„Un­ser Leid wird nie auf­hö­ren“

tz - - POLITIK - ANDRE­AS THIE­ME

Mit leuch­ten­den Au­gen lacht die sü­ße Vi­wi (†17) von ei­nem Fo­to auf dem Han­dy. Ih­re El­tern hal­ten es in den Hän­den und wei­nen – nur Bil­der sind von ih­rer Toch­ter ge­blie­ben. In der Sil­ves­ter­nacht starb die Schü­le­rin auf tra­gi­sche Wei­se: Ein ab­ge­knick­ter Am­pel­mast hat­te sie in Un­ter­föh­ring er­schla­gen, als Do­mi­nik B. (22) be­trun­ken da­ge­gen­ge­fah­ren war. Ihm wur­de ges­tern am Amts­ge­richt der Pro­zess we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung ge­macht.

Es ist ein schwe­rer Gang für die El­tern. Mehr als zehn Mo­na­te ist Vi­wi tot – dar­über kommt die Fa­mi­lie nicht hin­weg. „Wir füh­len täg­lich den Schmerz und den­ken an un­se­re Toch­ter.“Im Ge­richts­saal weint so­gar der Dol­met­scher, als er über­setzt. „Sie war so ein fröh­li­ches Mäd­chen und hat­te vie­le Freun­de. Zu Hau­se war sie sehr tüch­tig und half uns, wo sie konn­te.“

Mit Freun­din­nen lief Vi­wi in der Sil­ves­ter­nacht um 5.26 Uhr die Münch­ner Stra­ße ent­lang nach Hau­se. Dort hielt Do­mi­nik B. (22) an der Kreu­zung zur Alt­münch­ner Stra­ße. Die Am­pel zeig­te Rot. Sie schal­te­te auf Grün, der Fah­rer presch­te mit Voll­gas los – die Rei­fen dreh­ten durch, dann brach das Heck des 3er-BMW aus. Das Au­to krach­te ge­gen die Am­pel, die auf Vi­wi stürz­te. Im Kran­ken­haus er­lag sie ih­ren schwe­ren Kopf­ver­let­zun­gen.

Do­mi­nik B. sitzt ver­krampft auf der An­kla­ge­bank, als die De­tails zum Tod der Schü­le­rin be­spro­chen wer­den. Sein Ge­sicht ist asch­fahl, er fal­tet die Hän­de. „Ich kann mich an nichts mehr er­in­nern“, sagt er – und wie­der­holt die­se Wor­te spä­ter noch et­li­che Ma­le. Auch Do­mi­nik war an Sil­ves­ter auf ei­ner Par­ty ein­ge­la­den. Als es Streit mit Freun­den gab, woll­te er aber nicht mehr über­nach­ten – und setz­te sich mit 1,6 Pro­mil­le hin­ter das Steu­er. „Ich möch­te mich bei al­len An­ge­hö­ri­gen ent­schul­di­gen“, sagt er. In ei­nem Brief hat­te er vor­her be­reits ge­schrie­ben: „Sie ha­ben ver­lo­ren, was Sie ge­liebt ha­ben – durch mei­ne Dumm­heit. Könn­te ich es doch nur un­ge­sche­hen ma­chen!“

Für ihr Le­ben hat­te Vi­wi gro­ße Plä­ne: „Sie träum­te da­von, in die USA zu ge­hen“, sagt die Mut­ter. „Zwei Wo­chen vor ih­rem Tod hat­te sie uns um Er­laub­nis ge­fragt und sich so ge­freut.“Mo­de-De­si­gne­rin woll­te die hüb­sche Schü­le­rin ein­mal wer­den. Doch die Trun­ken­heits­fahrt be­en­de­te ihr jun­ges Le­ben.

„Völ­li­ges Ver­sa­gen“am Steu­er be­schei­nig­te der Rechts­me­di­zi­ner Hel­mut Pank­ratz dem To­des­ra­ser. Staats­an­wäl­tin Jed­ke for­der­te drei Jah­re Haft, Ver­tei­di­ger Phi­lip Fren­zel plä­dier­te da­ge­gen auf Be­wäh­rung.

Am En­de hat­te Rich­te­rin Laf­leur aber we­nig Mit­leid mit Do­mi­nik B.: Sie sprach ihn schul­dig der fahr­läs­si­gen Tö­tung und ver­ur­teil­te ihn zu ei­nem Jahr und neun Mo­na­ten Haft – al­ler­dings oh­ne Be­wäh­rung. „Es ist nicht nach­zu­voll­zie­hen, dass er so be­trun­ken noch Au­to ge­fah­ren ist. Das war grob fahr­läs­sig“, be­grün­de­te die Vor­sit­zen­de das Ur­teil.

Fo­tos: Jantz, Po­li­zei, Hei­che­le

Er­in­ne­run­gen auf dem Han­dy: Mut­ter Thi Nga Nguy­en (61) und Va­ter Van Soi Pham (57) zei­gen Fo­tos von ih­rer Toch­ter Vi­wi – die 17-Jäh­ri­ge starb in der Neu­jahrs­nacht

Die Un­glücks­stel­le: An der Münch­ner Stra­ße in Un­ter­föh­ring krach­te der BMW ge­gen die Am­pel – der Mast er­schlug Vi­wi. Ein Herz er­in­nert an sie (li.)

Wur­de zu ei­nem Jahr und neun Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt: To­des­fah­rer Do­mi­nik B. (22)

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