Wolf­ram Koch bril­liert als er­folg­rei­cher, ver­zwei­fel­ter Wor­kaho­lic

tz - - KULTUR & TV - KATH­RIN BRACK J. V. D. GATHEN

Tod und Teu­fel, Gangs­ter und Gru­sel­fried­hof: Wäh­rend die ei­nen am Vor­abend von Al­ler­hei­li­gen ame­ri­ka­ni­sches Brauch­tum ze­le­brie­ren, su­chen die an­de­ren den Leib­haf­ti­gen im Rock’n’Roll. Da­für gibt es kaum pas­sen­de­re Or­te als ein Kon­zert der Me­talBand Vol­beat. Man hört häu­fig, die Dä­nen sei­en zu sehr Main­stream, zu sehr Ra­dio. Und auch das ak­tu­el­le Werk Se­al The De­al & Let’s Boo­gie legt den Schluss na­he: Vol­beat kann man im Ra­dio spie­len. Man kann Vol­beat aber auch in gro­ßen Hal­len hö­ren. In aus­ver­kauf­ten Hal­len.

Die vier­köp­fi­ge Trup­pe um Sän­ger Michael Poul­sen füllt auf ih­rer Tour pro­blem­los die Olym­pia­hal­le. 12 000 Men­schen. Rest­los aus­ver­kauft. Für ih­re Li­ve­shows neh­men Vol­beat ih­rem von Ro­cka­bil­ly und Coun­try ge­präg­ten Sound das Orches­tra­le. Kein Me­talMu­si­cal. Son­dern har­ter Rock und na­tür­lich Poul­sens un­ver­wech­sel­ba­res Or­gan.

Vol­beat ma­chen al­les rich­tig, an­ge­fan­gen bei der Wahl der Vor­bands. Cro­bot und Air­bourne ro­cken Mün­chen auf Tem­pe­ra­tur. Kön­nen die Dä­nen noch ei­nen drauf­set­zen? Ja, sie kön­nen. Und da­bei ge­lingt der Spa­gat zwi­schen Po­go und Lich­ter­meer-Ro­man­tik.

Die Set­list ist ei­ne gut durch­dach­te Mi­schung aus 16 Jah­ren Band­ge­schich­te und sechs Stu­dio­al­ben, be­gin­nend mit der ak­tu­el­len Sing­le The De­vil’s Blee­ding Crown über Ra­dio­hits wie Lo­la Mon­tez bis zu den Klas­si­kern wie Fal­len. Zwei St­un­den Rock-Par­ty für die to­ben­de, sin­gen­de, tan­zen­de Men­ge.

Will man Vol­beat nach so ei­nem Abend den Vor­wurf ma­chen, ei­ne mas­sen­taug­li­che Rock­band zu sein? Wohl kaum. Den Fans hat’s mehr als ge­taugt.

Zu Be­ginn schwebt die Ka­me­ra zwi­schen den ver­spie­gel­ten Bü­ro­tür­men um­her. Wir tau­chen ab in die her­me­ti­sche Welt der In­vest­ment­ban­ker in der Main­me­tro­po­le: „Frank­furt war im­mer schon Krö­nungs­stadt“, sagt der jun­ge Ban­ker Tom Sle­z­ak (Ben­ja­min Lil­lie) mit un­er­schüt­ter­li­chem Selbst­ver­trau­en und kal­ter Ar­ro­ganz. Kein Wun­der, er ist der ge­hät­schel­te Zög­ling des TopIn­vest­ment­ban­kers Jo­chen Walt­her (Wolf­ram Koch), der kurz vor dem Ab­schluss ei­nes gro­ßen De­als steht, der ihn voll­kom­men in Be­schlag nimmt.

Aber es läuft nicht wirk­lich rund für Walt­her, der Wor­kaho­lic kap­selt sich im­mer mehr ab, auch von sei­ner Fa­mi­lie. Als das Ge­schäft mit den Sau­dis dann doch klappt, ist der gro­ße Zo­cker Walt­her am En­de: Er stürzt sich vom Dach der Kon­zern­zen­tra­le. Der span­nen­de, hoch­ka­rä­tig be­setz­te Wirt­schafts-Thril­ler De­ad Man Wor­king läuft heu­te Abend im Rah­men der ARD-The­men­wo­che Zu­kunft der Ar­beit.

