„Wir wa­ren ih­nen über­le­gen…“

tz - - SPORT - IN­TER­VIEW: MIR­KO CALEMME

Am Di­ens­tag steigt in Mai­land der Klas­si­ker Ita­li­en – Deutsch­land. Die Bi­lanz aus Sicht der Az­zur­ri (15 Sie­ge, elf Re­mis, acht Nie­der­la­gen). Die tz sprach mit Trai­ner-Le­gen­de Fa­bio Ca­pel­lo, der bis 2015 Russ­land trai­nier­te.

Si­gno­re Ca­pel­lo, schon wie­der Ita­li­en ge­gen Deutsch­land. Ca­pel­lo: Kommt zu­letzt des Öf­te­ren vor. Hat­te die deut­sche Mann­schaft den Sieg bei der EM in Frank­reich im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ita­li­en ver­dient?

Ca­pel­lo: Deutsch­land hat im­mer star­ke Mann­schaf­ten. Und sie sind bei sämt­li­chen Tur­nie­ren stets top-vor­be­rei­tet, das muss man ih­nen hoch an­rech­nen. Die­ses Mal ha­ben sie uns ge­schla­gen, aber ge­ra­de bei Tur­nie­ren sind die De­tails ent­schei­dend. In die­sem Fall wa­ren es Elf­me­ter, von da­her kann man schon von ei­nem eher glück­li­chen Sieg spre­chen.

Bis da­hin hat­te Deutsch­land die Ita­lie­ner nie bei ei­nem Tur­nier ge­schla­gen. Wor­an liegt das Ih­rer Mei­nung nach?

Ca­pel­lo: Wir wa­ren ih­nen tak­tisch über­le­gen. Wir ha­ben ih­re Stär­ken und ih­re Schwä­chen bis ins letz­te De­tail stu­diert und wa­ren bes­tens vor­be­rei­tet. Wenn man al­les ein­kal­ku­liert, so wie wir, kann fast gar nichts schief­ge­hen. Und so war es.

Trai­ner Pao­lo Con­te hat es be­reut, der Squa­dra nach der star­ken EM den Rü­cken zu keh­ren.

Ca­pel­lo: Das muss er nicht. Er hat groß­ar­ti­ge Ar­beit ge­leis­tet, der höchs­ter Re­spekt ge­bührt, und nun be­fin­det er sich mit­ten in sei­nem eng­li­schen Aben­teu­er, wo er bei Chel­sea ge­nau­so tol­le Ar­beit leis­tet. Er hat al­les rich­tig ge­macht, ge­ra­de im Fuß­ball muss man stets nach vor­ne bli­cken.

Trifft die deut­sche Mann­schaft auf ein stark ver­än­der­tes Ita­li­en im Ver­gleich zur EM?

Ca­pel­lo: Es ist ähn­lich wie bei den Deut­schen, wo Joa­chim Löw auch vie­len jun­gen Spie­lern ei­ne Chan­ce ge­ben wird, um sich zu be­wei­sen. Für die ita­lie­ni­schen Nach­wuchs­spie­ler wird das ei­ne sehr wich­ti­ge Par­tie, da der Na­zio­na­le vie­le Stamm­spie­ler feh­len. Ich bin ge­spannt, denn ge­ra­de in sol­chen Spie­len zeigt sich, wie viel un­se­re Ju­we­len tat­säch­lich wert sind.

Wel­cher Nach­wuchs­spie­ler sagt Ih­nen denn be­son­ders zu?

Ca­pel­lo: Es gibt ei­ni­ge, die ak­tu­ell ei­ne star­ke Sai­son spie­len in der Se­rie A. Am in­ter­es­san­tes­ten ist aber viel­leicht Ma­nu­el Lo­ca­tel­li, ein 98er Jahr­gang, den ich auch bei der Az­zur­ra ger­ne se­hen wür­de.

Statt der Drei­er­ket­te ist un­ter dem neu­en Na­tio­nal­trai­ner Giam­pie­ro Ven­tura dies­mal ein 4 -2- 4 -Sys­tem an­ge­sagt.

Ca­pel­lo: Wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Kar­rie­re hat Ven­tura ger­ne mit vier Ver­tei­di­gern spie­len las­sen, hin­zu kom­men die gan­zen Ver­letz­ten. Wo­mög­lich ist der rich­ti­ge Zeit­punkt ge­kom­men, um hin­ten ei­ne Ve­rän­de­rung zu wa­gen.

Gibt es et­was, das Ih­nen in Be­zug auf die deut­sche Elf be­son­ders im­po­niert?

