CSU nach dem Par­tei­tag: Ex­per­te ana­ly­siert

tz - - ERSTE SEITE - INTERVIEW: WOLF­GANG DE PONTE

Zwei Ta­ge lang dis­ku­tier­ten die 900 De­le­gier­ten beim CSU-Par­tei­tag in München. Im Fo­kus: das neue Grund­satz­pro­gramm „Die Ord­nung“, Leit­an­trä­ge und die re­kord­ver­däch­tig lan­ge Re­de von Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer. Aber ge­spro­chen wur­de auch über vie­les, was nicht auf Ta­ges­ord­nung stand: das Ver­hält­nis zu An­ge­la Mer­kel oder See­ho­fers Zick­zack­kurs bei der Nach­fol­ge­re­ge­lung. Die tz sprach mit dem Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Prof. Hein­rich Ober­reu­ter über den Ver­lauf des Par­tei­tags, Stim­mung und Pro­gramm.

Herr Prof. Ober­reu­ter, die CSU woll­te beim Par­tei­tag ihr kon­ser­va­ti­ves Pro­fil schär­fen. Ist ihr das ge­lun­gen?

Ober­reu­ter: Ich den­ke, es muss auf­ge­klärt kon­ser­va­ti­ves Pro­fil hei­ßen – und das zu schär­fen, ist der CSU mit dem Grund­satz­pro­gramm und den Leit­an­trä­gen zu den The­men „Po­li­ti­scher Is­lam“und „Links­rutsch ver­hin­dern“durch­aus ge­lun­gen. Er­klä­ren Sie das bit­te. Ober­reu­ter: Das Grund­satz­pro­gramm be­schreibt an­ge­sichts der Her­aus­for­de­run­gen und des tief ge­hen­den Wan­dels den ge­sell­schafts­po­li­ti­schen und his­to­ri­schen Stand­ort der Par­tei – das ist wich­tig für ihr Selbst­ver­ständ­nis. Die Leit­an­trä­ge sind da­ge­gen be­wusst als Ant­wor­ten auf ak­tu­el­le Si­tua­tio­nen for­mu­liert wor­den. Mit wel­chem Ziel? Ober­reu­ter: Sie bie­ten Ori­en­tie­rung und sind ein Si­gnal an die Wäh­ler im Zen­trum und in der rech­ten Mit­te, an de­ren Treue zum Grund­kon­sens kein Zwei­fel be­steht. Die CSU will für sie An­sprech­part­ner sein, ver­sucht ih­re Ge­füh­le auf­zu­grei­fen und in Po­li­tik um­zu­set­zen.

Nutzt die CSU Rot-Rot-Grün als Schreck­ge­spenst?

Ober­reu­ter: Auf je­den Fall wä­re ein ent­schie­de­nes Links­bünd­nis ei­ne Her­aus­for­de­rung für ei­ne Po­li­tik der ent­schie­de- nen Mit­te. Und des­halb ist die­ser An­trag auch so et­was wie ei­ne po­li­ti­sche Pro­fi­lie­rung, die ge­ra­de auch an­de­re Par­tei­en ver­su­chen. Und der An­trag zum Is­lam? Ober­reu­ter: Da geht’s um die Be­wah­rung der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät und den Ver­fas­sungs­kon­sens – ei­ne sä­ku­la­re Frei­heits­ord­nung. Das zu be­nen­nen hal­te ich für ganz we­sent­lich. In­ter­es­sant da­bei: Der An­trag er­in­nert an die Re­li­gi­ons­frei­heit und wen­det sie selbst­ver­ständ­lich auch auf den Is­lam an. Auf der an­de­ren Sei­te weist er den Is­lam dort in sei­ne Gren­zen, wo er re­li­gi­ös be­grün­de­te po­li­ti­sche In­to­le­ranz ent­fal­tet. Die­se Dop­pel­funk­ti­on ist in­ter­es­sant, weil sie auch auf­klä­re­risch wirkt ge- gen­über der ei­ge­nen Ba­sis – und der ge­ne­rel­len Öf­fent­lich­keit.

Be­ob­ach­ter se­hen in den Leit­an­trä­gen ei­nen Rechts­ruck.

Ober­reu­ter: Fakt ist – das ist de­mo­sko­pisch be­legt –, dass die CDU nach links von der Mit­te ge­rückt ist. Da setzt die CSU ei­nen ent­schie­de­nen Ge­gen­ak­zent. Aber der ist nicht neu! Die CSU hat­te nie ein an­de­res Po­li­tik­ver­ständ­nis als das der Mit­te und der rech­ten Mit­te. Aber im­mer auch mit dem pro­gram­ma­ti­schen Stra­te­gie­ver­ständ­nis, nach rechts Brand­mau­ern zu bau­en. Was ihr ja auch ge­lun­gen ist. In­wie­fern? Ober­reu­ter: Die AfD hat in kei­nem Bun­des­land so we­nig An­hän­ger wie in Bay­ern, sie wird nicht zwei­stel­lig. Und das schon seit Mo­na­ten. Die CSU sagt deut­lich, wo sie ih­re Wur­zeln und kon­ser­va­ti­ven Po­si­ti­on sieht. Sie sagt es um­so deut­li­cher, weil rechts von ihr ei­ne Par­tei ent­stan­den ist, die be­son­ders des­we­gen Wäh­ler ge­winnt, weil die eta­b­lier­ten Gro­ßen die­se Po­si­tio­nen nicht mehr be­die­nen. Und das funk­tio­niert ja auch: In Rhein­land-Pfalz ha­ben 71 Pro­zent der AfD-Wäh­ler ge­sagt, hät­te die CSU kan­di­diert, hät­ten sie über­legt, die CSU zu wäh­len. Das heißt: Die Brand­mau­er steht und man ver­sucht sie zu er­hal­ten, oh­ne un­ap­pe­tit­lich ins Rech­te ab­zu­glei­ten. Das ist ge­wiss wich­ti­ger als das Pro­pa­gan­da­the­ma Maut in zwei Wahl­kämp­fen.

