Kampf­kunst

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Mün­chen, 1956: Ro­bert Weih­rauch gibt die Su­che auf. Der da­ma­li­ge Di­rek­tor des Baye­ri­schen Na­tio­nal­mu­se­ums no­tier­te im Be­stands­ka­ta­log, dass „das vor­züg­li­che Ex­em­plar im Krieg ver­nich­tet“wor­den sei. Bei dem „Ex­em­plar“han­delt es sich um ei­ne Rin­ger-Grup­pe aus Bron­ze von Mas­si­mi­lia­no Sold­a­ni Ben­zi (1656 – 1740), ent­stan­den um 1710 Jetzt aber sind die bei­den Sport­ler ins Haus an der Prinz­re­gen­ten­stra­ße zu­rück­ge­kehrt – nach 77 Jah­ren. Ver­si­chert sind sie mit zwei Mil­lio­nen Eu­ro, wür­den am ak­tu­el­len Kunst­markt je­doch we­sent­lich mehr er­zie­len. Die raf­fi­niert in­ein­an­der ver­schlun­ge­nen Rin­ger sind im im­po­san­ten Trep­pen­haus un­ter­ge­bracht – ne­ben ih­ren gro­ßen Kol­le­gen. Gro­ße Kol­le­gen? Ja, denn bei­de Wer­ke ge­hen auf ei­ne an­ti­ke Mar­morskulp­tur zu­rück, die 1583 in Rom ge­fun­den wur­de. Sie mach­te als Vor­bild für Bild­hau­er, Ma­ler und Zeich­ner ei­ne un­glaub­li­che Kar­rie­re. Wer von Rang war, riss sich dar­um, da­von ei­ne Art von Re­plik zu be­kom­men. Aber die Me­di­ci wach­ten streng über die „Ver­meh­rung“. Glück für Bay­ern: Der Wit­tels­ba­cher Jo­hann Wilhelm von der Pfalz (1658 – 1716) war mit ei­ner Me­di­ci ver­hei­ra­tet. Die zahl­rei­chen er­hal­te­nen Ge­schen­ke lan­de­ten spä­ter tat­säch­lich in Bay­ern – als die Pfäl­zer nach Mün­chen ka­men. Mit ih­nen viel Kunst – in­klu­si­ve die ba­ro­cken Rin­ger.

Sie kämpf­ten in der Fol­ge­zeit un­er­müd­lich – nach­ein­an­der in der Hof­gar­ten-Ga­le­rie, im Kö­nig­li­chen An­ti­qua­ri­um am Kö­nigs­platz (heu­te An­ti­ken­samm­lun­gen), in der Neu­en Pi­na­ko­thek und ab 1911 im Na­tio­nal­mu­se­um. Dort gibt es ei­nen ex­zel­len­ten Be­stand an Bron­zen, dort wa­ren die bei­den wirk­lich da­heim. Bis die Na­zis sie 1939 ins Prinz-Carl-Pa­lais brach­ten. 1943 wur­den sie ins Schloss Hirsch­berg bei Weil­heim ge­schafft. Die Nach­kriegs­su­che ver­lief er­geb­nis­los.

Nur Jens Burk, Re­fe­rent für Skulp­tur und Ma­le­rei von 1150 bis 1800 im Baye­ri­schen Na­tio­nal­mu­se­um, moch­te nicht an die Zer­stö­rung der Bron­ze­plas­tik glau­ben. Das Prinz-Carl-Pa­lais sei schließ­lich nicht aus­ge­bombt ge­we­sen, er­zählt er heu­te. Im März die­ses Jah­res be­such­te er die Ab­gus­sSamm­lung im Haus der Kul­tur­in­sti­tu­te an der Kat­ha­ri­na-von-Bo­ra-Stra­ße und fand zwi­schen den An­ti­ken zwei ba­ro­cke Män­ner. Der Clou des Kampf­kunst-Kri­mis: Sie wa­ren seit 1948 in Mün­chen!

Die US-Ver­wal­tung hat­te sie von Hirsch­berg zum Cen­tral Collec­ting Po­int ge­bracht. Der Feh­ler: Die Bron­ze wur­de als „mo­dern, co­py“ein­ge­stuft, die In­ven­tar­num­mer des Na­tio­nal­mu­se­ums über­se­hen. Die Ath­le­ten lan­de­ten im Be­stand der Glyp­to­thek und führ­ten zwi­schen den an­ti­ken Kol­le­gen ein Schat­ten­da­sein. Man hielt sie für ei­nen gu­ten Bron­ze­guss aus der

Zeit um 1900. Denks­te!

■ Baye­ri­sches Na­tio­nal­mu­se­um, Prinz­re­gen­ten­stra­ße 3, Te­le­fon 21 12 401

Foto: Schlaf

Die bei­den Rin­ger sind wie­der im Na­tio­nal­mu­se­um

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