Men­schen sind nicht vir­tu­ell

Der tz- Kom­men­tar: „Hat Mün­chen mehr Herz?“– zum Rent­ner-Dra­ma in Es­sen (S. 6)

tz - - POLITIK - Mat­thi­as Bie­ber

Je atem­lo­ser die Welt, des­to un­mensch­li­cher der Um­gang.

Ein Rent­ner liegt hilf­los im Vor­raum ei­ner Bank­fi­lia­le in Es­sen. Meh­re­re Men­schen, die hier Geld ab­he­ben oder ein­zah­len wol­len, stei­gen über ihn hin­weg. Die ers­ten vier hel­fen nicht. Spä­ter stirbt der Mann. Es ist das nächs­te Bei­spiel ei­ner ent­seel­ten Welt, in der der an­de­re im­mer we­ni­ger zu zäh­len scheint, son­dern sich al­les ums ei­ge­ne Wohl dreht. Oder war die Welt schon im­mer so? Auf Sei­te 6 spre­chen Men­schen, die es wis­sen müs­sen. Ein Psy­cho­lo­ge, ein Arzt und ein Geist­li­cher. Al­les Hel­fer aus Lei­den­schaft. Der Mensch ist das Pro­dukt sei­ner Um­ge­bung, der Wer­te, die ihm ver­mit­telt und vor­ge­lebt wer­den. Wer will ernst­haft be­strei­ten, dass die Welt im­mer schnel­ler wird, im­mer atem­lo­ser und in der Fol­ge auch im­mer rück- sichts­lo­ser? Wen wun­dert es, dass im Zeit­al­ter der künst­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on über So­ci­al Me­dia & Co. das Mit­ein­an­der-Um­ge­hen auf der Tas­ta­tur des Le­bens im­mer mehr zu den Son­der­zei­chen ge­scho­ben wird? Nur wer mit Men­schen von An­ge­sicht zu An­ge­sicht zu tun hat, wer ih­nen in die Au­gen schaut, ih­re Ängs­te und Nö­te ken­nen­lernt, wird sie als Men­schen wirk­lich wahr­neh­men. „Sich be­schnup­pern“ist ein schö­nes Wort da­für. Im Rad der täg­li­chen Hor­ror­mel­dun­gen aus al­ler Welt tut es vi­el­leicht ganz gut, mal kurz in­ne­zu­hal­ten. Und sich vor­zu­stel­len, dass da, im Vor­raum ei­ner Bank­fi­lia­le in Es­sen, ein Mensch ge­le­gen und spä­ter in der Kli­nik ge­stor­ben ist, den man ge­liebt hat.

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