No­bel, no­bel, die­se Gäs­te!

Die Li­te­ra­tur-Ko­ry­phä­en Mül­ler und Ale­xi­je­witsch tra­fen sich in Mün­chen

tz - - MÜNCHEN+REGION - ALEX­AN­DER ALTMANN

Gip­fel­tref­fen zwei­er Li­te­ra­tur-No­bel­preis­trä­ge­rin­nen in der rap­pel­vol­len Gro­ßen Au­la der Münch­ner Uni. Um Spra­che und Poe­sie in Dik­ta­tu­ren soll­te es ge­hen bei dem hoch­ka­rä­ti­gen Po­di­ums­ge­spräch des Li­te­ra­tur­fests. Zu­erst ging’s aber um Wän­de. Wän­de und Woh­nun­gen im Ost­block: „Je är­mer und ver­ängs­tig­ter man war, um so mehr hat­te man im Zim­mer; ich hät­te da­mals kei­ne lee­re Wand er­tra­gen“, er­klär­te Her­ta Mül­ler (Li­te­ra­tur-No­bel­preis 2009), die ei­nen Kul­tur­schock er­litt, als sie 1987 in den Wes­ten kam und sah: „Je eli­tä­rer die Leu­te, um­so lee­rer die Zim­mer.“

Die Weiß­rus­sin Swet­la­na Ale­xi­je­witsch, No­bel­preis­trä­ge­rin 2015, mein­te wie­der­um, im Os­ten sei die Kü­che ein „hei­li­ger Ort“ge­we­sen. „Die Re­vo­lu­ti­on und die Pe­re­s­troi­ka, al­les wur­de in der Kü­che ge­macht.“

Die bei­den Spit­zen-Li­te­ra­tin­nen ma­chen al­so kein gra­vi­tä­ti­sches Ge­ha­be à la Gün­ter Grass. Die Da­men plau­dern da­hin wie bei ei­nem hö­he­ren Kaf­fee­kränz­chen, statt sich krampf­haft am The­ma ab­zu­ar­bei­ten. Swet­la­na Ale­xi­je­witsch be­rich­te­te von ih­rer Kind­heit in ei­nem weiß­rus­si­schen Dorf, wo sich die Frau­en je­den Abend zum Er­zäh­len tra­fen. „Al­les, was ich spä­ter las, selbst Dos­to­je­w­ski, war nicht so stark wie die­ses un­ge­schlif­fe­ne Wort.“

Her­ta Mül­ler in­des hat im ru­mä­ni­schen Dorf ih­rer Kind­heit die ge­gen­tei­li­ge Er­fah­rung ge­macht: die des las­ten­den Ver­schwei­gens. Al­le Leu­te, die, wie ih­re Mut­ter, aus ei­nem so­wje­ti­schen La­ger ent­las­sen wor­den wa­ren, hat­ten den Be­fehl, über das La­ger zu schwei­gen. Dass sie das tat­säch­lich schaff­ten, zeigt, wie voll­stän­dig die Ein­schüch­te­rung durch ein Ter­ror­sys­tem war.

Um­so ge­fähr­li­cher er­schei­nen bei­den No­bel­preis­trä­ge­rin­nen Un­ter­drü­ckungs-Ten­den­zen un­se­rer Zeit. Auch im Wes­ten ge­be es Men­schen, die sich „mit De­mo­kra­tie und To­le­ranz nicht mehr wohl­füh­len“, so Her­ta Mül­ler. Die „Leu­te von AfD und Pe­gi­da“, aber „auch Herr Trump“hät­ten ein „Be­dürf­nis nach Au­to­ri­tät“, vor dem sie sich fürch­te.

Foto: Ju­lia­na Krohn

Her­ta Mül­ler (63)

F.: dpa

Swet­la­na Ale­xi­je­witsch (68)

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