Das Le­ben der an­de­ren

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Es ist nicht zum ers­ten Mal, dass die Öko­no­mie-Pro­fes­so­ren, ge­nannt Wirt­schafts­wei­se, der Bun­des­re­gie­rung we­gen der stei­gen­den Le­bens­zeit und der nied­ri­gen Ge­bur­ten­ra­te drin­gend ei­ne wei­te­re An­he­bung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters ans Herz le­gen. Bis 71 sol­len die Deut­schen ar­bei­ten! Der Vor­stoß wie­der­holt sich seit Jah­ren. Im Ju­ni hat­te das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW) die Jün­ge­ren der be­rufs­tä­ti­gen Deut­schen schon mit der For­de­rung er­schreckt, dass sie bis zur Voll­en­dung des 73. Le­bens­jah­res im Ar­beits­le­ben blei­ben sol­len. Das wür­de nach Vor­stel­lung des ar­beit­ge­ber­na­hen In­sti­tu­tes schon 2041 grei­fen. Nun al­so die Wirt­schafts­wei­sen, de­nen – das legt der Na­me schon na­he – das Un­ter­neh­mens­wohl eher am Her­zen liegt als das des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers. Wir be­fin­den uns auf dem Weg zur Ren­te mit 67: Die Be­fürch­tung, dass die­se Re­form nichts an­de­res ist als ein Kür­zungs­pro­gramm, wird ge­ra­de wahr. Ein Grund: Es gibt kaum Ar­beits­mög­lich­kei­ten für Se­nio­ren. Die Al­ters­ar­mut steigt schon jetzt. Alar­mie­ren­de Pro­gno­sen – Stich­wort: Ge­ring­ver­die­ner – ha­ben die Bun­des­re­gie­rung auf­ge­rüt­telt. Im letz­ten Jahr der GroKo-Re­gie­rung wer­den noch schnell „Hal­t­el­i­ni­en“ein­ge­baut, „dop­pel­te“so­gar, ge­gen ein zu stark fal­len­des Ren­ten­ni­veau und zu deut­lich stei­gen­de Bei­trä­ge. Die­ses Ziel zu ver­fol­gen ist bes­ser, als die Ver­ar­mung der Al­ten vor­an­zu­trei­ben und so – ein zy­ni­scher Ge­dan­ke – die Le­bens­er­war­tung der Men­schen wie­der zu re­du­zie­ren.

Der Auf­schwung in Deutsch­land und im Eu­ro­raum setzt sich fort“, so po­si­tiv be­ginnt das Gut­ach­ten der „Wirt­schafts­wei­sen“, das Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ges­tern Mit­tag über­reicht wur­de. Für die Bun­des­re­pu­blik rech­nen die Ex­per­ten heu­er mit Zu­wachs­ra­ten des rea­len Brut­to­in­lands­pro - dukts (BIP) von 1,9 Pro­zent, für 2017 mit 1,3 Pro­zent. Er­freu­lich ist die Lek­tü­re für die Bun­des­re­gie­rung trotz­dem nicht. Die Pro­fes­so­ren ge­hen mit der GroKo hart ins Ge­richt: Sie ver­schlep­pe Re­for­men und ge­fähr­de mit be­stimm­ten Wei­chen­stel­lun­gen gar das Wirt­schafts­wachs­tum. Mer­kel wies die Kri­tik zu­rück.

Wo sieht das Gre­mi­um trotz uter Zah­len Grund zur Kri­tik? Die Re­gie­rung ha­be die öko­no­misch er­folg­rei­che Pha­se, die nicht nicht zu­letzt auf der Re­form­po­li­tik der Ver­gan­gen­heit be­ru­he (Agen­da 2010) un­zu­rei­chend ge­nutzt, um die deut­sche Volks­wirt­schaft auf die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Zu­kunft vor­zu­be­rei­ten“. ■ Was for­dern die fünf Wirt­schafts­wei­sen ne­ga­tiv an?

