Is­lam und Frau­en

Voll­ver­schlei­ert in ARD-Talk­show: Mus­li­ma be­haup­tet, der Ni­kab bie­te die gro­ße Frei­heit

tz - - ERSTE SEITE - Dr. Di­na El Oma­ri Is­lam­wis­sen­schaft­le­rin INT.: W. DE PONTE

ARD am Sonn­tag­abend: Ei­gent­lich will An­ne Will mit ih­ren Gäs­ten dar­über dis­ku­tie­ren, war­um jun­ge Leu­te zu Is­la­mis­ten wer­den. Doch dann rückt ei­ne voll­ver­schlei­er­te Frau im Ni­kab in den Mit­tel­punkt. No­ra Il­li, Frau­en­be­auf­tra­ge (!) des Is­la­mi­schen Zen­tral - rats der Schweiz. Sie sieht im Is­lam ei­ne Ge­mein­schaft, in der man Schul­ter an Schul­ter be­tet. Das Tra­gen des Ni­kab be­deu­tet für sie nichts we­ni­ger als Frei­heit und Selbst­be­stim- mung. Au­ßer­dem emp­fiehlt sie jun­gen Is­la­mis­ten wärms­tens ei­nen Trip nach Sy­ri­en – das ge­lob­te Land. Dort war­te ei­ne „bit­ter­har­te Lang­zeit­prü­fung mit Hochs und Tiefs“auf sie. Wel­che Rol­le spielt die Frau im Is­lam? Was sagt ei­gent­lich der Koran über die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau? Die

sprach mit der Is­lam­wis­sen­schaft­le­rin Dr. Di­na El Oma­ri von der Uni­ver­si­tät Müns­ter über die­se The­men.

Frau Dr. El Oma­ri, wie hält es der Is­lam mit der Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau?

Dr. El Oma­ri: Der Is­lam ist das, was die Mus­li­me dar­aus ma­chen, und da stel­len wir fest, dass Mus­li­me, die in pa­tri­ar­cha­li­schen Struk­tu­ren le­ben, den Is­lam eher pa­tri­ar­cha­lisch aus­le­gen. Wenn wir den Koran be­trach­ten, dann müs­sen wir sei­ne Aus­sa­gen in ih­rem his­to­ri­schen Kon­text im sieb­ten Jahr­hun­dert ver­or­ten. Sei­ne Er­st­adres­sa­ten leb­ten in ei­ner pa­tri­ar­cha­li­schen Ge­sell­schaft. In un­se­rer heu­ti­gen Ge­sell­schaft müs­sen wir al­so nach ei­ner ge­schlech­ter­ge­rech­ten Les­art stre­ben, vor al­lem durch die Be­to­nung der im Koran vor­han­de­nen es­sen­ti­el­len Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter.

Wenn man sich die Home­page des Is­la­mi­schen Zen­trums in Mün­chen an­sieht, liest sich das an­ders. Da steht z. B. dass ein Mann sei­ne Frau schla­gen darf – wenn er die Rei­hen­fol­ge ein­hält: Erst Er­mah­nung, dann Tren­nung vom Ehe­bett, und da­nach darf er auch schla­gen … auch wenn das nur ei­ne „sym­bo­li­sche Ges­te“sein soll.

El Oma­ri: Die­se Home­page gibt ein sehr an­ti­quier­tes Frau­en­bild wie­der, das sehr vom Pa­tri­ar­ch­i­at ge­prägt ist. Hier wird ein Kor­an­vers (4:34) wort­wört­lich ge­nom­men, oh­ne ihn im his­to­ri­schen Kon­text der Er­st­adres­sa­ten zu ver­or­ten.

Das ist ei­ne Ge­mein­de der Mus­lim­brü­der.

El Oma­ri: Es ist wich­tig, dass wir Mus­li­me hier in Deutsch­land an­kom­men und uns end­lich von pa­tri­ar­cha­li­schen Frau­en­bil­dern, wo­nach die Frau le­dig­lich zum Kin­der­krie­gen und der Mann zum Geld­ver­die­nen be­stimmt sind, ver­ab­schie­den.

Wie sieht es in den mus­li­mi­schen Fa­mi­li­en aus?

El Oma­ri: Hier in Deutsch­land stei­gen im­mer mehr jun­ge mus­li­mi­sche Frau­en in die Mit­tel­schicht auf, er­he­ben ih­re Stim­me zur Selbst­be­stim­mung und sind oft­mals bes­ser ge­bil­det als mus­li­mi­sche Män­ner. Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben wir aber noch im­mer pa­tri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren, die auf­ge­bro­chen wer­den müs­sen.

Aber in den Mo­sche­en spie­len Frau­en doch kei­ne Rol­le. Dort ist die Aus­le­gung des Korans nicht nach dem Wort­laut, son­dern nach dem Sinn doch noch nicht an­ge­kom­men.

