Kein Kri­mi, aber gro­ßes Dra­ma

tz - - KULTUR & TV - Von As­trid Kist­ner

Zu kon­ven­tio­nell, zu ex­tra­va­gant, zu vor­her­seh­bar, zu kon­stru­iert, zu lus­tig, zu de­pri­mie­rend. So ein Tat­ort hat’s wirk­lich nicht leicht. All­wö­chent­lich soll er die treue Fan­ge­mein­de un­ter­hal­ten, ge­sell­schafts­re­le­van­te The­men auf­grei­fen und da­bei bit­te schön nicht lang­wei­len. Ei­ne An­for­de­rung, die der Tat­ort: Bo­row­ski und das ver­lo­re­ne Mäd­chen über wei­te Stre­cken sou­ve­rän meis­ter­te.

Da­bei prä­sen­tier­te sich die Ge­schich­te ein­gangs recht sper­rig. Die 17-jäh­ri­ge Ju­lia (Ma­la Em­de), vom ei­ge­nen Bru­der mit Ka­bel­bin­dern an ein Hei­zungs­rohr ge­fes­selt, be­freit sich und irrt durchs tris­te Kiel. Sie rennt zur Woh­nung ei­ner Mit­schü­le­rin, alar­miert die Po­li­zei in der fes­ten Über­zeu­gung, dass ihr Bru- der ei­nen Mord be­gan­gen hat. Das Mo­tiv? Dro­gen, Er­pres­sung – das Üb­li­che eben. Doch Bo­row­ski (Axel Mil­berg) und sei­ne Kol­le­gin Brandt (Si­bel Ke­kil­li) ha­ben es kei­nes­wegs mit ei­nem „ganz nor­ma­len Fall“zu tun. Die Mit­schü­le­rin wird zwar tat­säch­lich tot aus der Kie­ler För­de ge­fischt, aber ihr ge­walt­sa­mes Ab­le­ben ist in die­sem Kri­mi, der ei­gent­lich ein TV-Dra­ma ist, nur Staf­fa­ge. Es geht um Ju­lia, das Mäd­chen, das sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie an den Pran­ger stellt, das sich in der west­li­chen Kon­sum­welt ver­lo­ren und oh­ne Wer­te fühlt. Sie kon­ver­tiert zum Is­lam und fin­det ei­ne re­li­giö­se Hei­mat bei Sala­fis­ten, die sie in ein vom Is­la­mi­schen Staat kon­trol­lier­tes Ge­biet schi­cken wol­len. Ju­lia wird zum Spiel­ball von Staats­schutz und re­li­giö­sen Fa­na­ti­kern. Re­gis­seur Ray­mond Ley und sei­ne Frau Han­nah ha­ben ge­mein­sam das Dreh­buch von Char­lot­te I. Peh­li­va­ni über­ar­bei­tet. Und ob­wohl die Ge­schich­te voll ge­packt ist mit Vor­ur­tei­len, Zwei­feln und Kon­flik­ten, wird sie span­nend und un­an­ge­strengt er­zählt. Viel­leicht, weil Ley dar­auf ver­zich­tet, den mo­ra­li- schen Zei­ge­fin­ger zu he­ben. Statt­des­sen wird klar: Die Ver­lo­gen­heit, sie re­giert in bei­den Wel­ten. Dass man „dem ver­lo­re­nen Mäd­chen“knapp 90 Mi­nu­ten bei sei­ner ver­zwei­fel­ten Sinn­su­che zu­schau­en mag, ist Ma­la Em­des Ver­dienst. Ih­re Prä­senz und Aus­drucks­kraft trans­por­tiert sich oh­ne gro­ße Wor­te. In ei­nem Mo­ment mäd­chen­haft ver­letz­lich, im nächs­ten er­füllt von kämp­fe­ri­scher Stär­ke – Em­de fes­selt als jun­ge ra­di­ka­li­sier­te Deut­sche, die sich nichts sehn­li­cher als Halt und Struk­tur in ih­rem Le­ben wünscht. Re­gis­seur Ley tut gut dar­an, sei­ner Prot­ago­nis­tin viel Platz im Kie­ler Tat­ort ein­zu­räu­men. Er dra­piert die Er­mitt­ler (in ei­ner Gast­rol­le: Jür­gen Proch­now) ge­schickt um die­ses Mäd­chen, das sich, und auch das ist kon­se­quent, am En­de selbst rich­tet. Ach ja, das ers­te Mord­op­fer (fast hät­ten wir’s ver­ges­sen) wur­de von ei­ner ge­de­mü­tig­ten Klas­sen­ka­me­ra­din ge­tö­tet. Das Üb­li­che eben.

Kom­mis­sar Bo­row­ski (Axel Mil­berg) kann die Ju­lia (Ma­la Em­de) nicht ret­ten

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