Un­ter an­de­rem ein Um­steu­ern in der Steu­er-, Ren­ten – und Ar­beits­markt­po­li­tik. Nö­tig sei­en un­ter an­de­rem ei­ne Neu­ord­nung der Un­ter­neh­mens­be­steue­rung, ei­ne Grund­steu­er­re­form und die „voll­stän­di­ge Kor­rek­tur der kal­ten Pro­gres­si­on“in der Ein­kom­mens­steu­er.

Da­ne­ben for­dern die Wirt­schafts­wei­sen ei­ne „bes­se­re Durch­läs­sig­keit des Bil­dungs­sys­tems und die Ein­füh­rung ei­nes ver­pflich­ten­den Vor­schul­jahrs“, um die „Chan­cen­ge­rech­tig­keit“zu er­hö­hen. ■ Wel­che An­re­gun­gen gibt es für den Ar­beits­markt?

Die Ex­per­ten plä­die­ren da­für, auf wei­te­re Re­gu­lie­rung zu ver­zich­ten und statt­des­sen die „Auf­nah­me­fä­hig­keit“des Nied­rig­lohn­sek­tors zu er­hö­hen – auch hin­sicht­lich der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen. Bar­ba­ra Wim­mer ■ g Un­glück­lich sind die Ex­per­ten mit der Ein­füh­rung des Min­dest­lohns. Die Steu­er­re­form für Un­ter­neh­menser­ben ver­kom­pli­zie­re das Erb­schaft­steu­er­recht und „lädt zur Steu­er­ge­stal­tung ein“. Und die jüngst ver­ein­bar­te Re­form der Bund-Län­der-Fi­nanz­be­zie­hun­gen, durch­ge­setzt von den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, er­hö­he die „In­ef­fi­zi­en­zen des Fi­nanz­aus­gleichs­sys­tems“. ■ Wie re­agiert die Re­gie­rung?

Die Kanz­le­rin kon­ter­te die Kri­tik und sag­te, die Re­gie­rung „fühlt und denkt so, dass sie per­ma­nent Re­for­men an­geht“. Ob die­se „im­mer so aus­fal­len, wie Sie es sich vor­stel­len – da mag es Dif­fe­ren­zen ge­ben“. Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) kann den Vor­wurf des man­geln­den Re­form­ei­fers nicht nach­voll­zie­hen. Man ha­be „wich­ti­ge Re­for­men um­ge­setzt“, et­wa bei In­ves­ti­tio­nen des Bun­des und bei der Ener­gie­wen­de. Er mo­nier­te sei­ner­seits, zum „zen­tra­len The­ma der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on“gä­ben die Wirt­schafts­wei­sen nur we­nig Rat. ■ Was sa­gen Ge­werk­schaf­ten? Der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) fin­det die Wirt­schafts­wei­sen „rück­wärts­ge­wandt und markt­gläu­big“. Ei­ne Um­set­zung ih­rer For­de­run­gen wür­de „die Sta­bi­li­sie­rung Eu­ro­pas ge­fähr­den und die so­zia­le Un­gleich­heit ver­schär­fen“. ■ Gibt’s Kri­tik an Eu­ro­pa?

Die lo­cke­re Geld­po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) ver­de­cke den man­geln­den Re­form­ei­fer, so die Ex­per­ten. Das ge­fähr­de die Fi­nanz­markt­sta­bi­li­tät. Die EZB-An­lei­hen­käu­fe soll­ten zu­rück­ge­fah­ren und bald be­en­det wer­den. Zugleich wird vor „pro­tek­tio­nis­ti­schen Ten­den­zen“ge­warnt. Die Frei­han­dels­ab­kom­men mit Ka­na­da (Ce­ta) und den USA (TTIP) müss­ten ab­ge­schlos­sen wer­den.

Fo­tos: dpa

Kanz­le­rin Mer­kel in­mit­ten der „Wei­sen“(v.li.): Vol­ker Wie­land, Pe­ter Bo­fin­ger, Chris­toph M. Schmidt (Vor­sit­zen­der des Sach­ver­stän­di­gen­ra­tes), Isa­bel Schna­bel und Lars P. Feld

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