El Oma­ri: Pau­schal kann ich das nicht be­stä­ti­gen. Das ist in je­der Ge­mein­de an­ders. Da­her ist es wich­tig, dass hier in Deutsch­land aus­ge­bil­de­te Theo­lo­gin­nen und Päd­ago­gin­nen in den Mo­schee­ge­mein­den ar­bei­ten. Wie groß ist de­ren Ein­fluss? El Oma­ri: Es be­su­chen et­wa 25 bis 35 Pro­zent der Mus­li­me in Deutsch­land re­gel­mä­ßig die Mo­schee. Ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt aber der is­la­mi­sche Re­li­gi­ons­un­ter­richt an den öf­fent­li­chen Schu­len. Die Leh­rer, die hier un­ter­rich­ten, wer­den ja an den Uni­ver­si­tä­ten aus­ge­bil­det. Wir hier in Müns­ter ha­ben der­zeit rund 840 Stu­die­ren­de, da­von wer­den 70 Pro­zent Leh­rer, die als Mul­ti­pli­ka­to­ren ein welt­of­fe­nes Is­lam­bild ver­mit­teln wer­den. Wir bil­den aber auch Theo­lo­gen aus, die an die Mo­sche­en ge­hen, um auch die­se zu be­rei­chern. Ge­hen Frau­en in Mo­sche­en? El Oma­ri: Frau­en müs­sen zwar nicht am Frei­tags­ge­bet teil­neh­men, ei­ni­ge brin­gen sich den­noch in seel­sor­ge­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten, aber auch als Re­li­gi­ons­leh­re­rin­nen am Wo­che­n­en­de in den Mo­sche­en eh­ren­amt­lich ein. Den­noch be­kom­me ich im­mer wie­der die kri­ti­sche Fra­ge zu hö­ren, war­um man we­ni­gen Frau­en in den Mo­sche­en be­geg­net. Da ist si­cher­lich auch ein Nach­hol­be­darf vor­han­den. Vie­le Ge­mein­den ha­ben aber nicht die ent­spre­chen­den Mit­tel, um dies zu för­dern, und so ent­steht ein kon­ser­va­ti­ves Frau­en­bild in den Ge­mein­den.

Kann man das auch an Äu­ßer­lich­kei­ten fest­ma­chen – bei­spiels­wei­se am Kopf­tuch?

El Oma­ri: Nein. Das Kopf­tuch ist kein Zei­chen ei­nes kon­ser­va­ti­ven Is­lams, ich selbst tra­ge ein Kopf­tuch als Akt der De­mut vor Gott. So wie man das im Chris­ten­tum oder Ju­den­tum auch se­hen kann. Von un­se­ren Stu­die­ren­den sind et­wa 65 Pro­zent Frau­en, und da­von tra­gen et­wa 40 Pro­zent ein Kopf­tuch. Sie sind sehr of­fen und selbst­be­wusst im Auf­tre­ten. Und sie sind kri­tisch – auch ge­gen­über pa­tri­ar­cha­li­schen Aus­le­gun­gen des Is­lams.

Ver­ste­hen Sie, dass vie­le deut­sche ein Pro­blem mit dem Kopf­tuch ha­ben?

El Oma­ri: Vie­le as­so­zi­ie­ren das Kopf­tuch mit Un­ter­drü

ckung und Be­nach­tei­li­gung der Frau und ha­ben ent­spre­chend ein ne­ga­ti­ves Bild vom Kopf­tuch. Beim Ni­kab ist das an­ders ... El Oma­ri: Der Ni­kab ist für mich ein Zei­chen der Ab­schot­tung von der Ge­sell­schaft. Die Trä­ge­rin ver­liert ih­re Iden­ti­tät da­mit ja kom­plett, sie ist kein Sub­jekt mehr, son­dern ein Ob­jekt.

Was geht in Ih­nen vor, wenn sie je­man­den wie Frau Il­li se­hen?

El Oma­ri: Für mich wirkt ihr Ni­qab sehr be­fremd­lich, aber sie ist ein­fach nicht re­prä­sen­ta­tiv. Sie steht für ei­ne ab­so­lu­te Min­der­heit.

Und sie kann dann auch noch ih­re Bot­schaft ver­kün­den...

El Oma­ri: Dass sie be­haup­tet, durch den Ni­kab frei zu sein, kann ich nicht nach­voll­zie­hen. Wo­rin soll die­se Frei­heit lie­gen? Vi­el­leicht dass sie selbst be­stim­men kann, wer sie als weib­li­ches We­sen wahr­nimmt. Ich hab den Ein­druck, dass da­hin­ter auch ei­ne Form der Selbst­fin­dung steckt.

Wie soll Deutsch­land mit Mus­li­men um­ge­hen?

El Oma­ri: Re­spekt­voll. Wir brau­chen heu­te ein gro­ßes „Wir“und nicht ein „Wir Deut­sche“und „Ihr Mus­li­me“. Wir brau­chen mehr Räu­me der Be­geg­nung, da­mit wir mit- und nicht über­ein­an­der re­den. Von Mus­li­men wür­de ich aber auch er­war­ten, dass sie sich als Teil Deutsch­lands se­hen. Die is­la­mi­sche Leh­re ver­bie­tet zum Bei­spiel jun­gen Mäd­chen über­haupt nicht, am Sport- und Schwimm­un­ter­richt teil­zu­neh­men.

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