Wie funk­tio­niert der glo­ba­le Fi­nanz­ka­pi­tali­mus? In der fu­rio­sen ers­ten hal­ben St­un­de sei­nes Films zeigt Re­gis­seur Marc Bau­der ei­ne in sich ge­schlos­se­ne Welt der Fi­nanz­strö­me und Bör­sen­kur­se, in der die nach au­ßen so mäch­tig schei­nen­den Top-Ban­ker wie Ma­rio­net­ten an den Fä­den des Sys­tems hän­gen – mensch­li­che Re­gun­gen oder Mit­ge­fühl sind hier nur hin­der­lich, es zählt al­lein der ma­xi­ma­le Pro­fit. Wer nicht funk­tio­niert, wird aus­ge­tauscht. Oder be­geht Sui­zid.

Marc Bau­der kennt sich gut aus in dem Me­tier. Der 1974 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Be­triebs­wirt hat be­reits meh­re­re Do­ku­men­tar­fil­me über die Fi­nanz­bran­che ge­dreht, für Mas­ter of the Uni­ver­se wur­de er 2014 mit dem Eu­ro­päi­schen Film­preis aus­ge­zeich­net. Mit De­ad Man Wor­king wirft er ein kri­ti­sches Schlag­licht auf die Ban­ken­bran­che, die aus der glo­ba­len Kri­se von 2008 nicht viel ge­lernt zu ha­ben scheint. Der viel­be­schwo­re­ne „Kul­tur­wan­del“ist, so legt Bau­der na­he, nicht viel mehr als ei­ne Wort­hül­se. Hin­ter den Ku­lis­sen läuft al­les wei­ter wie zu­vor, von ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung der Kre­dit­in­sti­tu­te kann nicht die Re­de sein.

De­ad Man Wor­king ent­wi­ckelt sich auch dank der gu­ten Schau­spie­ler nach dem star­ken Auf­takt zu ei­nem span­nen­den Kri­mi­nal­film. Wer hat Schuld am Sui­zid von Jo­chen Walt­her? Sei­ne Ehe­frau No­ra (Jör­dis Trie­bel) be­schul­digt die Vor­stands­rie­ge um den in­tri­gan­ten Wil­fried von Ben­sen (rou­ti­niert: Man­fred Za­pat­ka), ih­ren Mann in den Tod ge­trie­ben zu ha­ben. Auch Walt­hers jun­ger Kol­le­ge Tom will nicht zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen. Ben­ja­min Lil­lie ver­kör­pert die­sen aal­glat­ten Mus­ter­schü­ler ei­nes Fi­nanz-Jon­gleurs aus­ge­spro­chen über­zeu­gend. Wolf­ram Koch, der im Frank­fur­ter Tat­ort als Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Paul Brix un­ter­wegs ist, spielt den gro­ßen In­vest­ment-Zam­pa­no mit sicht­li­cher Freu­de und sar­kas­ti­scher Ver­ve.

So ent­steht das fas­zi­nie­ren­de Psy­cho­gramm ei­nes Wor­kaho­lic, der süch­tig wird nach sei­nen bör­sen­ge­ne­rier­ten­Ad­re­na­lin-Kicks. Ein Ar­beits­tier im gol­de­nen Kä­fig. „Wie­so springt ei­ner, der es ge­schafft hat?“, fragt ei­ner der Ban­ker. Ei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort kann Marc Bau­ders Film nicht ge­ben. Aber er zeigt ein­drucks­voll, wie der Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus die Men­schen de­for­miert, die hier nur als „Hu­man­ka­pi­tal“fun­gie­ren.

Fo­tos: Schnauss/Han­gen

12 000 Fans – aus­ver­kauf­te Hüt­te und ei­ne ful­mi­nan­te Mi­schung ser­vie­ren Vol­beat rund um ih­ren Front­mann Michael Poul­sen (l.)

Fo­tos: ARD

Wolf­ram Koch (oben, links, mit Ben­ja­min Lil­lie) spielt die Haupt­rol­le in dem ARD-Dra­ma „De­ad Man Wor­king“. Klei­nes Bild: mit „Tat­ort“-Kol­le­gin Mar­ga­ri­ta Broich

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