Lasst Ju­lia in Frie­den ru­hen!

tz - - MÜNCHEN - DORITA PLANGE

Es sind Bemerkungen, die Bri­git­ta B. ein­fach kei­ne Ru­he las­sen. Weil sie ge­mein sind. Und zu­dem auch noch falsch – wie das Ab­schluss­gut­ach­ten um den tra­gi­schen Tod ih­rer Toch­ter, der Schü­le­rin Ju­lia B. (15), be­weist. Am 2. März um 16.15 Uhr wur­de das Mäd­chen im strö­men­den Re­gen kurz vor der Hal­te­stel­le „Am Lok­schup­pen“auf der Lands­ber­ger Stra­ße von der Tram-Li­nie 19 er­fasst und ge­tö­tet. Hart­nä­ckig hält sich seit­dem die Be­haup­tung, das Mäd­chen ha­be über Kopf­hö­rer Mu­sik ge­hört, ihr Han­dy in der Hand ge­habt und nur dar­um die Tram und das Warn-Klin­geln nicht wahr­ge­nom­men. In den Wo­chen und Mo­na­ten da­nach war die Fa­mi­lie wirk­lich bö­sem Ge­schwätz aus­ge­lie­fert. In al­len mög­li­chen On­line-Fo­ren und bei Face­book tauch­ten dreis­te Kom­men­ta­re wie die­ser auf: „Kein Mit­leid. Ist sie doch selbst schuld …“. Das hat Bri­git­ta B. weh ge­tan: „Sie wa­ren doch al­le nicht da­bei. Kön­nen sich die­se Leu­te denn nicht vor­stel­len, wie ver­let­zend sol­che Be­haup­tun­gen für uns sind?“

Nun je­doch hat die Po­li­zei nach mo­na­te­lan­gen Er­mitt­lun­gen und Zeu­gen­be­fra­gun­gen ihr Ab­schluss­gut­ach­ten fer­tig. Dar­aus geht her­vor, dass Ju­lia mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zum Un­glücks­zeit­punkt kei­ne Kopf­hö­rer in den Oh­ren hat­te. Auch an­geb­li­che Zeu­gen-Be­ob­ach­tun­gen, nach de­nen sie ihr Han­dy in der Hand hielt, kom­men in dem Gut­ach­ten nicht mehr vor. „Ich ha­be das nie ge­glaubt, weil Ju­lia sich die­ser Ge­fahr be­wusst war“, sagt die Mut­ter. Zum Un­glücks­zeit­punkt reg­ne­te es stark. Ju­lia hat­te ei­ne gro­ße Ka­pu­ze mit Fell­be­satz über den Kopf ge­zo­gen, ging we­gen des star­ken Re­gens mit ge­senk­tem Kopf über die Glei­se, als die Tram auf sie zu­kam.

Die ge­fähr­li­che Hal­te­stel­le an der viel be­fah­re­nen Kreu­zung be­kommt nun end­lich nach ei­ner Be­sich­ti­gung durch die Un­fall­kom­mis­si­on ei­ge­ne Fuß­gän­ger­am­peln ( tz be­rich­te­te). Wenn die Au­tos Rot ha­ben und ste- hen, lau­fen hier vie­le Fuß­gän­ger un­be­sorgt los. Da­bei über­se­hen sie, dass die Tram­bah­nen aber freie Fahrt ha­ben. Zum Un­fall­zeit­punkt hat­te nur ein klei­nes Schild auf die­se Ge­fahr hin­ge­wie­sen. Ei­ne ech­te Fal­le. Denn die Tram­bah­nen fah­ren an die­ser Stel­le sehr schnell – zu schnell? Ju­lia wur­de nur we­ni­ge Me­ter vor der Hal­te­stel­le und trotz Voll­brem­sung noch mit ei­nem Tem­po von 35 km/h er­fasst. „In den Ta­gen da­nach fuh­ren die Stra­ßen­bah­nen die Un­glücks-Hal­te­stel­len nur noch in Schritt­ge­schwin­dig­keit an. Soll­te das nicht grund­sätz­lich so sein?“, ap­pel­liert Bri­git­ta B. „Von den Au­to­fah­rern ver­langt man auch, dass sie vor­aus­schau­end fah­ren.“Das Gut­ach­ten wird nun der Staats­an­walt­schaft München I über­ge­ben, die ent­schei­den muss, ob die­ses Un­glück noch ein ge­richt­li­ches Nach­spiel ha­ben wird.

Wie auch im­mer die Ent­schei­dung aus­fällt: Ju­li­as Tod hat in Deutsch­land ei­ne Dis­kus­si­on über die Ge­fah­ren der Ablen­kung von Fuß­gän­gern und Rad­fah­rern im Stra­ßen­ver­kehr aus­ge­löst. Auch der ADAC und die Po­li­zei ha­ben zu­sam­men mit Ju­li­as en­ga­gier­tem Bru­der To­bi­as B. (20) ei­ne in­ten­si­ve Auf­klä­rungs­ak­ti­on ge­star­tet. Ju­li­as Sil­hou­et­te in Le­bens­grö­ße ist nun ein Teil die­ser Wan­der­aus­stel­lung an baye­ri­schen (Be­rufs-)Schu­len. To­bi­as sag­te da­mals: „Ich hof­fe, mei­ne Bot­schaft ist an­ge­kom­men.“

Fo­tos: pri­vAt

Un­end­lich ge­liebt und un­ver­ges­sen: Ju­li­as Gr­ab ist im­mer wun­der­schön ge­schmückt

Fo­to: Oli­ver Bod­mer

An die­ser Tram­bahn­hal­te­stel­le auf der Lands­ber­ger Stra­ße in Laim wur­de Ju­lia am 2. März die­ses Jah­res von der Tram er­fasst und ge­tö­tet

So be­rich­te­te die tz im März

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