Ab­ge­scho­ben!

tz - - PANORAMA -

Fast je­der kennt das Ge­sicht des ag­ha­ni­schen Flücht­lings­mäd­chens mit den mar­kan­ten grü­nen Au­gen. Es er­schien 1985 auf dem Co­ver des Ma­ga­zins Na­tio­nal Geo­gra­phic und stand sym­bo­lisch für das Elend des af­gha­ni­schen Vol­kes und die vie­len Flücht­lings­schick­sa­le, wäh­rend des Bür­ger­kriegs und der so­wje­ti­schen In­va­si­on zwi­schen 1979 und 1989.

Das af­gha­ni­sche Mäd­chen von da­mals leb­te nach sei­ner Flucht ins pa­kis­ta­ni­sche Camp von Na­sir Bagh ins­ge­samt 35 Jah­re in dem Land. Jetzt aber wur­de Shar­bat Gu­la, in­zwi­schen ver­hei­ra­tet und vier­fa­che Mut­ter, in ihr Ge­burts­land ab­ge­scho­ben. Grund: Die mitt­ler­wei­le 45-Jäh­ri­ge war ver­gan­ge­nen Mo­nat von Be­hör­den be­schul­digt wor­den, ei­nen ge­fälsch­ten pa­kis­ta­ni­schen Aus­weis zu bei st­zen und sich il­le­gal im Land auf­zu­hal­ten. Nach 15 Ta­gen im Ge­fäng­nis wur­de die Frau ges­tern Mor­gen um 2.30 Uhr Orts­zeit an die Gren­ze nach Af­gha­nis­tan ge­bracht, wo sie ge­mein­sam mit ih­ren Kin­dern Pa­kis­tan ver­ließ. Ih­re Ver­haf­tung und das Ur­teil hat­ten hef­ti­ge in­ter­na­tio­na­le Kri­tik an den pa­kis­ta­ni­schen Be­hör­den her­vor­ge­ru­fen.

Den Män­nern wird ver­such­ter Mord, Dro­gen­han­del und un­er­laub­ter Waf­fen­be­sitz vor­ge­wor­fen: Bei ei­ner bun­des­wei­ten Groß­raz­zia im Ro­cker­mi­lieu, an der ins­ge­samt 1500 Po­li­zis­ten be­tei­ligt wa­ren, sind ins­ge­samt sie­ben Ver­däch­ti­ge im Al­ter zwi­schen 21 und 29 Jah­ren fest­ge­nom­men wor­den. Es han­delt sich um Mit­glie­der der so­ge­nann­ten Os­ma­nen Ger­ma­nia. Die Or­ga­ni­sa­ti­on gilt als tür­kisch-na­tio­na­lis­tisch und den Grau­en Wöl­fen na­he­ste­hend. Erst im April 2015 ge­grün­det, wächst sie heu­te ra­sant. Ziel der Raz­zi­en sei es, Struk­tu­ren der Ver­ei­ni­gung auf­zu­hel­len, Be­weis­mit­tel si­cher­zu­stel­len und Tä­ter zu er­mit­teln.

Für Gu­la selbst brach mit der Ab­schie­bung ei­ne Welt zu­sam­men: „Af­gha­nis­tan war nur mein Ge­burts­land, aber Pa­kis­tan ist mei­ne Hei­mat“, hat­te sie der Nach­rich­ten­agen­tur AFP ge­sagt. „Ich will in Pa­kis­tan le­ben und ster­ben.“Die Ab­schie­bung sei für sie „die schlimms­te Sa­che“.

Gu­la war 1979 als Voll­wai­se nach Pa­kis­tan ge­kom­men, als die So­wjets in das Land ein­mar­schier­ten. Ein von re­li­giö­sen Grup­pen do­mi­nier­tes Volks­auf­stand be­gann. Mil­lio­nen Af­gha­nen flo­hen un­ter an­de­rem nach Pa­kis­tan.

1984 ent­stand das welt­be­rühm­te Fo­to des Kin­des mit den ein­dring-

Schwer­punkt des Ein­sat­zes war Hes­sen (vier Fest­nah­men), dar­über hin­aus gin­gen die Er­mitt­ler aber auch im Saar­land li­chen Au­gen. Das Co­ver des Na­tio­nal Geo­gra­phic, das es zier­te, wur­de ei­nes der er­folg­reichs­ten in der 114-jäh­ri­gen Ge­schich­te des Ma­ga­zins. In Af­gha­nis­tan selbst war die­ses sym­bol­träch­ti­ge Fo­to üb­ri­gens lan­ge völ­lig un­be­kannt, auch Gu­la ahn­te nichts da­von.

Auf­grund ih­rer in­ter­na­tio­na­len Be­kannt­heit ste­hen Gu­la und ih­re Kin­der (drei Mäd­chen und ein Bub) in der af­gha­ni­schen Hei­mat we­nigs­tens nicht kom­plett vor dem Nichts. Die af­gha­ni­sche Re­gie­rung stell­te der Fa­mi­lie ein Ap­par­te­ment in Ka­bul zur Ver­fü­gung. Die Schlüs­sel da­für hat Prä­si­dent Ashraf Gha­ni bei ei­nem ers­ten Emp­fang in des­sen Pa­last ei­gen­hän­dig an Shar­bat Gu­la über­ge­ben.

Bis vor Kur­zem leb­ten in Pa­kis­tan noch im­mer 2,5 Mil­lio­nen Af­gha­nen. Doch die Re­gie­rung in Is­la­ma­bad ver­liert lang­sam die Ge­duld und geht mas­siv ge­gen Af­gha­nen mit ge­fälsch­ten Pa­pie­ren vor. (drei Fest­nah­men), in Ba­denWürt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Nie­der­sa­chens und Ham­burg ge­gen die Os­ma­nen vor. Die­se ha­ben nach ei­ge­nen An­ga­ben in Deutsch­land ins­ge­samt rund 2500 Mit­glie­der. Welt­weit sol­len es 3500 sein, die sich auch in der Tür­kei, der Schweiz, in Schwe­den und in Ös­ter­reich zu­sam­men­rot­ten. Ei­ner der Grün­dungs­prä­si­den­ten soll der Bo­xer Meh­met Bag­ci sein. Hes­sens In­nen­mi­nis­ter Pe­ter Beuth sprach nach der Raz­zia von ei­nem „sorg­fäl­tig ge­plan­ten Schlag ge­gen die Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät in der Bun­des­re­pu­blik“. Von den Durch­su­chun­gen sol­le ei­ne kla­re Bot­schaft aus­ge­hen: „Egal in wel­cher Kut­te Kri­mi­nel­le glau­ben, sich in un­se­rem land be­tä­ti­gen zu kön­nen, wir wer­den ge­mein­sam mit al­ler Här­te des Rechts­staats ge­gen sie vor­ge­hen.“

F.: pa

Das Fo­to des af­gha­ni­schen Flücht­lings­kin­des mit den mar­kan­ten Au­gen (hier in ei­ner Aus­stel­lung) ging um die Welt

Fo­tos: dpa

Po­li­zis­ten ste­hen im Rah­men der Raz­zi­en ge­gen die Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät vor dem so­ge­nann­ten World Ch­ap­ter der Os­ma­nen in Diet­zen­bach (Hes­sen). Der Ro­cker­club wur­de erst 2015 ge­grün­det, soll in Deutsch­land rund 2500 Mit­glie­der ha­ben

nal Geo­gra­phic

In Ka­bul wur­de Gu­la (hier mit ih- rem Sohn) herz­lich emp­fan­gen

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