Er hat den Durch­blick

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Viel­leicht wä­re Hel­mut Fi­scher nächs­te Wo­che wie­der bei Hans Riess vor­bei­ge­kom­men. Wenn er noch leb­te, hät­te er sich zu sei­nem run­den Ge­burts­tag viel­leicht ei­ne schö­ne neue Bril­le ge­schenkt, zu sei­nem Neun­zigs­ten kom­men­den Di­ens­tag.

Hel­mut Fi­scher war im­mer wie­der im La­den von Op­ti­ker Hans Riess in der Ain­mil­ler­stra­ße, ge­nau­so wie der an­de­re be­rühm­te Hel­mut aus dem Vier­tel, der Dietl. Bei­de, Fi­scher und Dietl, Schwa­bin­ger In­sti­tu­tio­nen, die das Le­bens­ge­fühl der Stadt ge­prägt ha­ben. Hans Riess da­ge­gen hat das Ge­sicht vie­ler Münch­ner ge­prägt, der heu­te 78-Jäh­ri­ge, des­sen La­den es schon gab, als 1974 in den Münch­ner Ge­schich­ten dem Hel­mut Dietl sein Tschar­lie auf dem lan­gen Weg nach Sa­cra­men­to durch die Lud­wig­stra­ße ritt. Im Sep­tem­ber 1966 hat­te Riess sein Ge­schäft hier er­öff­net, jetzt, in die­sem Herbst, sind es 50 Jah­re ge­wor­den. Der Op­ti­ker Hans Riess ist selbst ein gro­ßes Stück Schwa­bing.

Die Ain­mil­ler­stra­ße 22, al­lein das Haus schon ist ein gran­dio­ser Blick­fang, viel­leicht so­gar das schöns­te Haus der Stadt. Er­baut im Ju­gend­stil 1898 durch die Ar­chi­tek­ten Hen­ry Hel­big und Ernst Hai­ger. Um­strit­ten war das Bau­werk da­mals, we­gen der vie­len Far­ben und Schnör­kel. „Sam­mel­su­ri­um“, „Wirr­warr“, schimpf­ten Spöt­ter. Im Schwa­bin­ger Volks­mund be­kannt war es als das „Adam-und-EvaHaus“, we­gen des Fi­gu­renRe­liefs aus der Pa­ra­dies­ge­schich­te, vor­ne an der Fas­sa­de. Dich­ter, Den­ker, Künst­ler leb­ten hier. Der Jour­na­list und Ka­ba­ret­tist Wil­ly Rath (1872 bis 1940) et­wa, Mit­be­grün­der der „Elf Scharf­rich­ter“. Der Schrift­stel­ler Hans Bo­den­stedt (1887 – 1958). Die Opern­sän­ge­rin An­na Hen­ne­berg (1867 – 1931).

Hans Riess, Jahr­gang 1937, wuchs da­ge­gen noch drü­ben in der Teng­stra­ße auf. In ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, gut­bür­ger­lich, alt­ein­ge­ses­se­ne Münch­ner Fa­mi­lie. Der Ur­groß­va­ter kam aus Nym­phen­burg. Er war kö­nig­lich baye­ri­scher Lohn­kut­scher, und auch der Groß­va­ter chauf­fier­te Fahr­gäs­te, er war bei der Tram und lenk­te die Pfer­de­bahn durch die Stadt. Der Va­ter war vor 1939 noch beim Adress­buch­ver­lag Ruf. Da­mals wa­ren das rich­tig di­cke Wäl­zer, die nach 1945 dün­ner wa­ren, weil es nicht mehr so vie­le Häu­ser und Adres­sen gab. Nach den Bom­ben im Krieg.

