Hin­ter Igno­ranz steckt Angst

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Wie ha­ben Sie die Sze­ne wahr­ge­nom­men?

Ste­phan Ler­mer: Ich war ent­setzt. So ein Ver­hal­ten ist für an­stän­di­ge Men­schen nicht nach­voll­zieh­bar.

Man konn­te nicht di­rekt se­hen, dass der Mann stirbt. Aber, dass je­mand am Bo­den liegt, der Hil­fe braucht.

Ler­mer: Im öf­fent­li­chen Raum ist ein lie­gen­der Mensch ei­ne Ir­ri­ta­ti­on und et­was Un­ge­wöhn­li­ches: ein Be­trun­ke­ner, ein Ob­dach­lo­ser – oder ein Ver­letz­ter. Das löst ei­nen Re­flex aus. Aber man fühlt sich nicht be­droht. Des­halb könn­te man die Per­son ge­fahr­los an­spre­chen und fra­gen, ob sie vi­el­leicht nur aus­ge­rutscht ist. Wenn sie nicht re­agiert, muss man den No­t­ruf wäh­len oder der Bank Be­scheid ge­ben, die Mit­ar­bei­ter sind da­für ge­schult. Es ist die Pflicht je­des Bür­gers, dass er Hil­fe gibt oder Hil­fe ruft.

Die Leu­te sind aber nicht nur vor­bei­ge­gan­gen, son­dern auch drü­ber­ge­stie­gen.

Ler­mer: Das ist men­schen- un­wür­dig und jen­seits al­ler An­stän­dig­keit.

Was fühlt je­mand, der so han­delt?

Ler­mer: Die­se Men­schen wer­den sich ge­sagt ha­ben: „Das geht mich nichts an.“Oder: „Ich will kei­nen Är­ger ha­ben.“Sie ha­ben den Mann igno­riert. Die Aus­sa­ge bei der Po­li­zei war ih­nen wohl zu an­stren­gend. So ein Ver­hal­ten äh­nelt ei­nem Kind, das sich die Au­gen und die Oh­ren zu­hält, um zu ver­drän­gen.

Wie kann es da­zu kom­men?

Ler­mer: Der Zeu­ge denkt an den Zeit­ver­lust, an sei­ne Ter­mi­ne oder dass er sei­nem Chef sa­gen muss, dass er spä­ter kommt. Das Ge­fühl kann sein: ‚Ich hand­le mir hier nur Är­ger ein‘.

Dann steckt Angst hin­ter der Igno­ranz?

Ler­mer: Ja. Die Angst zeigt sich, wenn wir Un­an­ge­neh­mes ver­mei­den. Stu­di­en be­le­gen, dass ein Ein­zel­ner in sol­chen Si­tua­tio­nen eher hilft, weil sonst nie­mand da ist, der hel­fen könn­te. Und je mehr Men­schen ei­ne Si­tua­ti­on be­ob­ach­ten, des­to we­ni­ger hel­fen. Sie den­ken: Das kön­nen auch an­de­re ma­chen. Oder sie glau­ben, an­de­re hät­ten mehr Zeit und Kom­pe­tenz. Zu­dem gibt es Ängs­te, et­was falsch zu ma­chen oder sich zu bla­mie­ren. Man nennt das „Ge­nove­se-Syn­drom“. Die Ver­ant­wor­tung wird wei­ter­ge­scho­ben.

Wä­re so ein Vor­fall in Mün­chen an­ders ge­lau­fen?

Ler­mer: Das kann ich mir gut vor­stel­len. Zu uns kom­men vie­le in­tel­li­gen­te und hoch­qua­li­fi­zier­te Men­schen. Ih­nen ist klar, sie wür­den durch Ka­me­ras und über ih­re Bank­kar­te ent­deckt wer­den, wenn sie nicht hel­fen. Was spricht noch da­für? Ler­mer: Wir ha­ben in Bay­ern, im Ver­gleich, an­de­re Quo­ten: we­ni­ger Schei­dun­gen, mehr Or­gan­spen­der. Mehr Men­schen sind an der Kir­che ori­en­tiert, wir ha­ben christ­lich ge­präg­te Wer­te und auf­grund des dörf­li­chen Cha­rak­ters ei­ne stär­ke­re so­zia­le Kon­trol­le. Es gibt aus mei­ner Sicht ei­ne aus­ge­präg­te Kul­tur der An­stän­dig­keit.

Psy­cho­lo­ge Dr. Ste­phan Ler­mer

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.