„Bay­ern braucht ei­ne Grenz­po­li­zei“

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Wirt­schaft und Ge­werk­schaf­ten oder Ver­bän­den zu­stän­dig. Wenn je­mand Angst ha­be, brau­che er vor al­lem ei­nen Men­schen, der bei ihm sei. „Der ihm sagt: du bist nicht al­lein, ich ste­he dir bei.“

Prä­lat Wolf ist über­zeugt, dass man den Men­schen die Zu­sam­men­hän­ge in un­se­rer im­mer kom­ple­xer wer­den­den Welt er­klä­ren muss. „Das Ver­ste­hen hilft da­bei, mit der ei­ge­nen Angst bes­ser um­zu­ge­hen. Als Seel­sor­ger ver­su­chen wir, die Ängs­te ernst zu neh­men und sie nicht mit ein­fa­chen Re­zep­ten weg­zu­drü­cken.“

Sim­ple Er­klä­run­gen nut­zen sei­ner Mei­nung nach we­nig: „Die­se neh­men in un­se­rer Ge­sell­schaft über­hand – doch sie hel­fen nicht, son­dern ver­stär­ken eher be­ste­hen­de und häu­fig un­be­grün­de­te Ängs­te.“

Ei­nes ist für Wolf glas­klar: „Angst ist im­mer ein schlech­ter Rat­ge­ber.“

Herr Gau­wei­ler, die Ängs­te der Men­schen im Land neh­men wei­ter zu. War­um ist das so?

Gau­wei­ler: Wich­tig ist hier, erst ein­mal fest­zu­stel­len, dass die­se Ängs­te ja kei­ne Ängs­te vor Ge­spens­tern sind. Sie sind be­grün­de­te Rea­li­tät.

Nur den Men­schen gut zu­zu­re­den – da­mit ist es al­so Ih­rer Mei­nung nach nicht ge­tan?

Gau­wei­ler: Rich­tig! Es geht dar­um, We­ge aus den Ge­fah­ren zu fin­den und die Be­fürch­tun­gen der Bür­ger wie­der ernst zu neh­men.

Wel­che Ge­fah­ren mei­nen Sie denn genau? „Die sind doch ir­re!“Nicht sel­ten ist die­ser Satz in letz­ter Zeit im Zu­sam­men­hang mit AfD-An­hän­gern, Trum­pWäh­lern oder Br­ex­it-Be­für­wor­tern ge­fal­len. Aber ist das so? Sind die al­le ver­rückt? „Nein“, sagt der Münch­ner Psy­cho­the­ra­peut und Coach Ste­phan Ler­mer. Psy­cho­lo­gisch ge­se­hen sei­en sol­che Re­ak­tio­nen durch­aus er­klär­bar. ■ Die mensch­li­che Na­tur: Ler­mer führt ei­ne Stu­die in Kin­der­gär­ten an. „Da klin­gel­te es an der Tür. Der ei­ne Teil der Kin­der be­kam Angst, der an­de­re Teil freu­te sich. Es gibt zwei Ar­ten von Men­schen.“■ Die Angst vor dem Neu­en: Der Mensch ver­sucht

Gau­wei­ler: Die Men­schen ha­ben zum ei­nen vor ei­nem wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang Angst und zum an­de­ren vor dem Ver­lust jeg­li­cher Si­cher­heit im Land. Das sind die bei­den we­sent­li­chen Gr­und­an­nah­men. Dies gilt für un­ser Land ge­nau­so wie et­wa für die USA. Da­her auch der Wah­l­er­folg Trumps.

Und was muss ge­sche­hen, um das zu än­dern?

Gau­wei­ler: Wirt­schaft­lich be­trach­tet, muss Deutsch­land wie­der mehr Selbst­in­ter­es­se zei­gen. Wir soll­ten die Geld­po­li­tik wie­der in die Hand neh­men, die von Na­tur aus, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die ihm Halt, Kon­stanz, Si­cher­heit und Ord­nung brin­gen. „Das kön­nen Freund­schaf­ten, Ge­set­ze oder auch der Glau­be sein“, sagt der Psy­cho­lo­ge. „Wir woh­nen in Ge­wohn­hei­ten. Denn bei Ge­wohn­hei­ten müs­sen wir nichts neu hin­ter­fra­gen oder neu ent­schei­den. Das macht Angst.“

