CSU

Was See­ho­fer wirk­lich will!

tz - - TENGELMANN: ZITTERN GEHT WEITER - Prof. Hein­rich Ober­reu­ter Par­tei­en­for­scher INT.: B. WIM­MER

Erst war be­kannt ge­wor­den, dass Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) nächs­tes Wo­che­n­en­de nicht zum Par­tei­tag der CSU fährt ( tz be­rich­te­te). Laut CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er bleibt sein Chef Horst See­ho­fer dem CDU-Par­tei­tag in Es­sen ei­ni­ge Wo­chen spä­ter auch fern. Am Mon­tag be­ton­te See­ho­fer ei­ner­seits die im­mer noch be­ste­hen­den Dif­fe­ren­zen mit der CDU in der Zu­wan­de­rungs­fra­ge. Da ge­be es noch „kein schlüs­si­ges Kon­zept“. An­de­rer­seits sieht er es als gro­ße ge­mein­sa­me Auf­ga­be, 2017 die „Links­front“Rot-Rot-Grün im Bund zu ver­hin­dern. Die tz sprach mit dem Par­tei­en­for­scher Prof. Hein­rich Ober­reu­ter. Er fin­det die ge­samt­po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ein Jahr vor der Wahl „grund­sätz­lich gro­tesk“.

Wel­ches Bild ver­mit­telt der Ver­zicht der bei­den Par­tei­chefs auf ei­nen Be­such beim Par­tei­tag des an­de­ren? Prof. Hein­rich Ober­reu­ter, Par­tei­en­for­scher und CSU-Ex­per­te: Das ist al­les ein gro­ßes Thea­ter. Bei al­ler vor­ge­spiel­ten Be­frie­dung ist ziem­lich of­fen­sicht­lich, dass ein er­heb­li­cher Teil der CSU-Ba­sis die­se Darstel­lung nicht teilt. Statt dass See­ho­fer die Kanz­le­rin ab­kan­zelt, hät­te es dies­mal sein kön­nen, dass De­le­gier­te das tun. Das wä­re schreck­lich ge­we­sen. Der CDU-Par­tei­tag hät­te sich mög­li­cher­wei­se ent­spre­chend ge­rächt.

Hät­te CSU-Chef See­ho­fer nicht recht­zei­tig für ei­ne An­nä­he­rung zu Mer­kel sor­gen kön­nen?

Ober­reu­ter: Es gibt im­mer­hin den Ver­such, sich zu be­we­gen. Wenn man der Pro­pa­gan­da glaubt, geht man in den letz­ten Mo­na­ten qua­si stünd­lich in Te­le­fon­ge­sprä­chen auf­ein­an­der zu. Wer soll das glau­ben? Die Chan­ce wur­de ver­tan – nicht zu­letzt von der CSU – mit­zu­tei­len, wie die Ent­wick­lung beim kon­kre­ten Streit­punkt Flücht­lings­po­li­tik wirk­lich ver­lau­fen ist. Die CSU hat so gut wie al­le For­de­run­gen durch­ge­setzt. Auch jetzt ver­sucht man sich in Ge­mein­sam­keit: Ver­schär­fung der Ab­schie­be­pra­xis und Be­schrän­kung des Asyl­rechts durch Er­wei­te­rung der Zahl si­che­rer Her­kunfts­staa­ten. Der sym­bo­li­sche Kon­flikt mit der Ober­gren­ze war über­flüs­sig – dass ei­ne Be­gren­zung not­wen­dig ist, sagt in­zwi­schen ei­gent­lich je­der. Ein er­heb­li­cher Teil der CDU-Wäh­ler­schaft denkt, was die Flücht­lings­po­li­tik und an­de­re Fra­gen kon­ser­va­ti­ver Ori­en­tie­rung be­trifft, ja nicht an­ders als die CSU.

Schweißt der an­ge­kün­dig­te Kampf ge­gen Ro­tRot-Grün die Uni­on zu­sam­men?

Ober­reu­ter: Wenn ich in den po­li­ti­schen Kampf auch ei­nen welt­an­schau­lich-ideo­lo­gi­schen Kern hin­ein­brin­gen will, liegt ei­ne sol­che Zu­spit­zung na­he, auch wenn die Ge­fahr ei­ner rot-rot-grü­nen Re­gie­rung nicht sehr wahr­schein­lich ist. Das kann mo­bi­li­sie­ren, ge­nau­so wie der Kampf ge­gen den po­li­ti­schen Is­lam. In die­sem Pro­gramm­punkt klingt die CSU ge­ra­de­zu dif­fe­ren­ziert. Ober­reu­ter: Da­mit wird aus der CSU-Füh­rung ei­ne nüch­ter­ne und an­ge­mes­se­ne Li­nie vor­ge­ge­ben, die in Orts­ver­bän­den als Ori­en­tie­rung die­nen und ge­gen pau- scha­le Vor­ur­tei­le ge­gen die is­la­mi­sche Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft wir­ken kann.

