Mein Sturz in die Ob­dach­lo­sig­keit

-Miet­er­tag – Ab­wärts­spi­ra­le: Wie Olav Z. al­les ver­lor

tz - - MÜNCHEN+REGION - S. SASSE

Manch­mal kann Olav Z. (47) ein­fach nicht so, wie er soll. Er steht an der Kas­se in der Schlan­ge und muss da­von­lau­fen – die Wa­ren lässt er zu­rück. An an­de­ren Ta­gen ver­passt er ei­nen Arzt­ter­min, „weil ich ein­fach nicht auf­ste­hen und hin­ge­hen konn­te“, sagt er. Ei­ne De­pres­si­on, ein Burn-Out und die Al­ko­hol­sucht ha­ben Z. vor sechs Jah­ren aus der Bahn ge­wor­fen. Er ver­lor sei­ne Ar­beit im Ma­nage­ment bei ei­nem Tou­ris­tik-Un­ter­neh­men, sei­ne Fa­mi­lie, sei­ne Woh­nung und die meis­ten sei­ner Freun­de. Dann mach­te er The­ra­pi­en, seit 2014 hat er kei­nen Al­ko­hol mehr an­ge­rührt.

Olav Z. hat­te gro­ße Hoff­nun­gen, er woll­te zu­rück in ein nor­ma­les Le­ben. Aber das klapp­te nicht – und so steht Olav Z. seit ver­gan­ge­nem Di­ens­tag wie­der vor dem Nichts. Er ist jetzt ei­ner von gut 6000 Ob­dach­lo­sen in Mün­chen. Vo­r­erst kann er zwar bei ei­nem Be­kann­ten auf dem So­fa schla­fen – aber ei­ne Dau­er­lö­sung ist das kei­ne. Angst! Angst vor der end­gül­ti­gen Ob­dach­lo­sig­keit! Z.s Fall zeigt: Auch in un­se­rer rei­chen Stadt ist die Ar­mut ganz nah – und die Fall­hö­he ge­wal­tig.

Zu­letzt leb­te Z. ein Jahr lang in ei­ner the­ra­peu­ti­schen Wohn­ge­mein­schaft für Ob­dach­lo­se in Neu­hau­sen, die der Am­bu­lan­te Fach­dienst Woh­nen Mün­chen (AFWM) ein­ge­rich­tet hat. Aber: Olav Z. hat sich nicht an die Haus­re­geln ge­hal­ten: Des­halb muss­te er ge­hen.

Z. hat ein schwe­res Le­ben hin­ter sich. Sei­ne El- tern strit­ten viel – und als er fünf Jah­re alt war, er­schoss sich der Va­ter vor sei­nen Au­gen. Äu­ßer­lich schien Olav al­les ver­wun­den zu ha­ben, er mach­te den Meis­ter und kämpf­te sich als Be­triebs­wirt ins Ma­nage­ment. Doch er ar­bei­te­te zu viel – bis er de­pres­siv und al­ko­hol­ab­hän­gig wur­de.

Nun ist er zwar seit zwei Jah­ren tro­cken, doch hat er Angst, dass er rück­fäl- lig wird – vor al­lem, wenn er in ein Män­ner­wohn­heim oder ein Ob­dach­lo­sen­asyl zie­hen muss und dort in Be­rüh­rung mit Al­ko­hol­kommt. Dass er tro­cken blieb, ha­be er auch den AFWM zu ver­dan­ken. Um­so schmerz­li­cher für ihn, dass er den Platz in der the­ra­peu­ti­schen WG ver­lo­ren hat.

Er ha­be Feh­ler ge­macht, das gibt er zu. „Ich ha­be mir ei­nen In­ter­net- und Fest­netz­an­schluss le­gen las­sen, ob­wohl das laut dem Nut­zungs­ver­trag nur mit Ge­neh­mi­gung er­laubt ist“, sagt er. Die Be­treue­rin sah den Rou­ter – dar­auf­hin be­kam Olav. Z. ei­ne Ab­mah­nung. Er soll­te den Fest­netz­ver­trag kün­di­gen und die Kün­di- gungs­be­stä­ti­gung vor­le­gen. Dies aber hat er nicht ge­schafft. Zu­dem war er zu lan­ge ver­reist – er sagt, bei der Hoch­zeit sei­ner Schwes­ter in Nord­deutsch­land– un­dv er pas­ste­u­nent­schul­digt Ge­sprächs­ter­mi­ne.

„Ich weiß, dass Au­ßen­ste­hen­de oft nicht ver­ste­hen, war­um ich oft nicht so kann, wie ich soll“, sagt Z. Die tz setz­te sich mit der AFWM in Ver­bin­dung. Die zu­stän­di­ge So­zi­al­päd­ago­gin er­klärt, dass in ih­rem Be­reich der­zeit 170 ehe­mals woh­nungs­lo­se Män­ner zu­rück in ein nor­ma­les Le­ben be­glei­tet wer­den sol­len – die meis­ten da­von tro­cke­ne Al­ko­ho­li­ker. „Es ist für un­se­re Ar­beit wich­tig, dass die Kli­en­ten sich an Ab­spra­chen hal­ten.“Der AFWM ha­be sich im Fall von Olav Z. die Ent­schei­dung nicht leicht ge­macht.

Fo­tos: Oli­ver Bod­mer, Mar­kus Götz­fried

Olav Z. im Ge­spräch mit tz-Re­por­te­rin Su­san­ne Sasse

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