Cho­le­ste­rin-Ge­fahr!

tz - - REPORT - ANDRE­AS BEEZ

m Kampf ge­gen die stil­len Kil­ler spielt ein ge­sun­der Le­bens­stil ei­ne gro­ße Rol­le – das gilt auch für un­güns­ti­ge Blut­fett­wer­te. So las­sen sich die Wer­te des schlech­ten LDLC­ho­le­ste­rins durch ei­ne Er­näh­rungs­um­stel­lung um fünf bis 20 Pro­zent sen­ken. Bei den Trigly­ze­ri­den ist noch viel mehr drin – ein Mi­nus von 30 bis 50 Pro­zent! Dar­auf weist die Deut­sche Herz­stif­tung in ih­rem neu­en Rat­ge­ber

hin. Vor­aus­set­zung ist, dass we­ni­ger Rind- und Schwei­ne­fleisch so­wie ka­lo­ri­en­rei­che Snacks auf den Tisch kom­men und statt­des­sen mehr Ge­mü­se, Fisch, Obst und un­ge­sal­ze­ne Nüs­se. Re­gel­mä­ßi­ge Be­we­gung kann den LDL-Wert um wei­te­re fünf Pro­zent drü­cken – eben­so wie Ab­neh­men. „Wenn die Fettspei­cher ge­leert sind, wer­den ins­be­son­de­re die Trigly­ze­ri­de schnel­ler aus dem Blut ent­fernt“, er­klärt Herz­stif­tungs-Ex­per­te Prof. Dr. He­ri­bert Schun­kert.

Al­ler­dings hän­gen er­höh­te Blut­fett­wer­te nicht im­mer mit Über­ge­wicht zu­sam­men. Auch schlan­ke Men­schen kön­nen da­von be­trof­fen sein, wenn sie ei­ne ge­ne­ti­sche Ver­an­la­gung da­für ha­ben – et­wa an Fa­mi­liä­rer Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie lei­den (sie­he Ar­ti­kel rechts).

Den­noch loh­ne sich Selbst­dis­zi­plin auch im Zu­sam­men­hang mit ho­hem Cho­le­ste­rin in vie­len Fäl­len, be­tont Prof. Schun­kert: „Je nied­ri­ger die LDL-Cho­le­ste­rin­wer­te, des­to nied­ri­ger ist das Ri­si­ko, ei­nen Herz­in­farkt oder Schlag­an­fall zu er­lei­den.“

Doch nicht im­mer reicht ein ge­sun­der Le­bens­wan­del aus, um ei­nen idea­len Cho­le­ste­rin­wert von un­ter 115 mg/dl (un­ter 3mmol/l) zu er­zie­len. In die­sen Fäl­len ver­ord­nen die Ärz­te

Herz­in­farkt mit 34Alb­traum Herz­in­farkt – meist trifft er sei­ne Op­fer erst in hö­he­rem Al­ter, aber auch jün­ge­re Men­schen sind da­vor nicht ge­feit. Die­se Er­fah­rung muss­te Alex­an­der J. ma­chen. „Ich war bei mei­nem Herz­in­farkt ge­ra­de mal 34 Jah­re alt“, be­rich­tet der in­zwi­schen 47-jäh­ri­ge Münch­ner der tz. Erst vor zwei Jah­ren, als sei­ne Pum­pe er­neut verrückt spiel­te, ent­deck­ten die Ärz­te die Ur­sa­che: Fa­mi­liä­re Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie (FH) – ei­ne ver­erb­ba­re, le­bens­be­droh­li­che Stoff­wech­sel­krank­heit, die be­stimm­te Blut­fett­wer­te ent­glei­sen lässt.

Der Gen­de­fekt wird nur sel­ten er­kannt – und wenn über­haupt, dann oft­mals zu spät. „Aber auch beim Herz­in­farkt in hö­he­rem Al­ter spielt die Ver­er­bung ei­ne Rol­le“, be­rich­tet Prof. Dr. He­ri­bert Schun­kert, Ärzt­li­cher Di­rek­tor des Deut­schen Herz­zen­trums in der La­za­rett­stra­ße und Mit­glied des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Deut­schen Herz­stif­tung.

