„Ich emp­fin­de Glück und tie­fe Dank­bar­keit“

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Frau Kno­bloch, was be­deu­tet der 10. Jah­res­tag des Zen­trums für Sie?

Char­lot­te Kno­bloch: Es ist ein Tag, an dem ich gro­ßes Glück und tie­fe Dank­bar­keit emp­fin­de. Und an dem ich na­tür­lich auch in­ne­hal­te und zu­rück­bli­cke. Wir sind mit die­sem Um­zug aus un­se­rem Hin­ter­hof­da­sein auf­ge­bro­chen in ei­ne neue Ära der Sicht­bar­keit und der Selbst­ver­ständ­lich­keit, und wir sind nicht nur im Her­zen der Stadt, son­dern auch in den Her­zen der Münch­ne­rin­nen und Münch­ner an­ge­kom­men.

Wie hat sich die Stim­mung in Mün­chen und Deutsch­land ge­gen­über dem Ju­den­tum in die­sen zehn Jah­ren ver­än­dert?

Kno­bloch: Grund­sätz­lich ist es so, dass aus dem Ne­ben­ein­an­der der Nach­kriegs­jah­re und -jahr­zehn­te end­lich ein Mit­ein­an­der ge­wor­den ist. Es gibt im­mer wie­der Rück­schrit­te, und der An­ti­se­mi­tis­mus zeigt sich im­mer of­fe­ner und un­ge­nier­ter. Und zwar nicht nur an den Rän­dern der Ge­sell­schaft, son­dern auch in de­ren Mit­te. Aber es über­wie­gen die po­si­ti­ven Er­leb­nis­se. Und das Jü­di­sche Zen­trum bie­tet den Raum für Be­geg­nun­gen und Dia­log.

Sie war­nen vor stär­ker wer­den­dem An­ti­se­mi­tis­mus. Kön­nen Sie Bei­spie­le nen­nen?

Kno­bloch: Tät­li­che Über­grif­fe und Straf­ta­ten wie in an­de­ren Städ­ten ha­ben wir in Mün­chen zum Glück nur we­ni­ge zu be­kla­gen. Die Po­li­zei und Si­cher­heits­be­hör­den leis­ten al­les in ih­rer Macht Ste­hen­de, um die jü­di­schen Men­schen und Ein­rich­tun­gen zu schüt­zen. Al­ler­dings wer­den im­mer wie­der an­ti­se­mi­ti­sche Flug­blät­ter ver­teilt oder Auf­kle­ber ge­klebt oder auch Graf­fi­ti ge­schmiert. Hin­zu kom­men ein­schlä­gi­ge Zu­schrif­ten und An­ru­fe. Es ist schon be­drü­ckend, in wel­chem Aus­maß an­ti­jü­di­sche Res­sen­ti­ments nach wie vor in un­se­rer Ge­sell­schaft ver­brei­tet sind.

Wie kann dem An­ti­se­mi­tis­mus ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den? Was wün­schen Sie sich von der Münch­ner Be­völ­ke­rung?

Kno­bloch: Ich wün­sche mir mehr Auf­klä­rung in den Schu­len und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. Ju­den­tum muss um­fas­sen­der un­ter­rich­tet wer­den. Jü­di­sche Ge­schich­te, Kul­tur und Re­li­gi­on in der Ver­gan­gen­heit und in der Ge­gen­wart, und zwar ins­be­son­de­re auch vor 1933 und nach 1945. Zu we­ni­gen ist be­kannt, dass die deut­schen Ju­den ei­nen we­sent­li­chen Bei­trag zur Ent­wick­lung un­se­res Lan­des ge­leis­tet ha­ben und leis­ten. Sie ge­hö­ren seit 1700 Jah­ren zu Deutsch­land. Der Ho­lo­caust ist ein wich­ti­ges The­ma, vor al­lem weil die Er­in­ne­rung da­zu die­nen muss, für die Zu­kunft zu ler­nen, aber er darf nicht das Ein­zi­ge sein, was Men­schen mit Ju­den ver­bin­den. Das gilt auch für den Staat Is­ra­el. Ich wün­sche mir hier ei­ne brei­te­re und tie­fe­re In­for­ma­ti­on der Men­schen. Sie müs­sen ver­ste­hen, war­um die So­li­da­ri­tät mit Is­ra­el Be­stand­teil un­se­res frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­ses ist.

Fo­to: Schlaf

Char­lot­te Kno­bloch, Prä­si­den­tin der Is­rae­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de, und der da­ma­li­ge OB Chris­ti­an Ude bei der Fünf-Jah­res­Fei­er des Jü­di­schen Zen­trums

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