So tü­ckisch ist Dia­be­tes

tz - - REPORT - ANDRE­AS BEEZ

Dia­be­tes treibt das Ri­si­ko für Schlag­an­fall oder Herz­in­farkt nach oben. Für die rund sie­ben Mil­lio­nen Be­trof­fe­nen in Deutsch­land gilt es als – je nach wis­sen­schaft­li­cher Stu­die – zwei- bis vier­fach er­höht. Denn ih­re Ge­fä­ße kön­nen durch dau­er­haft er­höh­te Blut­zu­cker­wer­te schwe­ren Scha­den neh­men. Was die­sen stil­len Kil­ler aber be­son- ders tü­ckisch macht: Er greift auch das pe­ri­phe­re Ner­ven­sys­tem an und un­ter­drückt die Schmerz­emp­find­lich­keit. Die Be­trof­fe­nen spü­ren wich­ti­ge Alarm­si­gna­le nicht – selbst wenn die­se Vor­bo­ten ei­nes schwe­ren Herz­in­farkts sind.

So blei­ben bei Dia­be­ti­kern häu­fig die ty­pi­schen star­ken Brust­schmer­zen aus. „Oft ist Atem­not das ein­zi­ge Sym­ptom, und manch­mal kön­nen die Pa­ti­en­tin so­gar gar kei­ne Warn­zei­chen er­ken­nen“, er­klärt Pro­fes­sor Dr. Stef­fen Mass­berg, Chef­kar­dio­lo­ge des Uni­k­li­ni­kums Groß­ha­dern und Mit­glied im Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der Deut­schen Herz­stif­tung. „Des­halb en­den Herz­in­fark­te bei Dia­be­ti­kern lei­der in ver­gleichs­wei­se vie­len Fäl­len töd­lich.“Ins­ge­samt er­lei­den in Deutsch­land jähr­lich et­wa 300 000 Men­schen ei­nen Herz­in­farkt, über 50 000 (je­der Sechs­te) ster­ben dar­an.

Ob­wohl Dia­be­tes so dra­ma­ti­sche Fol­gen ha­ben kann, wird er häu­fig erst spät er­kannt – weil die er­höh­ten Blut­zu­cker­wer­te in der Re­gel zu­nächst kaum Be­schwer­den ver­ur­sa­chen. Den meis­ten Be­trof­fe­nen fällt an­fangs al­len­falls star­ker Durst auf, even­tu­ell et­was un­ge­wohn­te Mü­dig­keit. Erst bei ent­gleis­ten Wer­ten kön­nen sich Sym­pto­me wie Heiß­hun­ger, Schwit­zen, Ver­wirrt­heit und Be­wusst­lo­sig­keit ein­stel­len. In über 90 Pro­zent der Fäl­le han­delt es sich um Dia­be­tes mel­li­tus, Typ-2, so der Fach­be­griff für die Stoff­wech­sel­krank­heit. Da­bei schwächt sich die Wir­kung des Hor­mons In­su­lin auf die Kör­per­zel­len ab. Der Zu­cker wird nicht mehr aus­rei­chend vom Blut ins Ge­we­be ab­ge­ge­ben – im Blut er­höht sich dann die Zu­cker­kon­zen­tra­ti­on. Im Volks­mund: „Al­ters­zu­cker“.

Dia­be­tes lässt sich von Le­bens­stil­fak­to­ren be­ein­flus­sen wie Über­ge­wicht, Be­we­gungs­man­gel und un­aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung. „Be­son­ders ge­fähr­lich kann Dia­be­tes wer­den, wenn er in Kom­bi­na­ti­on mit an­de­ren stil­len Kil­lern wie Blut­hoch­druck und er­höh­ten Cho­le­ste­rin­wer­ten auf­tritt“, er­läu­tert Prof. Mass­berg. Die­sen Pa­ti­en­ten rät er zu be­son­ders eng­ma­schi­gen Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen. „Bei Dia­be­ti­kern reicht in der Re­gel ein nor­ma­les Be­las­tungs-EKG nicht aus“, weiß der Herz-Spe­zia­list. „Bei ih­nen wird in der Re­gel ei­ne Her­zul­tra­schall­un­ter­su­chung un­ter Be­las­tung ge­macht, ein so­ge­nann­tes Stress-Echo. Da­mit lässt sich fest­stel­len, wie gut die Pump­funk­ti­on des Her­zens un­ter Be­las­tung fun­kio­niert.“Doch auch (schein­bar) ge­sun­den Men­schen rät Mass­berg zu Kon­troll­un­ter­su­chun­gen. „Ab 35 kann man im Rah­men der Ge­sund­heits- vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen re­gel­mä­ßig sei­nen Blut­zu­cker­spie­gel be­stim­men las­sen.“

Im Fal­le von leicht er­höh­ten Wer­ten las­se sich durch ei­ne Än­de­rung des Le­bens­wan­dels (Ab­neh­men, ge­sün­de­re Er­näh­rung, mehr Be­we­gung) viel er­rei­chen, so der Kar­dio­lo­ge. Erst am En­de der Be­hand­lungs­ket­te ste­hen Me­di­ka­men­te und un­ter Um­stän­den das Sprit­zen von In­su­lin. Wenn man Dia­be­tes nicht be­han­delt, dro­hen ne­ben Herz- in­farkt und Schlag­an­fall wei­te­re Fol­gen. Be­son­ders ge­fürch­tet sind Schä­di­gun­gen der Au­gen. „Sie kön­nen bis zum Er­blin­den füh­ren“, weiß Mass­berg. Auch Durch­blu­tungs­stö­run­gen der Bei­ne und Fü­ße kom­men oft vor – manch­mal müs­sen sie so­gar am­pu­tiert wer­den. „Um­so wich­ti­ger ist es, Dia­be­tes recht­zei­tig zu er­ken­nen und zu be­han­deln. Als ers­ter Schritt reicht schon ein ein­fa­cher Test beim Haus­arzt.“

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