Dem All­tag ent­flie­hen

tz - - ANZEIGE - Su­sAn­ne Wäch­ter

rwar­tungs­voll sitzt Horst Berg­hoff am Rand der Tanz­flä­che. Sei­ne Co­la ist noch un­be­rührt. Es ist im­mer der­sel­be Tisch, den er aus­wählt. Der 78-Jäh­ri­ge ist Stamm­gast in der Köl­ner Tanz­schu­le, wenn dort ein­mal im Mo­nat „Wir tan­zen wie­der“auf dem Pro­gramm steht. Das ist ein An­ge­bot für Men­schen mit De­menz und ih­re Be­glei­ter.

Vor über acht Jah­ren hat­te Ste­fan Klein­stück vom De­menz-Ser­vice-Zen­trum in Köln die Idee, ein An­ge­bot für Men­schen mit De­menz zu schaf­fen. Schnell hat­te er die Köl­ner Tanz­schu­le „Stall­nig Nier­haus“für das Vor­ha­ben be­geis­tern kön­nen. Seit acht Jah­ren ste­hen Hans-Ge­org Stall­nig und Ste­fan Klein­stück ge­mein­sam im Tanz­saal und brin­gen Be­we­gung in den All­tag der De­men­ten und wer­ben für das Pro­jekt in an­de­ren Städ­ten.

„Hal­lo. Herz­lich will­kom­men!“, be­grüßt Stall­nig die Gäs­te, die er­war­tungs­voll an den klei­nen Ti­schen sit­zen. Ei­ni­ge plau­dern ent­spannt, an­de­re schau­en schein­bar ins Lee­re. Wie so oft beim Tan­zen: Es sind mehr Frau- en als Män­ner. Auch wenn sie mor­gen nicht mehr wis­sen, was am Tag zu­vor pas­sier­te, wis­sen die meis­ten von ih­nen ge­nau, was gleich ge­sche­hen wird, wenn Ge­org Stall­nig die Mu­sik lau­ter dreht. „Der Tanz des Jah­res ist der Swing“, ruft er ins Mi­kro.

Die ers­ten Tän­zer ste­hen auf. Hier tan­zen Frau­en mit Frau­en, Frau­en mit Män­nern, ei­ni­ge tan­zen al­lein, so wie Horst Berg­hoff. Er rauscht mit ei­nem brei­ten Grin­sen an den an­de­ren Tän­zern vor­bei. „Er ist nicht zu hal­ten, wenn Mu­sik er­tönt“, sagt sei­ne De­menz­be­glei­te­rin Bir­git Knels.

Stall­nig duzt sei­ne Gäs­te, er drückt sie, for­dert sie zum Tanz auf. Be­rüh­rungs­ängs­te kennt er nicht, und sei­ne Gäs­te mö­gen es. „Wer ist denn die­se schö­ne Frau“, sagt er und steu­ert ge­ra­de­wegs auf ei­ne al­te Da­me mit Rol­la­tor zu. Er streckt sei­ne Hand aus und be­glei­tet sie zur Tanz­flä­che. Sie strahlt über das gan­ze Ge­sicht. Vie­le der Gäs­te la­chen. So­bald die Mu­sik er­tönt und die Ver­an­stal­tung be­ginnt, sind sie wie aus­ge­wech­selt.

De­menz ist ei­ne der gro­ßen Volks­krank­hei­ten. Et- wa 1,5 Mil­li­on Men­schen le­ben in Deutsch­land mit die­ser Er­kran­kung, die Stück für Stück die Hirn­area­le zer­stört. Je­des Jahr zählt die Deut­sche Alz­hei­mer Ge­sell­schaft 300 000 Neu­er­kran­kun­gen. Ei­ne Hei­lung ist trotz in­ten­si­ver For­schung noch nicht mög­lich. Des­halb sei es um­so wich­ti­ger, ei­nen Raum zu schaf­fen, in dem die Krank­heit kei­ne Rol­le spielt, ist Ste­fan Klein­stück über­zeugt.

Es kommt wäh­rend der Tanz­stun­de nicht dar­auf an, wie sich je­mand be­wegt oder wel­che Klei­dung er trägt. Es sei wich­tig, dass er sich nach der Mu­sik be­wegt. „Wir tan­zen wie­der“ist we­der Tanz­tee noch ei­ne klas­si­sche Tanz­stun­de. Tanz­leh­rer Ge­org Stall­nig schult sei­ne Gäs­te nicht im Cha Cha Cha oder im Lang­sa­men Wal­zer. „Es geht dar­um, sie für zwei St­un­den aus ih­rem All­tag zu ent­füh­ren“, sagt Klein­stück.

Dass Mu­sik und Tanz ei­ne po­si­ti­ve Wir­kung auf Men­schen mit De­menz ha­ben, zeig­te Ma­nue­la Lau­ten­schlä­ger von der Uni­ver­si­tät Wit­ten-Her­de­cke in ei­ge­nen Tanz­pro­jek­ten mit Be­trof­fe­nen. Auf der Ba­sis in­ter­na­tio­na­ler Stu­di­en und ei­ge­ner For­schun­gen be­wies sie, dass Mu­sik den Be­trof­fe­nen gut tut.

„Mu­sik weckt Er­in­ne­run­gen und kann ei­nen Schlüs­sel zu Be­geg­nun­gen und Dia­lo­gen dar­stel­len“, sagt Lau­ten­schlä­ger. Ver­lo­ren ge­glaub­te Res­sour­cen könn­ten durch die Mu­sik re­ak­ti­viert wer­den. An­ge­hö­ri­ge er­le­ben ih­re er­krank­ten Fa­mi­li­en­mit­glie­der beim Tan­zen des­halb ganz an­ders. „Sie sind ent­spann­ter, auf­ge­schlos­se­ner, ver­än­dern ih­re Mi­mik und sind ins­ge­samt fröh­li­cher.“

Die­se Ve­rän­de­run­gen stell­te auch Chris­ti­ne Mo­res­co bei ih­rem Mann Gui­lio fest, als sie das ers­te Mal zur Tanz­stun­de ka­men. „Er ist in den zwei St­un­den ein ganz an­de­rer Mensch“, er­zählt die 76-Jäh­ri­ge. Ge­nau aus die­sem Grund wird das An­ge­bot be­wusst in die Tanz­schu­le ver­legt. Hier er­leb­ten die Be­trof­fe­nen ein Stück Nor­ma­li­tät.

Ein­mal im Mo­nat lädt die Köl­ner Tanz­schu­le zu „Wir tan­zen wie­der“ein. Aber das Pro­jekt hat Nach­ah­mer ge­fun­den. In Bonn fin­det es un­ter Fe­der­füh­rung der Ca­ri­tas in ei­ner Tanz­schu­le statt, auch in Mon­heim wird ge­tanzt. Zwei Tanz­schu­len in Ham­burg ma­chen mit, Esch­born ist seit Be­ginn die­ses Jah­res da­bei. Und auch Er­furt und Ros­tock ha­ben In­ter­es­se an­ge­mel­det.

Fo­to: dpa

Auch im Al­ter ein Ver­gnü­gen: Tan­zen hat in je­dem Le­bens­ab­schnitt ei­ne wohl­tu­en­de Wir­kung.

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