„Ich ha­be mir gro­ße Schuld auf­ge­la­den“

tz - - MÜNCHEN+REGION - MC

Wer ist der Mann, der am Zug­un­glück von Bad Ai­b­ling mit zwölf To­ten schuld sein soll? Wie schaut er aus? Wird er Reue zei­gen? Wird er ge­ste­hen? Ge­spannt war­ten ges­tern die Hin­ter­blie­be­nen der To­des­op­fer am Land­ge­richt Traun­stein auf den Be­ginn des Pro­zes­ses ge­gen den Fahr­dienst­lei­ter der Deut­schen Bahn. Als Micha­el P. (40) um 8.45 Uhr – be­glei­tet von sei­nen bei­den An­wäl­ten – in den Sit­zungs­saal ge­führt wird, rich­ten sich al­le Bli­cke auf ihn. Ein Blitz­licht­ge­wit­ter geht auf den eher klein­ge­wach­se­nen Mann nie­der, als er auf der An­kla­ge­bank Platz nimmt. Die Hand­schel­len ver­steckt er un­ter der Ja­cke. Er wirkt ver­lo­ren, als wür­de er ein­fach nicht hier­her­ge­hö­ren.

Das Ver­le­sen der An­kla­ge­schrift dau­ert dann gut 20 Mi­nu­ten. Ober­staats­an­walt Jür­gen Branz trägt die Na­men der To­des­op­fer vor, lis­tet ex­akt die Ver­let­zun­gen der Über­le­ben­den auf. Micha­el P. hört die schreck­li­chen De­tails ge­fasst, so scheint es. Doch als am Nach­mit­tag der Rechts­me­di­zi­ner die To­des­ur­sa­chen der zwölf Op­fer vor­trägt und mehr­fach von Schä­del­hirn­t­rau­ma­ta so­wie zwei­mal von Herz­riss spricht, kann Micha­el P. die Trä­nen kaum un­ter­drü­cken, mit zu­sam­men­ge­press­ten Lip­pen hört er zu.

Micha­el P. muss sich we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung und fahr­läs­si­ger Kör­per­ver­let­zung ver­ant­wor­ten. Nach Ver­le­sen der An­kla­ge steht er auf. Er wen­det sich di­rekt an die An­ge­hö­ri­gen der To­ten und die Ver­letz­ten: „Ich weiß, dass ich da am 9. Fe­bru­ar mir gro­ße Schuld auf­ge­la­den ha­be“, spricht er in baye­ri­schem Dia­lekt. Sei­nen Feh­ler kön­ne er nicht mehr rück­gän­gig ma­chen. „Ich möch­te Ih­nen sa­gen, dass ich in Ge­dan­ken bei Ih­nen bin.“

Sei­ne Ver­tei­di­ge­rin Ul­ri­ke Tho­le ver­liest das Ge­ständ­nis ih­res Man­dan­ten. Er räumt ein, ein Son­der­si­gnal ge­ge­ben zu ha­ben, das er nicht hät­te ge­ben dür­fen – und ei­nen No­t­ruf falsch ab­ge­setzt zu ha­ben. Auch die ver­bo­te­ne Nut­zung des Fan­ta­sy

Rol­len­spiels ge­steht er. Der 40-Jäh­ri­ge wur­de da­durch laut An­kla­ge von der Ar­beit ab­ge­lenkt.

Ein Er­mitt­ler be­rich­tet spä­ter als Zeu­ge, dass Micha­el P. re­gel­mä­ßig auf sei­nem Han­dy spiel­te. „Fast bei je­dem Di­enst“, sagt der Po­li­zist. Auch am Un­glücks­tag, bis kurz vor dem fa­ta­len Zu­sam­men­stoß der Zü­ge, zock­te der 40-Jäh­ri­ge.

Über sei­ne Han­dy­ge­wohn­hei­ten will sich der An­ge­klag­te nicht aus­las­sen. Zu er­fah­ren ist noch, dass der Ro­sen­hei­mer die Mitt­le­re Rei­fe ab­ge­legt und da­nach die Aus­bil­dung zum Fahr­dienst­lei­ter ab­sol­viert hat. Seit 1999 re­gelt der ver­hei­ra­te­te Mann den Zug­ver­kehr in Stell­wer­ken rund um Bad Ai­b­ling. Mit Zu­la­gen kam er auf 3000 Eu­ro brut­to. Zum Jah­res­en­de wird das Ar­beits­ver­hält­nis

mit der Bahn auf­ge­löst.

Ober­staats­an­walt Branz zi­tiert auch den ers­ten No­t­ruf des An­ge­klag­ten, der die Lok­füh­rer aber nicht er­reich­te, weil er ei­nen fal­schen Knopf drück­te: „Ach­tung, Be­triebs­ge­fahr zwi­schen Kol­ber­moor und Bad Ai­b­ling, Zü­ge so­fort an­hal­ten. Ich wie­der­ho­le: Be­triebs­ge­fahr zwi­schen Kol­ber­moor und Bad Ai­b­ling, Zü­ge so­fort an­hal­ten ... Hal­lo?“Als er den zwei­ten No­t­ruf ab­setz­te, wa­ren die Zü­ge schon zu­sam­men­ge­sto­ßen. Doch auch die Deut­sche Bahn muss sich Kri­tik ge­fal­len las­sen. Im Pro­zess kam her­aus, das seit 1984 ein so­ge­nann­ter Er­laub­nis- und Emp­fangs­mel­der in­stal­liert hät­te wer­den kön­nen, we­gen feh­len­der Mit­tel pas­sier­te dies je­doch nicht. Die­ser Mel­der hät­te Micha­el P. vor der Be­le­gung der ein­glei­si­gen Stre­cke ge­warnt.

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