Ein Warn­schuss für uns al­le!

tz - - ERSTE SEITE - RU­DOLF BÖGEL

Der 9.11. (welch zy­ni­sche Zah­len­sym­bo­lik) ist ein bit­te­rer Tag! Und zwar nicht, weil Do­nald Trump der 45. Prä­si­dent der USA ge­wor­den ist – son­dern wie. Trump hat mit pein­li­chem Po­pu­lis­mus und plat­ten Pa­ro­len ge­won­nen! Aber: Er hat die Men­schen er­reicht. Mehr als sei­ne Geg­ne­rin Hil­la­ry Cl­in­ton. Wer das Gan­ze jetzt als po­li­ti­schen Trep­pen­witz ab­tun will, als ein­ma­li­gen Aus­rut­scher, der nur auf die volks­ver­füh­re­ri­schen Fä­hig­kei­ten ei­nes zu­nächst un­ter­schätz­ten Po­lit­clowns zu­rück­zu­füh­ren ist, dem muss man ganz klar ent­ge­gen­hal­ten: Trump hat nicht nur ei­ne hauch­dün­ne Mehr­heit ge­holt, son­dern ganz glatt ge­won­nen und so­gar auch so ur­de­mo­kra­ti­sche Staa­ten wie Wis­con­sin und Mi­chi­gan (nach der Far­be der De­mo­kra­ten Blau auch blue wall ge­nannt) er­obert. Au­ßer­dem ha­ben die Re­pu­bli­ka­ner – trotz oder we­gen Trump – die Mehr­heit im Re­prä­sen­tan­ten­haus ver­tei- digt und auch im Se­nat be­hal­ten sie die Macht. Und dann wol­len wir bei all der Kri­tik und dem Ge­jam­mer über den Wahl­aus­gang nicht ver­ges­sen: Die­se Wah­len wa­ren zu­tiefst de­mo­kra­tisch und wur­den nach den de­mo­kra­ti­schen Spiel­re­geln der USA ab­ge­hal­ten. Das muss man ak­zep­tie­ren, auch wenn der schon beim Br­ex­it be­ob­ach­te­te Re­flex „Es darf nicht sein, was nicht sein darf“wie­der zuckt. Die­ser 9.11. mag zwar bit­ter sein, aber er gibt auch An­lass zur Hoff­nung, denn oft sind es die bit­te­ren Er­fah­run­gen, die zu mehr Ein­sicht füh­ren, wenn man nur die rich­ti­gen Schlüs­se dar­aus zieht. Denn so­wohl der völ­lig über­ra­schen­de Br­ex­it-Ent­scheid En­g­lands als auch die nicht min­der un­er­war­te­te Wahl des ame­ri­ka­ni­schen En­fant ter­ri­b­le zei­gen, dass es ne­ben der Rea­li­tät, die wir glau­ben zu ken­nen, ei­ne zwei­te Wirk­lich­keit gibt, die of­fen- sicht­lich nicht wahr- und ernst ge­nom­men wird. We­der von den tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, noch von den Eli­ten und dem Esta­blish­ment und wohl auch nicht von den tra­di­tio­nel­len Me­di­en. Denn sie al­le wa­ren es ja in den USA, die mit al­ler Macht ver­sucht ha­ben, Trump zu ver­hin­dern. Und je mehr ver­sucht wur­de, das Schmud­del­kind zu ver­drän­gen, des­to mehr ha­ben sich die Un­ent­schlos­se­nen und die Zau­dern­den un­ter den Wäh­lern of­fen­sicht­lich zu ei­nem trot­zi­gen „Jetzt erst recht“ent­schlos­sen. Wer ist die­se Mehr­heit, die plötz­lich nicht mehr das tut, was von ihr er­war­tet wird? Of­fen­bar gibt es ei­nen be­trächt­li­chen An­teil an Men­schen, die nicht ver­stan­den und von der tra­di­tio­nel­len Po­li­tik nicht mehr ab­ge­holt wer­den. Die­se Men­schen ste­hen in ei­ner sich im­mer schnel­ler dre­hen­den Welt, die im­mer gren­zen­lo­ser wird, in ei­ner Ge­sell­schaft, die im­mer of­fe­ner wird, und ha­ben da­bei of­fen­bar gro - ße Angst um die ei­ge­ne Zu­kunft. Nur so ist es zu er­klä­ren, dass sie sich – das ha­ben so­wohl die Br­ex­it- Geg­ner als auch die Trum­pWäh­ler ge­tan – de­nen in die Ar­me wer­fen, die ih­nen ei­nen si­che­ren Ha­fen ver­spre­chen, sei es mit Pro­tek­tio­nis­mus, tat­säch­li­chem oder geis­ti­gem Mau­er­bau. Sol­che Ver­füh­rer wie Br­ex­itJohn­son oder Do­nald Trump gibt es übe­r­all. Und sie al­le wit­tern jetzt Mor­gen­luft. Le Pen in Frank­reich oder die AfD in Deutsch­land. Und sie wer­den auch bei uns ge­win­nen, wenn es uns nicht ge­lingt, den ver­un­si­cher­ten Be­völ­ke­rungs­schich­ten wie­der zu­zu­hö­ren, ih­re Sor­gen ernst zu neh­men und sie wie­der in die Mit­te der Ge­sell­schaft zu ho­len. Das ist die Auf­ga­be, die uns die­ser bit­te­re 9.11. mit auf den Weg ge­ge­ben hat.

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