Die Bom­ben­an­grif­fe sind mit die ers­ten Er­in­ne­run­gen, die Hans Riess noch hat an die Flie­ger­alar­me, und wie am nächs­ten Tag wie­der ein Haus in der Ge­gend in Schutt und Asche lag. Das präg­te das Le­ben und auch das Spie­len mit sei­nem bes­ten Spezl, dem Schä­fer Hei­ni. Mit dem Hei­ni fetz­te der Han­si im­mer auf dem Drei­radl durch die Stra­ßen, mit ih­rer Schau­fel sam­mel­ten sie Kie­sel­stei­ne auf und schüt­te­ten sie von oben in die Wasch­kel­ler hin­ein. Sie nann­ten das Spiel: Bom­bar­die­ren. Als die An­grif­fe, die wirk­li­chen al­so, im­mer schlim­mer wur­den, zo­gen sie aufs Land. Die Mut­ter, der acht Jah­re äl­te­re Bru­der, die fünf Jah­re äl­te­re Schwes­ter, nach Nie­der­bay­ern bei Pfarr­kir­chen, zur Ver­wandt­schaft der Ma­ma. Der Va­ter war im Krieg.

1946 ka­men sie wie­der zu­rück, Hans Riess sagt, sie spiel­ten in den Rui­nen, es gab kei­ne Ver­bo­te. Er spricht von ei­ner schö­nen Kind­heit. Fuß­ball spiel­ten sie auf der Her­zog­stra­ße, und wenn al­le hei­li­ge Zei­ten mal ein Au­to durch­fuhr, dann gin­gen sie eben kurz run­ter von der Stra­ße. Hun­gern muss­ten sie je­den­falls nicht. Die Groß­el­tern wohn­ten in der Des­tou­ch­es­stra­ße, sie hat­ten ge­gen­über Hüh­ner, Ha­sen, Zie­gen. Der Han­si rann­te da­mals oft mit dem Eier­kör­berl und dem Mil­li­kan­derl um­her, es war fast wie auf dem Land.

Die Schu­le lag in der Sim­mern­stra­ße, aber als Hans Riess fer­tig war nach der ach­ten Klas­se, da wuss­te er nicht, was er tun soll mit sei­nem Le­ben. „Ich hab nur gwusst, ich mag auf gar kei­nen Fall in ei­ne Fa­b­rik.“

Mit sei­ner Mut­ter ging er ins Ar­beits­amt zur Be­rufs­be­ra­tung, und Hans Riess weiß noch, wie ein Herr Süt­ter­lin da saß und ihm er­klär­te, dass die Fir­ma Jo­sef Ro­den­stock noch Op­ti­kerLehr­lin­ge su­chen wür­de. So ging das los, Hans Riess ging in die Schlos­ser­stra­ße, ne­ben­dran an der Son­nen­stra­ße zo­gen sie ge­ra­de den Kauf­hof hoch. Tag für Tag schlif­fen er und die zwei Dut­zend an­de­ren Lehr­lin­ge Bril­len­glä­ser ein, je­de St­un­de ging dann ei­ner von ih­nen mit den fer­ti­gen Fas­sun­gen von der Werk­statt rü­ber in den La­den in der Bay­er­stra­ße. Wie Hans Riess sagt: „Mit am Kis­terl vol­ler Bru­in.“

Die Be­zah­lung frei­lich war schlecht, das Geld knapp. „Manch­mal hast dir über­le­gen müs­sen, ob du dir beim Wie­n­er­wald für drei Mark füm­fa­sieb­zig das hal­be Hendl kau­fen kannst oder ned.“Meis­tens eher ned. Aber lus­tig war es trotz­dem, Mit­te der Fünf­zi­ger.

■ Le­sen Sie nächs­te Wo­che, wie Hans Riess sei­ne Meis­ter­prü­fung ab­legt, sich den Traum vom ei­ge­nen Ge­schäft er­füllt und zur Schwa­bin­ger Bril­len-In­sti­tu­ti­on wird.

Fo­tos: Ju­dith Häus­ler

Vor 50 Jah­ren er­öff­ne­te Hans Riess sein Op­ti­ker­ge­schäft in Schwa­bing Die jun­gen Jah­re: Un­be­schwer­te Kind­heit in Nie­der­bay­ern (un­ten) und Aus­bil­dung bei Ro­den­stock; Hans Riess steht ganz rechts

Ain­mil­ler­stra­ße 22: ei­nes der schöns­ten Häu­ser Mün­chens

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.