Was be­deu­tet die Un­ei­nig­keit bei den Uni­ons-Schwes­ter­par­tei­en im Hin­blick auf den Wahl­kampf?

Ober­reu­ter: Im Hin­blick auf die Wahl ist die Si­tua­ti­on grund­sätz­lich gro­tesk! Schon in ei­nem Jahr re­den wir über Ko­ali­ti­ons­bil­dun­gen. Aber bis heu­te wird der Öf­fent­lich­keit ei­ne kla­re In­for­ma­ti­on über die per­so­nel­le Struk­tur und zum Teil auch über pro­gram­ma­ti­sche In­hal­te ver­wei­gert. In al­len Par­tei­en üb­ri­gens. Es ist wie beim Mi­ka­do­spiel. Die Haupt­ak­teu­re wol­len sich nicht be­we­gen, weil sie Op­tio­nen ver­lie­ren könn­ten.

Was wird Mer­kel beim CDU-Par­tei­tag An­fang De­zem­ber tun?

Ober­reu­ter: Ich ge­he da­von aus, dass sie sich zur Par­tei­vor­sit­zen­den wäh­len lässt, mit 99,7 Pro­zent. Die­se Si­tua­ti­on wird sie nüt­zen, um zu er­klä­ren, dass sie für die Kanz­ler­kan­di­da­tur zur Ver­fü­gung steht. War­um soll­te sie da bis zum Drei­kö­nigs­tag war­ten?

Scha­det See­ho­fers Tak­tie­ren bei der Nach­fol­ge für sei­ne Po­si­tio­nen Par­tei­chef und Mi­nis­ter­prä­si­dent den Uni­ons-Aus­sich­ten nicht auch?

Ober­reu­ter: Ich fin­de es po­si­tiv, dass er über die Zu­kunft des deut­schen Par­tei­en­sys­tems nach­denkt. Sein Ar­gu­ment, dass man in ei­nem po­ten­zi­ell Sie­ben-Par­tei­en-Bun­des­tag er­heb­li­che Pro­ble­me mit der Sta­bi­li­tät der Re­gie­rung hat, ist nicht von der Hand zu wei­sen. Dass man dar­auf auch mit Per­so­nal­po­li­tik re­agiert, hal­te ich so­gar für weit­bli­ckend. Der CSU-Chef muss nach Ber­lin? Ober­reu­ter: Ei­nen Wahl­sieg vor­aus­ge­setzt, wä­re ein so­ge­nann­tes CSUAl­pha­tier in ei­nem pro­mi­nen­ten Mi­nis­ter­um in Ber­lin, das ta­ges­po­li­ti­sche Aus­strah­lungs­kraft hat und da­mit auch Bay­ern dien­lich ist, ei­ne tak­tisch rich­ti­ge Über­le­gung. Dass See­ho­fer mit dem Kon­zept per­sön­li­che Ab­nei­gun­gen ver­bin­det, darf man an­neh­men. Es könn­te aber Mar­kus Sö­der auch nüt­zen, wenn er, wie See­ho­fer es aus­drück­te, „das Mäu­se­ki­no des baye­ri­schen Land­tags“ver­lässt – auch wenn er jetzt nichts von der Idee hält. Sö­der ist ein gro­ßes und durch­set­zungs­star­kes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ta­lent – die­se Ei­gen­schaft hat der fach­lich ver­sier­te Joachim Herr­mann nicht in glei­cher Wei­se. Dass Horst See­ho­fer selbst nach Ber­lin geht ... Ober­reu­ter: ... hal­te ich für ein ziem­lich schwach­sin­ni­ges Ge­dan­ken­spiel. Da war er lang ge­nug. Zu­dem ist er im Un­frie­den mit Mer­kel aus dem Bun­des­ka­bi­nett aus­ge­schie­den, und die­ser Un­frie­den wirkt sich, wie man be­ob­ach­tet, bis in die ak­tu­el­len po­li­ti­schen Ver­hal­tens­wei­sen aus. Es wä­re auch kei­ne Zu­kunfts­ent­schei­dung. Ich spe­ku­lie­re eher, dass See­ho­fer kei­nes­wegs über­zeugt ist, dass er 2018 als Mi­nis­ter­prä­si­dent schon auf­hö­ren muss.

Fo­tos: dpa

Der „Un­frie­den“, mit dem Horst See­ho­fer einst aus dem Bun­des­ka­bi­nett aus­ge­schie­den ist, wirkt sich laut Hein­rich Ober­reu­ter heu­te noch aus Ei­nen sol­chen Flücht­lings­strom wie im Herbst 2015 hat man an der deut­schen Gren­ze lang nicht mehr ge­se­hen. Doch der Streit um die Zu­wan­de­rung in der Uni­on hält an

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