Wie groß ist denn der Dis­sens zwi­schen CDU und CSU? Ober­reu­ter: Nicht sehr groß. Und wenn’s um die Ober­gren­ze Flücht­lin­ge geht?

Ober­reu­ter: See­ho­fer wird an die­sem Be­griff fest­hal­ten, aber das wird prak­tisch kei­ne Be­deu­tung ha­ben, da die CDU ja auch ei­ne Be­gren­zung will.

See­ho­fer und Mer­kel – hat der Par­tei­tag et­was an ih­rem Ver­hält­nis ver­än­dert – auch oder viel­leicht ge­ra­de, weil Mer­kel nicht ein­ge­la­den war?

Ober­reu­ter: See­ho­fer hat durch­bli­cken las­sen, dass er die Ab­kan­ze­lung beim vor­letz­ten Par­tei­tag für ei­nen Feh­ler

hält. Al­so al­les wie­der gut? Ober­reu­ter: See­ho­fers Pro­blem ist, wie er das CSU-Mit­glied, das we­gen der Flücht­lings­ge­schich­ten auf den Bäu­men sitzt – und das er auch selbst auf die Bäu­me ge­trie­ben hat und das jetzt sagt: „Nie mehr mit Mer­kel“– wie er das wie­der run­ter­holt. Mit Blick auf die Wah­len ist das enorm wich­tig, denn zwei, drei Pro­zent kön­nen dar­über ent­schei­den, wie do­mi­nant die Rol­le der CSU in Bay­ern ist.

Hat er den Par­tei­tag da­für schon ge­nutzt?

Ober­reu­ter: Nein. Der Par­tei­tag stand un­ter dem Be­mü­hen, die Kluft zwi­schen bei­den CPar­tei­en nicht zu ver­tie­fen. See­ho­fer hat dar­auf ver­zich­tet, noch ein­mal Feu­er zu le­gen. Aber das hat er auch gar nicht nö­tig. Denn die CSU hat sich in al­len Punk­ten, was die Flücht­lings­fra­ge an­geht, durch­ge­setzt. Sie hat es al­ler­dings ver­säumt, das der Öf­fent­lich­keit ent­spre­chend mit­zu­tei­len und als Sieg zu ver­kau­fen.

Die Nach­fol­ge­fra­ge war beim Par­tei­tag kein The­ma…

Ober­reu­ter: Es war nicht zu er­war­ten, dass See­ho­fer in die­ser kom­ple­xen Si­tua­ti­on, die er ja selbst er­zeugt hat, öf­fent­li­che Fin­ger­zei­ge ge­ben wird. Ei­ne Ge­schich­te ist aber vor dem Hin­ter­grund der an­ge­streb­ten Ämt­er­tren­nung in­ter­es­sant: Er hat deut­lichst for­mu­liert, dass der Par­tei­vor­sit­zen­de die Ver­ant­wor­tung trägt und die Richt­li­ni­en vor­gibt. Und das hie­ße, dass der Par­tei­chef auch für ihn, den Mins­ter­prä­si­den­ten, der Weg­wei­ser wä­re … Schwer vor­stell­bar, oder? Ober­reu­ter: Ja, aber wenn’s Pro­ble­me gä­be, bräuch­te der neue Vor­sit­zen­de ja nur See­ho­fer selbst zu zi­tie­ren, um ihn in die Schran­ken zu wei­sen.

See­ho­fer hat 103 Mi­nu­ten ge­re­det, aber es gab kein Wort zu Mar­kus Sö­der …

Ober­reu­ter: … das hat er aus­ge­gli­chen durch die Nicht­nen­nung des Na­mens Herr­mann. Der Ein­zi­ge, der her­vor­ge­ho­ben wur­de, war Mar­kus Blu­me, der mit dem Grund­satz­pro­gramm sei­nen „Ge­sel­len­brief“er­wor­ben hat.

Ein Mann für hö­he­re Auf­ga­ben?

Ober­reu­ter: Ver­mut­lich. Aber er war ja bei der letz­ten Re­gie­rungs­bil­dung schon als Staats­se­kre­tär im Ge­spräch.

Der Chef: Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer hält in der CSU wei­ter­hin al­le Zü­gel in der Hand

Prof. Hein­rich Ober­reu­ter Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler

Zum En­de des Par­tei­tags gab’s ei­ne klei­ne Pan­ne …

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