigt Pas­cal Fligg. Als an­ti­ker Phi­lo­soph ge­wan­det, gibt er schon mal den gött­li­chen Don­ne­rer, droht vol­ler Wut und Über­heb­lich­keit mit Fol­ter­me­tho­den. Da Fligg das leicht ge­bremst spielt, glaubt man ihm am En­de den Wan­del zu ei­nem, der ver­ge­ben kann: Ver­zei­hen ist es­sen­zi­ell – und wir lie­ben so ein Thea­ter.

Fotos: De­clair

Ste­fan Ha­gen­ei­ers „Sturm“Büh­ne er­in­nert an Schiff­bruchGe­mäl­de der Ro­man­tik

Raum fürs Lie­bes- paar: Ca­ro­lin Hart­mann, Jo­hat­han Mül­ler

Pas­cal Fligg spielt den Pros­pe­ro in al­len Fa­cet­ten – oh­ne die Fi­gur ins Grel­le oder Pla­ka­ti­ve ab­drif­ten zu las­sen

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