Ca­pel­lo: Sie sind sich stets ih­rer Stär­ken be­wusst. Hin­zu kommt, dass sie in letz­ter Zeit ge­ra­de im The­ma Nach­wuchs­ar­beit ex­zel­len­te Ar­beit leis­ten. Hier­bei han­del­te es sich um ei­nen lang­jäh­ri­gen Ent­wurf, der nun sei­ne Früch­te trägt. In mei­nen Au­gen hän­gen die Er­geb­nis­se letz­ten En­des stets mit dem Ta­lent zu­sam­men, das man in sei­ner Mann­schaft ver­eint. Hast du es nicht, schaffst du es nir­gend­wo­hin. Aber die Deut­schen schei­nen Ta­lent ent­deckt zu ha­ben – und zwar viel da­von.

Wä­re das deut­sche Mo­dell viel­leicht auch et­was für die ita­lie­ni­sche Nach­wuchs­ar­beit?

Ca­pel­lo: Die­ser St­ein wur­de be­reits vor vie­len Jah­ren an­ge­sto­ßen, ge­nau­so wie in Spa­ni­en auch – ein Mo­dell, das mir eben­falls sehr gut ge­fällt. Ob man es ko­pie­ren kann? Ich weiß nicht, je­des Land hat doch am En­de sei­ne ei­ge­ne Er­folgs­for­mel. Man soll­te die Ar­beit in den Ver­bän­den se­hen, ih­re bes­ten Ide­en an­neh­men und sie der ita­lie­ni­schen Spiel­idee an­pas­sen. Je­des Land hat doch sei­ne ganz ei­ge­ne Art, den Fuß­ball zu le­ben. All das muss man mit ein­kal­ku­lie­ren.

Gibt es auch ei­nen deut­schen Spie­ler, der Ih­nen be­son­ders zu­sagt?

Ca­pel­lo: Mir hat Tho­mas Mül­ler schon im­mer sehr ge­fal­len. Ak­tu­ell klap­pen die Din­ge bei ihm in der Na­tio­nal­mann­schaft bes­ser als beim FC Bay­ern, aber ich bin ein gro­ßer Fan sei­nes Rie­chers vor dem Tor, sei­ner Art, die Mann­schaft auf dem ge­sam­ten Spiel­feld zu un­ter­stüt­zen, so­wie sei­ner Groß­zü­gig­keit vor dem Kas­ten. Von Ma­nu­el Neu­er war ich aber auch schon im­mer be­geis­tert.

Hät­te Gi­gi Buf­fon den Ba­lon d’Or des Welt­fuß­bal­lers ver­dient ge­habt?

Ca­pel­lo: Durch­aus, ja. Da­mit nicht ge­nug, denn ich bin der Mei­nung, dass ins­ge­samt vier ita­lie­ni­sche Spie­ler die­se Aus­zeich­nung ver­dient hät­ten: Gi­gi, Zoff, Ba­re­si und Mal­di­ni.

Wie be­wer­ten Sie die Ar­beit Ih­res Freun­des Car­lo An­ce­lot­ti beim FC Bay­ern?

Ca­pel­lo: Neu­lich ha­be ich ihn ge­trof­fen. Gut sah er aus, in Form. Ich den­ke nicht, dass er in der Bun­des­li­ga Pro­ble­me be­kom­men wird. Dann wä­re noch die Cham­pi­ons Le­ague, wo die Bay­ern spä­tes­tens im April ein­hun­dert Pro­zent in Form sein wer­den. Je­der wird sich die Zäh­ne an An­ce­lot­tis Bay­ern aus­bei­ßen müs­sen.

Und die Bun­des­li­ga? Ak­tu­ell ist Bay­ern punkt­gleich mit Auf­stei­ger Leip­zig. Ca­pel­lo: Die Bay­ern sind mit Ab­stand die stärks­te Mann­schaft. Den­noch gab es schon ers­te kri­ti­sche Stim­men in Be­zug auf An­ce­lot­tis Spiel. Es hieß, Guar­dio­las Stil sei bes­ser ge­we­sen. Ca­pel­lo: Ich er­in­ne­re mich, dass man Guar­dio­las Ti­ki­t­a­ka als lang­wei­lig ab­ge­tan hat, als er noch da war. Und jetzt be­schwe­ren sie sich er­neut? Das ist be­deu­tungs­lo­ses Ge­re­de, Car­let­to wird es groß­ar­tig ma­chen. Nur die Ru­he be­wah­ren, Sie wer­den schon se­hen.

Ca­pel­lo über das EM-Vier­tel­fi­na­le 2016 ge­gen Ita­li­en: „Ein eher glück­li­cher Sieg…“

Fo­tos (3): Ima­go

Drax­ler ge­gen Flo­ren­zi im EM-Vier­tel­fi­na­le. Deutsch­land sieg­te im El­fer­schie­ßen

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