Kars­ten Wett­berg – ein Le­ben für den Fuß­ball

tz - - SPORT - IN­TER­VIEW: CLAU­DI­US MAY­ER

Der „Kö­nig von Gie­sing“wird 75. Kars­ten Wett­berg fei­ert sei­nen Ge­burts­tag am heu­ti­gen Don­ners­tag im Sport­heim des FC Main­burg mit rund 100 Gäs­ten. Dar­un­ter sind 1860 -Prä­si­dent Pe­ter Cas­sa­let­te, Vi­ze Hans Sitz­ber­ger so­wie die ehe­ma­li­gen Lö­wen-Pro­fis Man­ni Schwabl, Rei­ner Mau­rer und Tho­mas Mil­ler. Au­ßer­dem da­bei: Der Olym­pia­sie­ger von 1960 über 100 Me­ter, Ar­min Ha­ry, mit dem Wett­berg seit vie­len Jah­ren be­freun­det ist. Das Ge­burts­tags-In­ter­view:

Glück­wunsch, Herr Wett­berg, zum 75.! Darf man an­neh­men, dass Ih­re Trai­ner­kar­rie­re da­mit be­en­det ist?

Wett­berg: Nein (lacht). Ich ar­bei­te der­zeit zwar bei kei­nem Ver­ein, ste­he aber mit ei­nem Lan­des- und ei­nem Bay­ern­li­gis­ten in Ver­bin­dung. Kann gut sein, dass ich bald wie­der Trai­ner bin.

Was reizt Sie noch am Trai­ner­job?

Wett­berg: Ganz ein­fach: Mir macht es im­mer noch Spaß, mit jun­gen Leu­ten zu­sam­men zu sein.

Kön­nen Sie dem Dau­er­ge­tip­pe auf den Smart­pho­nes, den Tat­toos und über­dreh­ten Be­grü­ßungs- und Ju­bel­ri­tua­len was ab­ge­win­nen?

Wett­berg: Man ge­wöhnt sich dar­an. Als Trai­ner musst du über­zeu­gen kön­nen, und vie­le Spie­ler wol­len auch im­mer was wis­sen. Das fin­de ich gut. Au­ßer­dem über­neh­me ich nur noch ei­nen Ver­ein, der Am­bi­tio­nen hat. Ich war jetzt sie­ben- oder acht­mal bei „Fuß­ball“, sagt Kars­ten Wett­berg, „war für mich im­mer das Le­ben im Zei­t­raf­fer. Him­mel­hoch jauch­zend, zu To­de be­trübt – das liegt da ganz nah bei­ein­an­der. Und ei­nes ist auch klar: Trai­ner bei 1860 zu sein, das ist wie Rausch­gift.“Eu­pho­ri­sie­rend, süch­tig ma­chend – meist mit ei­nem bö­sen Er­wa­chen. Wett­berg wur­de es bei den Lö­wen zum Ver­häng­nis, dass er bei der Prä­si­den­ten-Wahl 1992 Man­fred Cas­sa­ni ge­gen Amts­in­ha­be­rin Lilo Knecht un­ter­stütz­te – ver­ken­nend, dass sich Vi­ze Karl-Heinz Wild­mo­ser be­reits in Stel­lung ge­bracht hat­te. „Mein gro­ßer Feh­ler war, dass ich mich im­mer ein­mi­sche“, ge­stand Wett­berg da­nach. Doch ganz oh­ne Ein­mi­schen geht es bis heu­te nicht. Deutsch­lands er­folg­reichs­ter Ama­teur­trai­ner war nicht nur Vi­ze­prä­si­dent bei 1860, er pro­tes­tier­te auch ge­gen die Trans­fer­po­li­tik von Sport­chef Ger­hard Po­sch­ner und war spä­ter nicht un­be­tei­ligt an der Ein­stel­lung von Ben­no Möhl­mann als Chef­trai­ner. „Ich hof­fe, dass mich der Herr­gott den Auf­stieg noch er­le­ben lässt“, sag­te er zu sei­nem 70. Ge­burts­tag. Wir hof­fen mit. Klubs, die von Ver­eins­sei­te aus nicht auf­stei­gen durf­ten, ob­wohl wir sport­lich das Ziel er­reicht hat­ten. Mit der SpVgg Lands­hut zum Bei­spiel oder dem MTV In­gol­stadt.

