tz- Be­such bei Michael Cre­tu

Im Stu­dio bei Michael Cre­tu: Bel­t­rac­chi mal­te die CD-Bil­der

tz - - ERSTE SEITE - AR­MIN GEIER

Zwei Bir­ken­fei­gen ste­hen ver­las­sen im Eck. Sie sol­len dem Raum wohl et­was Wär­me ge­ben. Der Rest ist kal­te Tech­nik: Zwei manns­ho­he Bo­xen ra­gen fast bis zur De­cke, ein rie­si­ger Fern­se­her flim­mert an der Wand – und im Zen­trum, wie ein Al­tar, das Misch­pult. Michael Cre­tu (59) dreht an ei­nem der Knöp­fe. „Hier ha­be ich mein neu­es Al­bum auf­ge­nom­men“, sagt der Mu­sik­pro­du­zent. Hier – das ist ein klei­nes Stu­dio in Un­ter­föh­ring.Auf dem Al­bum steht Enig­ma drauf.

Enig­ma ist das grie­chi­sche Wort für Rät­sel. Vie­len ist der Er­folg des ers­ten Al­bums die­ser Am­bi­ent-Mu­sik, das 1990 er­schien, noch im­mer rät­sel­haft: In 41 Län­dern lan­de­ten die sphä­ri­schen Klän­ge mit teils gre­go­ria­ni­schen Ge­sän­gen auf Platz 1 der Charts – und ver­kauf­ten sich über 14 Mil­lio­nen Mal. Das sind Zah­len, von de­nen selbst ein Dieter Boh­len nur träu­men kann. Er, der stän­dig be­tont, wie er­folg­reich er frü­her war, spielt da in der Be­zirks­li­ga.

Michael Cre­tu war im­mer der Lei­se – und Cham­pi­ons Le­ague. Da­her kennt ihn so man­cher gar nicht. „Ich ste­he nicht ger­ne in der Öf­fent­lich­keit“, gibt er ehr­lich zu. „Die Leu­te sol­len sich nur für mei­ne Mu­sik in­ter­es­sie­ren.“Um so spe­zi­el­ler ist es, dass der ge­bür­ti­ge Ru­mä­ne die tz ex­klu­siv in sein Reich ein­lud, na­tür­lich auch um sein neu­es Werk pro­be zu hö­ren. „Vie­le wis­sen gar nicht, dass ich seit gut zwei Jah­ren auch wie­der in Mün­chen woh­ne.“Ibi­za war dem stu­dier­ten Kon­zert­pia­nis­ten zu lang­wei­lig ge­wor­den. „Au­ßer­dem kann ich hier spa­zie­ren ge­hen, oh­ne dass mich je­mand er­kennt. Ich schät­ze das.“Er ist ger­ne ein Rät­sel, ein Enig­ma.

Frü­her war das an­ders. Da hat­te er ei­ne Frau an sei­ner Sei­te, mit der man nicht in­ko­gni­to un­ter­wegs sein konn­te: San­dra – die fe­sche Sän­ge­rin aus Saar­brü­cken, die sein Lied Ma­ria Mag­da­le­na 1985 zum Welt­hit mach­te. „Das ist lan­ge her“, sagt Cre­tu und dreht sich wie­der zu sei­nem Misch­pult. Es ist sein Weg zu zei­gen, dass er das The­ma wech­seln möch­te. Höf­lich, aber be­stimmt.

Ei­gent­lich will der Mann, der auch Kom­po­si­ti­on stu­diert hat, so­wie­so nur über Kunst re­den. „Ich selbst bin doch lang­wei­lig“, sagt er au­gen­zwin­kernd. Acht Jah­re tüf­tel­te er am neu­en Al­bum. „Ich woll­te et­was kre­ieren, das Be­stand hat.“Geld hat er ge­nug ver­dient. Be­wei­sen muss er nie­man­dem mehr et­was – nur sich selbst. „Das Al­bum soll­te et­was wer­den, was so noch nie da war.“

Das ist ge­lun­gen. In ei­ne Schub­la­de kann man Cre­tu so­wie­so nicht ste­cken – mit sei­ner Mi­schung aus New Age, Bom­bast-Sounds, klas­sisch an­ge­lehn­ten Klän­gen und Elek­tro­nik. Ir­gend­wie klingt es manch­mal wie Pink Floyd, nur oh­ne die Gi­tar­re von Da­vid Gil­mour. Man­che Me­lo­di­en ge­hen di­rekt ins Ohr – wie bei The Ome­ga Po­int oder Oxy­gen Red. Cre­tu er­zählt dem Hö­rer auf dem Al­bum ei­ne Ge­schich- te: vom Fall ei­nes Re­bel­lenEn­gels, von der Su­che nach sich selbst. „Je­des Lied baut aufs an­de­re auf, und je­der Song hat auch sein ei­ge­nes Bild“, er­klärt er.

Auch wört­lich. Für das Book­let der CD en­ga­gier­te der Mu­sik­pro­du­zent den deut­schen Ma­ler Wolf­gang Bel­t­rac­chi, der als Kunst­fäl­scher Ge­schich­te ge­schrie­ben hat, 2011 zu sechs Jah­ren Haft ver­ur­teilt wur­de und mitt­ler­wei­le auf Be­wäh­rung ist ( tz be­rich­te­te).

Der hat je­des Enig­ma-Stück als Aqua­rell zu Pa­pier ge­bracht (sie­he rechts). Auch das Co­ver stammt von ihm. „Dar­auf bin ich stolz: Dass auf die­sem Al­bum al­les ir­gend­wie in­ein­an­der­fließt.“

Mach­te San­dra zum Star, und sein Pro­jekt „Enig­ma“ist ein Mil­lio­nen-Best­sel­ler: Michael Cre­tu

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