Der Mau­er­fall

tz - - KULTUR & TV - JO­HAN­NES WEL­TE

Ei­ne wei­ße Holz­bu­de be­schrif­tet mit: „Check­point“, ein rot-weiß ge­streif­tes Flat­ter­band, im Hin­ter­grund der graue Schat­ten der rie­sen­haf­ten Mau­er, zwei fins­ter drein schau­en­de Her­ren mit Schild­kap­pe und grü­ner Uni­form. Ges­tern Nach­mit­tag in der Nai­la­er Stra­ße im Schat­ten der 4,5 Me­ter ho­hen Mau­er, die ein Heim für 160 ju­gend­li­che Flücht­lin­ge von ei­nem Block Rei­hen­häu­ser ab­schir­men soll – und die in­zwi­schen die gan­ze Welt be­wegt,

TV-Ka­me­ras des BR, des ZDF, Sat1 und der ita­lie­ni­schen RAI sind da­bei, als ei­ner der bei­den Her­ren mit sei­nem an­ge­kleb­ten Schnau­zer in et­was ge­küns­tel­tem Säch­sisch ver­kün­det: „Wir ha­ben be­schlos­sen, aus­nahms­wei­se ein­mal Em­pa­thie zu ent­fal­ten und die Gren­ze zu öff­nen.“Die Men­ge vor ihm johlt: „Die Mau­er muss weg“. Es ist Till Hof­mann, der Chef vom Lust­spiel­haus, La­chund Schieß­ge­sell­schaft und an- de­ren Ka­ba­rett-Büh­nen, der laut­hals ab­zählt, be­vor er die sym­bo­li­sche Gren­ze öff­net. „54-3-2-1-0“. Der Herr, der Hof­mann beim Öff­nen der Gren­ze as­sis­tiert, ist kein an­de­rer als Jim­my Hart­wig, ehe­mals Fuß­ball­pro­fi bei 1860 Mün­chen und dem HSV. In sei­nem Hes­sisch sagt er: „Wenn se drin­ne sin’, kön­ne se raus gu­cke.“

„Check­point Ali“heißt die Kunst­ak­ti­on, die Hof­mann die­ses Mal mit sei­nen Freun­den vom Flücht­lings­hilfs­pro­jekt Bel­le­vue di Mo­na­co auf­ge­zo­gen hat. Hart­wig kon­trol­liert an­schlie­ßend die Päs­se al­ler Gäs­te, die die sym­bo­li­sche Gren­ze zwi­schen Rei­hen­haus­sied­lung und Flücht­lings­heim pas­sie­ren, drin­nen wird Rot­käpp­chen-Sekt ge­reicht, ein Stück DDR-Ro­man­tik.

An die und eben an die Mau­er, die die DDR auf den Tag ge­nau vor 55 Jah­re hoch­zog, füh­len sich die Ak­ti­vis­ten er­in­nert – was hier als Spaß-Ak­ti­on her­über­kommt, ist tod­ernst.

Mat­thi­as Li­li­en­thal, In­ten­dant der Kam­mer­spie­le, er­in­nert sich: „Ich bin ja an der Ber­li­ner Mau­er auf­ge­wach­sen und ha­be oft St­ei­ne rü­ber ge­wor­fen. Ich fin­de das sehr scha­de, dass wir uns jetzt mit ei­ner Mau­er in Mün­chen ru­m­är­gern müs­sen. War­um soll man sich vor die­sen Leu­ten schüt­zen, die hier bald le­ben?“

Auch ei­ne An­woh­ne­rin ist da: „Uns ging es nur um den Lärm von der Spiel­wie­se des Hei­mes, nicht dar­um, dass es Flücht­lin­ge sind.“Wo ih­re Kin­der frü­her ge­bolzt ha­ben? „Auf dem Bolz­platz da hin­ten und spä­ter am Sport­platz na­tür­lich.“Nein, ei­ne Mau­er ge­be es dort nicht.

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