Golfra­sen statt Fuß­ball­platz

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Kurz nach dem Auf­ste­hen geht Pe­ter Neur­u­rer in die Kü­che sei­nes Hau­ses in Gel­sen­kir­chen und ist ir­ri­tiert: Es sind kei­ne Ap­fel­si­nen da. „Da dreh’ ich am Rad!“, ruft Neur­u­rer, der kurz­zei­tig ziem­lich auf­ge­bracht ist. Sei­ne Frau Ant­je sagt: „Hast du nicht al­le aufm Zaun? Wor­über re­den wir hier ei­gent­lich?!“. Neur­u­rer muss über sich selbst la­chen.

Seit bei­na­he 30 Jah­ren, fast so lan­ge wie Pe­ter Neur­u­rer sein Geld als Fuß­ball­trai­ner ver­dient, ge­ben Ri­tua­le sei­nem Le­ben Struk­tur. Am drin­gends­ten be­nö­tigt er sie in Pha­sen wie jetzt, wo er oh­ne Trai­ner­job ist. Je­den Mor­gen be­kommt er von sei­ner Frau ge­nau ei­ne Tas­se Kaf­fee, Früh­stück und ein Glas mit 0,3 Li­tern frisch ge­press­tem Oran­gen­saft. „Das muss so sein“, sagt er. Am Vor­tag war Ant­je aber leicht er­käl­tet und konn­te kei­ne Ap­fel­si­nen kau­fen.

Seit dem Aus beim VfL Bochum vor fast zwei Jah­ren ist er oh­ne An­stel­lung im Pro­fi­fuß­ball. Neur­u­rer war un­ter an­de­rem Trai­ner vom 1. FC Köln, Han­no­ver 96 oder Schal­ke 04, in über 200 Bun­des­li­ga­spie­len stand er an der Sei­ten­li­nie. Er ist ver­hei­ra­tet, sei­ne Kin­der sind ge­sund, er hat Geld. Dar­um geht es ihm aber längst nicht mehr.

Er fährt mit sei­nem dunk­len Ge­län­de­wa­gen zum Fit­ness­stu­dio in der Nä­he. Der Wa­gen ist re- la­tiv neu, auf sei­nem Kenn­zei­chen hat er sich die Zahl 15 ein­gra­vie­ren las­sen: „Weil ich auf die 15. Sta­ti­on im Pro­fi­fuß­ball war­te.“Im Som­mer 2012 war er auf sei­nem Stamm-Golf­platz mit ei­nem Herz­in­farkt zu­sam­men­ge­klappt, zu der Zeit war er drei­ein­halb Jah­re oh­ne Trai­ner­job. „Wenn ich im Amt ge­we­sen wä­re, wä­re mir das nicht pas­siert“, sagt er. Ins Fit­ness­stu­dio geht er seit­dem auch. Zwei­mal Zir­kel­trai­ning pro Wo­che sind zwei St­un­den we­ni­ger, in de­nen er sich über feh­len­de Ap­fel­si­nen auf­re­gen muss.

Neur­u­rer ist 61 Jah­re alt und er führt mal wie­der ei­nen Kampf um die Rück­kehr auf die Trai­ner­bank, um An­er­ken­nung, Auf­merk­sam­keit und ge­gen die in­ne­re Lee­re. „Mir fehlt ei­ne Auf­ga­be, mir fehlt es, im Pro­fi­be­reich ge­fragt zu sein“, sagt er. „Ich lie­be den Pro­fi­be­reich.“

Nach sei­nem Herz­in­farkt hat­te ihn 2013 Bo- chum ver­pflich­tet. Jetzt stellt sich für ihn die Fra­ge, ob er sich selbst wie­der hel­fen kann, in­dem ein Klub sei­ne Hil­fe be­nö­tigt. „Bei al­len Din­gen, die glück­li­cher­wei­se in der Fa­mi­lie lau­fen, ist Fuß­ball für mich die Num­mer eins“, meint er. Er wür­de auch als Sport­di­rek­tor bei ei­nem Pro­fi­klub ar­bei­ten, sagt er. Selbst sei­ner Frau ge­he er in sei­ner Ar­beits­lo­sig­keit teil­wei­se auf die Ner­ven. „Ich re­ge mich schon über Flie­gen an­ner Wand auf, die gar nicht da sind“, sagt er la­chend. „Und da sacht mei­ne Frau auch mal: Jetz’ geh Golf spie­len!“

Auf dem Golf­platz ist Neur­u­rer der ein­zi­ge, der re­gel­mä­ßig te­le­fo­niert, ei­gent­lich sind kei­ne Han­dys er­laubt. Neur­u­rer hat ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung. „Weil du stän­dig hoffst und er­war­test, dass je­mand an­ruft“, er­klärt er. „Wenn du nicht im Amt bist, ist das Han­dy dein Ret­tungs­an­ker.“

Fo­tos: dpa

Auf dem Golf­platz, mit Han­dy am Ohr: So sieht man Pe­ter Neur­u­rer die­ser Ta­ge öf­ters. Nur zu ger­ne wür­de der Trai­ner aber wie­der auf dem Fuß­ball­ra­sen ju­beln – wie zu­letzt 2014 in Bochum (li. oben)

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