■ Die ge­ne­rel­le Un­si­cher­heit: Vor 100 Jah­ren wa­ren 75 Pro­zent der Men­schen selbst­stän­dig. Sie wa­ren Bä­cker, Tisch­ler, Schnei­der und konn­ten tag­täg­lich se­hen, wie sie ge­braucht wer­den. „Heu­te sind 9 Pro­zent der Men­schen selbst­stän­dig tä­tig. Sie sind an­ge­stell­te Ban­kauf­sicht wie­der her­stel­len und beim Frei­han­del nicht – à la TTIP – die ei­ge­nen In­ter­es­sen auf­ge­ben und der Ab­wan­de­rung in Bil­lig­lohn­län­dern et­was ent­ge­gen­set­zen.

Und wenn es um die Si­cher­heit in un­se­rem Land geht?

Gau­wei­ler: Wir soll­ten die Bun­des­wehr aus den Bür­ger­kriegs-Re­gio­nen die­ser Welt ab­zie­hen. Eher heu­te als mor­gen. Die­se Mi­li­tär­ak­tio­nen pro­vo­zie­ren ja nur, dass der Krieg zu uns kommt. In ganz an­de­rer Wei­se. Würz­burg und Ans­bach ha­ben das ja ge­zeigt. Wer­be­tex­ter oder Web­de­si­gner“, er­klärt Ler­mer. „Der mo­der­ne Mensch kann aber nicht si­cher sein, wie­viel sei­ne krea­ti­ve Leis­tung wert ist. Er kann nicht wis­sen, ob er mor­gen noch ge­braucht wird oder durch ei­nen Ro­bo­ter er­setzt wird. Auch das macht Angst.“

■ Die gro­ße, abs­trak­te Be­dro­hung: Ter­ror, Flücht­lings­strö­me, Krie­ge, Glo­ba­li­sie­rung: Die Be­dro­hun­gen von heu­te sind glo­bal und schwer fass­bar. Ler­mer: „Frü­her beim Bau­ern­auf­stand ist der Bau­er ein­fach mit dem Trak­tor los­ge­fah­ren und hat sich selbst ge­hol­fen. Heu­te könn­te über­all ein Ter­ro­rist lau­ern. Der ein­zel­ne Bür­ger ist macht­los und lebt in ei­ner stän­di­gen Ve­r­un­si­che­rung.“Zu­dem er­fährt er na­tür­lich heut­zu­ta­ge von je­der Ge­fahr in der Welt.

■ Die Re­ak­ti­on: Sta­bi­le Men­schen re­agie­ren auf

Zu­kunfts­angst und Ver- „Pa­nik ist im­mer ein schlech­ter Rat­ge­ber – das gilt auch in der Po­li­tik! Eu­ro­pa muss sich zu­sam­men­rei­ßen und mit ei­ner Stim­me spre­chen. Wenn uns das nicht ge­lingt, be­kom­me selbst ich Angst. Denn so wie die EU heu­te or­ga­ni­siert ist, wür­de ein Ke­gel­klub kei­nen Aus­flug zu­stan­de brin­gen. Da­bei brau­chen wir mehr Eu­ro­pa für die gro­ßen Fra­gen un­se­rer Zeit: Si­cher­heit, Kli­ma­wan­del, Ter­ro­ris­mus, die Ex­zes­se an den Fi­nanz­märk­ten – das kön­nen die Na­tio­nal­staa­ten nicht mehr. Da könn­ten sich Br­ex­it und Trump als heil­sa­mer Schock er­wei­sen. Ein „Wei­ter so“wird es nicht ge­ben kön­nen. Wir brau­chen ei­ne of­fe­ne ge­sell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung. Zu­rück ins 19. Jahr­hun­dert geht nicht: Eu­ro­pa hat er­lebt, wel­ches Un­heil Gren­zen an­rich­ten – ich ha­be den Ei­ser­nen Vor­hang noch deut­lich in Er­in­ne­rung!“ un­si­che­rung mit Ver­nunft. „Sie be­ru­hi­gen sich im Ge­spräch mit Freun­den oder den­ken dar­an, dass sie mit Pa­nik wie­der an­de­re ver­un­si­chern“, sagt Ste­phan Ler­mer. „La­bi­le Men­schen aber kön­nen die Angst nicht re­gu­lie­ren, sie neh­men die Be­dro­hung per­sön­lich. Für sie ist der Rück­zug ins Pri­va­te oder ins Na­tio­na­le, die Ab­schot­tung vor al­lem Un­be­kann­ten ei­ne ver­meint­li­che Ret­tung, durch die sie schein­bar wie­der Si­cher­heit zu­rücker­lan­gen.“ „Drei Din­ge ma­chen den Men­schen am meis­ten Angst. Als Ers­tes die Sor­ge um den Ar­beits­platz. Es gibt im­mer mehr Men­schen, die in be­fris­te­ten Jobs sind und nicht wis­sen, wie es wei­ter­geht. Vie­le Um­struk­tu­rie­run­gen wie et­wa im Ban­ken­sek­tor ha­ben Men­schen um den Job ge­bracht. Da­zu kom­men im­mer mehr, die in Leih­ar­beit an­ge­stellt sind. Es gibt im­mer mehr Mi­ni­jobs und Schein­selbst­stän­di­ge – et­wa Re­gal­ein­räu­mer in Su­per­mär­ten, die per Werk­ver­trag Leis­tung er­brin­gen.“

