Mau­er der Wut

tz - - MÜNCHEN+REGION - SA­SCHA KAROWSKI, SVEN RIE­BER

Eklat in Neu­per­lach: Gui­do Bucholtz hat ges­tern Abend an­ge­fres­sen die Sit­zung des Be­zirks­aus­schus­ses (BA) Ra­mers­dorf-Per­lach ver­las­sen. Bucholtz hat­te die De­bat­te um die Mau­er an der Flücht­lings­un­ter­kunft Nai­la­stra­ße erst mit ei­nem Vi­deo los­ge­tre­ten. Auf Hin­weis von MdL Mar­kus Blu­me, Bucholtz mö­ge doch auch die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für sein Han­deln über­neh­men, pack­te der an­ge­spro­che­ne sei­ne Sa­chen und ver­ließ den Saal des Kul­tur­hau­ses am Hans-Seidl-Platz.

Über­haupt war dort ges­tern kaum et­was ge­wöhn­lich: Bür­ger­meis­te­rin Chris­ti­ne Strobl hat­te ei­gens ei­ne Bür­ger­ver­samm­lung sau­sen las­sen, um in Neu­per­lach da­bei zu sein. Zu­dem wa­ren Po­li­zei­be­am­te an der Ein­gangs­tür und gut 30 Zu­hö­rer im Raum, dar­un­ter Stadt­rä­te und Land­tags­mit­glie­der. „Nor­ma­ler­wei­se sit­zen da drei Leu­te“, sag­te BA-Chef Tho­mas Kau­er. Aber was ist in Neu­per­lach die­ser Ta­ge schon nor­mal – seit dem Mau­er-Fall?

In der Nacht zu­vor hat­ten er­neut un­be­kann­te Schmier­fin­ken zu­ge­schla­gen, Pra­xis- und Wohn­haus Don­ners­tag rund­um be­schmiert. „Na­zi“ist dort zu le­sen und „Drecks­fa­schos“. Au­ßer­dem ha­ben die Tä­ter Fahr­rä­der vor dem Haus be­sprüht, und auch das Pra­xis-Schild ist mit ro­ter Far­be un­le­ser­lich ge­macht wor­den. „Mir feh­len die Wor­te“, sag­te Ärz­tin Iva Reich. Be­son­ders irr­wit­zig: Die Me­di­zi­ne­rin wird selbst Teil der Be­treu­ung der Flücht­lin­ge sein soll, wenn die­se ein­ge­zo­gen sind. Die Pra­xis ist nicht das ein­zi­ge Ge­bäu­de, das be­schmiert wor­den ist. Min­des­tens zwei wei­te­re sol­len es sein. Ge­samt­scha­den: meh­re­re Tau­send Eu­ro. Be­trof­fen sei­en da­bei Nach­barn, die teils ak­tiv die Mau­er vor Ge­richt er­strit­ten ha­ben, teils aber auch An­woh­ner, die da­mit über­haupt nichts zu tun hat­ten.

Die Mau­er der Wut! Von un­ge­wöhn­li­chen Um­stän­den sprach denn auch BA-Chef Kau­er im Sit­zungs­saal. „Wenn wir auf ein­mal die Si­tua­ti­on ha­ben, dass 78 Jah­re spä­ter an ei­nem 9. No­vem­ber wie­der Wän­de be­schmiert wer­den, weil Men­schen von ih­rem Grund­recht ge­brauch ma­chen. Dann müs­sen wir auf­ste­hen und für den Rechts­staat ein­tre­ten.“

Die Wand stel­le ei­nen Schall­schutz dar und kei­ne Mau­er ge­gen Flücht­lin­ge. Den­noch sei sie zu hoch, sag­te Grü­nen-Chef Chris­ti­an Smol­ka. „Da ist ei­ne Mass zu viel ein­ge­schenkt wor­den.“Auch dar­über müs­se man re­den dür­fen. Und auch Gui­do Bucholtz war die Hö­he ein Dorn im Au­ge. „Die Mau­er hat mich er­schla­gen“, sag­te er noch in der Sit­zung. Nicht mehr ha­be er mit dem Vi­deo zei­gen wol­len.

Strobl und Kau­er rie­ten da­zu, die Kir­che jetzt mal im Dorf zu las­sen. Wenn im Früh­jahr die Flücht­lin­ge ein­zie­hen, sol­len mit al­len Be­tei­li­gen Funk­ti­on und Gestalt der Mau­er be­trach­tet und ge­ge­be­nen­falls Ver­bes­se­run­gen auf den Weg ge­bracht wer­den. Eben auch mit den Be­woh­nern der Un­ter­kunft. Da­mit in Neu­per­lach wie­der Nor­ma­li­tät ein­kehrt.

An­woh­ner Ste­phan Reich an der Mau­er. Run­des Foto: die Schmie­re­rei­en an sei­nem Haus

Fo­tos: Schlaf, Jantz (2), Kru­se

Oben: die BA-Sit­zung fand un­ter Po­li­zei­schutz statt, Fo­to­gra­fi­en wur­den im Lau­fe des Abends ver­bo­ten. Foto links: Hier tag­te der Be­zirks­aus­schuss

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