Die re­nom­mier­te Pa­ti­en­ten­or­ga­ni­sa­ti­on ver­an­stal­tet der­zeit ih­re bun­des­wei­ten Herz­wo­chen. Bei vie­len In­fo­ver­an­stal­tun­gen er­klä­ren Spe­zia­lis­ten un­ter an­de­rem, wie man sich ge­gen so­ge­nann­te stil­le Kil­ler wapp­nen kann, die das Ri­si­ko für Herz­in­farkt und Schlag­an­fall stei­gern. Da­zu ge­hört auch ein er­höh­ter Cho­le­ste­rin­spie­gel.

Im Fal­le der Fa­mi­liä­ren Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie wird den Be­trof­fe­nen prak­tisch ein Ent­glei­sen der Cho­le­ste­rin­wer­te in die Wie­ge ge­legt. Dies kann wie bei Alex­an­der J. dra­ma­ti­sche Fol­gen ha­ben.

Die eng­li­sche Ab­kür­zung LDL steht für „low den­si­ty li­po­pro­te­ins“– auf Deutsch Li­po­pro­te­ine mit ge­rin­ger Dich­te. Das sind Fet­tEi­weiß-Ver­bin­dun­gen, die Cho­le­ste­rin spei­chern und sich be­vor­zugt in den Blut­ge­fä­ßen ab­la­gern. Dort ver­ur­sa­chen sie Plaques, die sich zur Ar­te­rio­skle­ro­se wei­ter­ent­wi­ckeln – der Volks­mund spricht von Ge­fäß­ver­kal­kung. Am En­de die­ses Pro­zes­ses kann es zu Ge­fäß­ver­schlüs­sen kom­men – ge­schieht dies in den Herz­kranz­ge­fä­ßen, den so­ge­nann­ten Ko­ro­na­ri­en, er­lei­det der Be­trof­fe­ne ei­nen Herz­in­farkt.

Bei von Fa­mi­liä­rer Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie Be­trof­fe­nen wird die­se un­heil­vol­le Ket­ten­re­ak­ti­on lei­der meis­tens erst sehr spät ent­deckt. Nach Ex­per­ten­Schät­zun­gen lei­den in Deutsch­land 160 000 bis 200 000 Men­schen an die­ser Stoff­wech­sel­krank­heit, die zu den häu­figs­ten ge­ne­ti­schen Stö­run­gen zählt. „Aber nur höchs­tens 15 Pro­zent der Pa­ti­en­ten wer­den dia­gnos­ti­ziert und be­han­delt“, warnt Herz­stif­tungs-Ex­per­te Pro­fes­sor Dr. Frank Ul­rich Beil. „Sie le­ben mit ei­ner Zeit­bom­be in den Adern.“

Bei Alex­an­der J. ex­plo­dier­te sie kurz nach dem Abend­es­sen. „Ich ha­be noch zu mei­ner Frau ge­sagt: Mein Gott, ha­be ich Rü­cken­schmer­zen“, er­in­nert sich der Ver­si­che­rungs­be­ra­ter im tz- Ge­spräch. Noch am sel­ben Abend fuhr das Ehe­paar ins Kli­ni­kum Schwa­bing. Dort wur­de ein EKG ge­schrie­ben. Als das Ge­rät die Mes­s­er­geb­nis­se aus­spuck­te, war die Auf­re­gung groß. „Auf dem Pa­pier­aus­druck stand der Warn­hin­weis: aku­ter In­farkt.“Im Herz­ka­the­ter­la­bor setz­ten die Ärz­te ih­rem Pa­ti­en­ten meh­re­re Stents ein, an­schlie­ßend ver­brach­te J. an­dert­halb Ta­ge auf der In­ten­siv­sta­ti­on und meh­re­re Wo­chen in der Re­ha. Doch an die Erb­krank­heit FH dach­te zu­nächst nie­mand – viel­leicht auch des­halb, weil der da­mals 34-Jäh­ri­ge meh­re­re an­de­re klas­si­sche Ri­si­ko­fak­to­ren auf­wies: „Ich war über­ge­wich­tig, rauch­te 60 Zi­ga­ret­ten am Tag, trank re­gel­mä­ßig Al­ko­hol und hat­te be­ruf­lich viel Stress.“Da pass­ten auch die ho­hen Cho­le­ste­rin­wer­te schein­bar ins Bild.