Das wür­de aber hei­ßen, die Men­schen in den Kriegs­ge­bie­ten al­lei­ne zu las­sen.

Gau­wei­ler: Im Ge­gen­teil! Al­le bis­he­ri­gen In­ter­ven­tio­nen ha­ben das Elend in den be­tref­fen­den Län­dern er­höht, den is­la­mi­schen Ter­ro­ris­mus be­flü­gelt und ei­ne Flücht­lings­be­we­gung sä­ku­la­ren Aus­ma­ßes pro­vo­ziert.

Al­so soll­ten wir uns mehr um uns küm­mern, nicht um die Din­ge der an­de­ren?

Gau­wei­ler: Der Staat soll­te sich mehr um uns küm­mern. Das ist sei­ne zen­tra­le Wäch­ter-Auf­ga­be. Das Wort „Bür­ger“kommt

Vie­le sor­gen sich auch, ob sie ih­ren Le­bens­stan­dard hal­ten kön­nen. Je­der un­ter 50, der ar­beits­los wird, be­kommt nur ein Jahr Ar­beits­lo­sen­geld und dann schon Hartz IV. Und dann be­steht die Angst: Wie sieht es ma­te­ri­ell aus, wenn ich in Ren­te bin? Die zu­neh­men­de Glo­ba­li­sie­rung sorgt da­für, dass das Tem­po im­mer schnel­ler wird. Vie­le kom­men mit den neu­en Me­di­en nicht zu­recht, aber von „Im Schutz der Burg le­ben“.

Al­so mit Mau­ern – wie sie der neue US-Prä­si­dent Do­nald Trump will?

Gau­wei­ler: Nein, aber bei­spiels­wei­se mit ei­ner baye­ri­schen Grenz­po­li­zei. Die ist für un­se­ren Grenz­schutz bes­ser ge­eig­net als der Prä­si­dent Er­do­gan. auch am Ar­beits­platz nimmt die Be­las­tung im­mer mehr zu. Man sieht es an der dras­ti­schen Zu­nah­me psy­chisch be­ding­ter Er­kran­kun­gen.

Gleich­zei­tig wird ei­ne klei­ne Schicht im­mer rei­cher, wäh­rend der An­teil des Mit­tel­stan­des am Ver­mö­gen sinkt. Das Er­geb­nis ist, dass aus der Angst der Men­schen Wut ent­steht. Und die Men­schen ma­chen das po­li­ti­sche Esta­blish­ment da­für ver­ant­wort­lich. Ich ma­che un­se­ren po­li­ti­schen Eli­ten den Vor­wurf, dass sie es ver­lernt ha­ben, den Men­schen zu­zu­hö­ren. Sie müs­sen wie­der un­ter die Leu­te und mit ih­nen re­den. Sonst ha­ben die Po­pu­lis­ten leich­tes Spiel, die Deutsch­land ab­schot­ten wol­len. Für uns als Ex­port­na­ti­on wä­re das aber ver­häng­nis­voll.“

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