Mit 18 60 durf­ten Sie auf­stei­gen . Nach neun Jah­ren in der Dritt­klas­sig­keit führ­ten Sie die Lö­wen 1991 in die Zwei­te Li­ga zu­rück. Der Hö­he­punkt Ih­res Trai­ner­schaf­fens?

Wett­berg: Na­tür­lich, das war der größ­te Er­folg. Auch wenn ich zu­vor schon das Glei­che in Un­ter­ha­ching ge­schafft hat­te. Aber Sech­zig, da war na­tür­lich das öf­fent­li­che In­ter­es­se we­sent­lich grö­ßer. Die Me­di­en, die Fans – es war un­glaub­lich, was da los war.

Da­mals wur­den Sie zum „Kö­nig von Gie­sing“ge­kürt…

Wett­berg: Das war nicht mei­ne Idee. Der da­ma­li­ge OB Schorsch Kro­na­wit­ter hat mich bei der Auf­stiegs­fei­er auf dem Rat­haus­bal­kon so ge­nannt. Und die Fans wa­ren be­geis­tert. Am An­fang war die­ser Aus­druck für mich ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, aber mitt­ler­wei­le se­he ich ihn längst als Eh­re an.

Ein knap­pes Jahr nach dem Auf­stieg kam Ihr vor­zei­ti­ges Aus bei 18 60. Sie wur­den nach dem letz­ten Spiel­tag in Leip­zig ge­feu­ert und durf­ten die Re­le­ga­ti­ons­run­de, in der 18 60 ab­stieg, nicht mehr mit­ma­chen. Wie sehr hat Sie das ge­trof­fen?

Wett­berg: Das hat sehr weh­ge­tan. Ich ha­be das Ge­fühl bis da­hin gar nicht ge­kannt. Und dann auch noch bei 1860, dem Ver­ein, bei dem wir nach mei­nem Ein­stieg 54 Pflicht­spie­le lang un­ge­schla­gen ge­blie­ben sind.

Sie ha­ben da­nach nie mehr im Pro­fi­be­reich trai­niert . War­um?

Wett­berg: An­ge­bo­te gab es schon. Vom 1. FC Nürn­berg zum Bei­spiel. Das hät­te mich auch ge­juckt. Aber da­mit hät­te ich mei­ne Pen­si­on bei der Post ris­kiert. Ich hät­te mei­nen Ar­beits­platz nie­der­le­gen müs­sen.

Was die we­nigs­ten wis­sen: Sie sind gar kein wasch­ech­ter Bay­er…

Wett­berg: Nein, und auch nicht ka­tho­lisch. Ich bin im bran­den­bur­gi­schen Frie­sack auf die Welt ge­kom­men, wo mein Va­ter evangelischer Pfar­rer war. Als ich drei war, ist mei­ne Mut­ter mit uns Kin­dern kurz vor Kriegs­en­de ge­flo­hen. Un­ser Zug wur­de dann ir­gend­wo von den Rus­sen auf­ge­hal­ten. Ein deut­scher Sol­dat, der un­se­ren Wag­gon, den ers­ten hin­ter der Lok, be­glei­te­te, er­schoss ei­nen Rus­sen, der zu uns rein woll­te, kop­pel­te den Wag­gon von den rest­li­chen ab und dann ging’s wei­ter. Ir­gend­wann er­fuh­ren wir, dass es un­se­ren Va­ter nach Main­burg ver­schla­gen hat­te. So bin ich in die Hol­le­dau ge­kom­men und ein Bay­er ge­wor­den.

Hei­te­re See­le, gro­ßes Herz: Wett­berg beim Auf­stieg 1991 und oben mit Klaus Fi­scher und Uwe See­ler im Ein­satz für die Be­ne­fiz-Ki­cker des FC Stern­stun­den

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