In den fol­gen­den Jah­ren be­müh­te sich der Herz­in­farkt-Pa­ti­ent zwar, sei­ne Cho­le­ste­rin­wer­te in den Griff zu be­kom­men, aber dies ge­lang trotz ei­ner Er­näh­rungs­um­stel­lung und fett­sen­ken­den Me­di­ka­men­ten, so­ge­nann­ten Sta­ti­nen, nur eher schlecht als recht.

Als ihn vor zwei Jah­ren wie­der un­ter an­de­rem Brust­schmer­zen quäl­ten, ließ sich J. im Deut­schen Herz­zen­trum durch­che­cken. Er­neut wur­de er im Herz­ka­the­ter­la­bor un­ter­sucht, be­kam wei­te­re Stents ge­setzt – klei­ne git­ter­ar­ti­ge Röhr­chen, die er­krank­te Ge­fä­ße sta­bi­li­sie­ren und of­fen hal­ten sol­len. Und bei wei­te­ren Tests stell­ten die Ärz­te als Ur­sa­che die Fa­mi­liä­re Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie fest.

Die Ärz­te im Herz­zen­trum ver­schrie­ben ih­rem Pa­ti­en­ten ein neu­ar­ti­ges Me­di­ka­ment: PCSK9-An­ti­kör­per. „Da­bei han­delt es sich um ei­nen Wirk­stoff, der ei­nen viel schnel­le­ren Ab­bau von Cho­le­ste­rin er­mög­licht“, be­rich­tet Pri­vat­do­zen­tin Dr. Wibke Hengs­ten­berg. Seit­dem lie­gen die Wer­te des Pa­ti­en­ten im grü­nen Be­reich.

Der 47-Jäh­ri­ge ist heil­froh, dass er end­lich den Grund für sei­ne Herz­pro­ble­me kennt – auch des­halb, weil er selbst zwei­fa­cher Va­ter ist. „Mei­nen zehn­jäh­ri­gen Sohn ha­ben wir be­reits auf Hin­wei­se auf die Erb­krank­heit tes­ten las­sen – zum Glück wur­de kei­ner ge­fun­den. Auch bei mei­ner sie­ben­jäh­ri­gen Toch­ter steht ei­ne Über­prü­fung an.“Die Fa­mi­lie ist jetzt ge­warnt, zu­mal auch Alex­an­ders Va­ter be­reits mit 36 Jah­ren ei­nen Herz­in­farkt er­lit­ten hat­te.

Aber ne­ben Fa­mi­liä­rer Hy­per­cho­le­ste­rin­ämie gibt es wei­te­re ge­ne­ti­sche Ri­si­ko­fak­to­ren. „Fast je­der Mensch trägt Erb­fak­to­ren in sich, die ei­ne ko­ro­na­re Herz­krank­heit be­güns­ti­gen“, weiß Schun­kert. „Kom­men vie­le die­ser Erb­fak­to­ren zu­sam­men, ist nicht nur das Ri­si­ko ei­nes Herz­in­farkts in jun­gen Jah­ren hoch, son­dern auch die Wahr­schein­lich­keit, dass sich die Er­kran­kung in der Fa­mi­lie wie­der­holt.“

Das be­deu­te al­ler­dings nicht, dass man sich sei­nem Schick­sal er­ge­ben müs­se, so der re­nom­mier­te Herz-Pro­fes­sor wei­ter. „Denn der Herz­in­farkt ent­steht nicht al­lein auf Grund ei­ner Ver­an­la­gung, son­dern in der Haupt­sa­che durch den heu­ti­gen Le­bens­stil, fal­sche Er­näh­rung, Be­we­gungs­man­gel, Stress, Rau­chen und den Ri­si­ko­er­kran­kun­gen, die sich dar­aus ent­wi­ckeln: Blut­hoch­druck, Dia­be­tes, Fett­stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen.“Des­halb rät Schun­kert den An­ge­hö­ri­gen von jun­gen Herz­in­fark­tPa­ti­en­ten: „Las­sen Sie sich von ei­nem Herz­spe­zia­lis­ten gründ­lich

durch­che­cken!“

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