Hier starb ein Fa­mi­li­en­glück

tz - - MÜNCHEN - DORITA PLANGE, JO­HAN­NES HEINIGER

Es ist ei­ne Ka­ta­stro­phe, für die der Lei­ten­de Kri­mi­nal­di­rek­tor Frank Hell­wig auch St­un­den spä­ter kaum Wor­te fand. Ei­ne hal­be Fa­mi­lie – ein Va­ter (37) und sei­ne bei­den Töch­ter (9 und 16 Jah­re) – ein­fach aus­ge­löscht. Er­stickt und bis zur Un­kennt­lich­keit ver­brannt im Dach­ge­schoss des Hau­ses Dach­au­er Stra­ße 24 in der Nä­he des Haupt­bahn­ho­fes. Wie konn­te das ge­sche­hen?

Ei­ne ent­sorg­te Ma­trat­ze im Trep­pen­haus des her­un­ter­ge­wohn­ten Ar­bei­ter­wohn­hei­mes lös­te das In­fer­no in der Nacht zu Mitt­woch aus. Sie lag im drit­ten Stock­werk des al­ten Holz-Trep­pen­hau­ses. Ir­gend­wann nach 1 Uhr in der Nacht ge­riet sie in Brand. „Ein tech­ni­scher De­fekt schei­det aus, weil da ein­fach nichts ist“, so Hell­wig. Bleibt nach dem Aus­schluss­prin­zip al­so nur noch Brand­stif­tung üb­rig. Ob fahr­läs­sig (al­so aus Ver­se­hen, z.B. durch ei­ne acht­los aus­ge­tre­te­ne Zi­ga­ret­te) oder vor­sätz­lich mit vol­ler Ab­sicht – das konn­te der Brand­fahn­der des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes ges­tern noch nicht si­cher fest­stel­len.

Die Fol­gen je­doch wa­ren ver­hee­rend. Die meis­ten der 97 Haus­be­woh­ner – über­wie­gend Ar­bei­ter aus Ost­eu­ro­pa – schlie­fen längst, als sich zu­nächst un­be­merkt im vier­ten Stock und vor der Durch­gangs­tür zu denDach­ge­schoss- Woh­nun­gen glü­hend hei­ßer Rauch an­sam­mel­te. Bald brann­te auch das höl­zer­ne Trep­pen­haus. Die Be­woh­ner der obe­ren Stock­wer­ke sa­ßen in der Fal­le. Um 1.54 Uhr gin­gen die ers­ten Notrufe ein. Als die Feu­er­wehr kam, schlu­gen die Flam­men me­ter­hoch in den Nacht­him­mel. Die Men- schen stan­den in Pa­nik schrei­end an den Fens­tern. Al­le wur­den von der Feu­er­wehr über Lei­tern und die Dreh­lei­ter ge­bor­gen. Der Ser­vice­Mann Adam (40) robb­te in To­des­angst am Schnee­fang­git­ter ent­lang aufs Nach­bar­dach: „Hin­ter mir ex­plo­dier­ten die Tü­ren! Es war wie im Krieg.“18 Men­schen er­lit­ten Rauch­ver­gif­tun­gen, elf ka­men ins Kran­ken­haus.

In­mit­ten des Cha­os kämpf­te auch die bul­ga­ri­sche Fa­mi­lie A. um ihr Le­ben. Sa­scha A. (37) war mit sei­nen Töch­tern vor ei­nem Jahr aus Spa­ni­en ge­kom­men, ar­bei­te­te für ei­nen Münch­ner Ge­bäu­de­rei­ni­ger. Er wohn­te mit den Mäd- chen in ei­nem der fünf Dach­ge­schoss-Apart­ments. In ih­rer Angst ver­lie­ßen die drei ih­re Zim­mer und ver­such­ten, im gif­ti­gen Rauch das Trep­pen­haus zu er­rei­chen. Ih­re Lei­chen wur­den spä­ter na­he der Durch­gangs­tür zum Trep­pen­haus ge­fun­den. Der rund 1000 Grad hei­ße Rauch hat­te die Tür nach in­nen bers­ten las­sen und das gan­ze Dach­ge­schoss in Flam­men ge­setzt. Sa­scha A.’s Ehe­frau kommt heu­te aus Bul­ga­ri­en nach Mün­chen.

In dem Haus hat es in den letz­ten vier Jah­ren zwei­mal im Trep­pen­haus ge­brannt. Die Po­li­zei war oft vor Ort we­gen Strei­te­rei­en der Be­woh­ner.

Fo­tos: Feu­er­wehr (2)

Das In­fer­no brach aus, als die Be­woh­ner schlie­fen: Flam­men zün­gel­ten aus dem Trep­pen­haus des Ge­bäu­des an der Dach­au­er Stra­ße. Bei dem ver­hee­ren­den Brand ka­men ein Mann und sei­ne bei­den Töch­ter ums Le­ben

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