Ich le­be mei­nen Traum

tz - - AKTION - KAT­JA KRAFT

Ist das nicht un­ge­recht? Ei­ne Ge­hör­lo­se tritt im Tanz­wett­be­werb ge­gen 15 Men­schen mit Ge­hör an. Wie bit­te­schön soll das denn ge­hen? Kas­san­dra We­del lacht. Und die­ses La­chen ver­rät: Um sie muss man sich kei­ne Sor­gen ma­chen. Das hat die 31-Jäh­ri­ge schon früh im Le­ben be­wie­sen. Mit drei­ein­halb Jah­ren ver­lor sie nach ei­nem Au­to­un­fall ihr Ge­hör. Sie hat­te ein Knall­trau­ma er­lit­ten. Das Er­staun­li­che: Nie­mand be­merk­te es. Weil das jun­ge Mäd­chen ein­fach wei­ter­mach­te wie bis­her. Auf dem Kin­der­spiel­platz, un­ter Gleich­alt­ri­gen, so­gar im Bal­lett­un­ter­richt: Nir­gends fiel auf, dass Kas­san­dra nicht hör­te, was um sie her­um ge­schah. „Ich ha­be ganz nor­mal wei­ter­ge­spro­chen, ha­be be­gon­nen, von den Lip­pen ab­zu­le­sen“, er­zählt We­del. Im Bal­lett­un­ter­richt mach­te sie die Schritt­fol­gen nach, die die Leh­re­rin vort­anz­te – oh­ne die Mu­sik zu hö­ren.

Es dau­er­te zwei Jah­re, ehe die Ge­hör­lo­sig­keit fest­ge­stellt wur­de. Ih­re Mut­ter gab nach der Dia­gno­se al­les da­für, dass die Toch­ter das Spre­chen nicht ver­lern­te, un­ter­stütz­te sie auch in ih­rem Wunsch, zu tan­zen, zu schau­spie­lern, zu ma­len. Dass sie Künst­le­rin wer­den will, das wuss­te Kas­san­dra We­del „schon im­mer“, wie sie sagt. Nach dem Abitur ab­sol­vier­te sie ei­ne Aus­bil­dung zur Tanz­leh­re­rin, stu­dier­te Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und Kunst­päd­ago­gik und wur­de, zu­sam­men mit ih­rer Tanz­part­ne­rin, vor vier Jah­ren Hip-Hop-Welt­meis­te­rin. Aus ei­nem ver­meint­li­chen De­fi­zit hat sie ei­ne Stär­ke ge­macht. Hip- Hop tanzt sie be­son­ders gut, da spürt sie die Beats am bes­ten.

Ab dem mor­gi­gen Sams­tag steht sie nun erst­mals auf der gro­ßen Show­büh­ne im Fern­se­hen. Kas­san­dra We­del ver­tritt Bay­ern bei der neu­en ProSie­ben-Show Deutsch­land tanzt. Da wür­de sich doch ei­gent­lich der Schuh­platt­ler gut ma­chen, oder? We­del grinst. „Nein, nein. Ich möch­te et­was Mo- der­nes, Po­wer­vol­les ma­chen. Denn Bay­ern hat ja noch mehr zu bie­ten als Dirndl und Schuh­platt­ler“, be­tont die 31-Jäh­ri­ge. Ih­re Kon­kur­ren­ten sind ver­sier­te (Ave­li­na Boateng, Tay­n­a­ra Wolf, Magdalena Br­zes­ka und Toch­ter No­emi) und we­ni­ger ver­sier­te (Oli­ver Po­cher, Wolf­gang Lip­pert) Tän­zer. Was ihr aber min­des­tens ge­nau­so wich­tig ist – sie möch­te ge­hör­lo­sen oder an­der­wei­tig kör­per­lich ein­ge­schränk­ten Men­schen et­was ver­mit­teln: Wenn man mit Lei­den­schaft da­bei ist, kann man sei­ne Träu­me le­ben.

„Es muss nicht Tan­zen sein, es muss nicht Schau­spie­le­rei sein – aber je­der hat doch et- was, wo­von er träumt“, sagt We­del. „Man muss auf­hö­ren, sich dar­auf zu be­schrän­ken, was man nicht kann. Klar, ich kann nicht hö­ren. Aber da­für kann ich an­de­res. Wir Ge­hör­lo­se ha­ben bei­spiels­wei­se häu­fig sehr aus­ge­präg­te vi­su­el­le Fä­hig­kei­ten. Wir ha­ben ei­ne Schwä­che, aber an­de­re Stär­ken.“

In der Sen­dung wird sie ei­nen Ge­bär­den­spra­che-Dol­met­scher da­bei­ha­ben. Mit des­sen Hil­fe wird sie sich hin­ter den Ku­lis­sen auch mit den an­de­ren Kan­di­da­ten aus­tau­schen kön­nen. Mit Eli­sa­beth Brück et­wa – ei­ner al­ten Be­kann­ten. Die bei­den ha­ben schon beim Tat­ort zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, in dem We­del ei­ne Gast­rol­le als ge­hör­lo­se Tän­ze­rin über­nom­men hat­te. Schon da merk­te man: Vor der Ka­me­ra fühlt sie sich wohl.

Wenn al­so ab Sams­tag die Kon­kur­ren­ten mit ver­schie­de­nen Sti­len da­her­kom­men soll­ten, wäh­rend We­del „nur“auf Hip-Hop wird tan­zen kön­nen – dann fin­det sie das we­der un­ge­recht, noch macht sie das be­son­ders ner­vös. Ihr Blick ver­rät: Da ist ein­zig und al­lein gro­ße Vor­freu­de. „Ich weiß nicht, wie die an­de­ren tan­zen wer­den. Ich freue mich aber schon dar­auf, es her­aus­zu­fin­den.“

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