Schmerz-Kif­fer: Droht ihm Pro­zess?

tz - - MÜNCHEN+REGION - ANDRE­AS THIE­ME

Die­se Schmer­zen! Ro­man U. (53) liegt in sei­nem Bett und win­det sich. Nach ei­ner OP kann er nicht sit­zen. Schlecht schla­fen – und sei­ne Glie­der zit­tern. Ihm hilft nur ei­nes: Ma­ri­hua­na. Aber ge­nau des­halb muss der schwer­be­hin­der­te Rent­ner viel­leicht vor Ge­richt.

Es ist die Ge­schich­te ei­nes schweren Schick­sals. Schon als Kind ist Ro­man U. nach ei­nem Un­fall an den Roll­stuhl ge­fes­selt. Ei­ne Wä­sche­schleu­der reißt ihm den Arm ab, als er fünf Jah­re alt ist, mit dem Rü­cken prallt er auf die Ba­de­wan­nen­kan­te. Mit 26 wird U. Rent­ner. Und ist bis heu­te bett­lä­ge­rig. Et­li­che Ma­le müs­sen Ärz­te ihn ope­rie- ren, weil er un­ter chro­ni­schen Anal­fis­teln lei­det. „Seit sie­ben Jah­ren konn­te ich mei­ne Woh­nung nicht mehr ver­las­sen“, sagt U. Rund um die Uhr be­treu­en ihn Pfle­ger. Ge­gen die Wund­und Ner­ven­schmer­zen kön­nen auch sie nichts tun. „Mir hel­fen nur die Jo­ints“, sagt er.

Raucht U. nicht, fängt sein Kör­per an zu schwit­zen, und die Ner­ven­bah­nen bren­nen. Er ver­liert den Ap­pe­tit, die Kon­zen­tra­ti­on ver­sagt. „An­de­re Schmerz­the­ra­pi­en ha­ben mir nicht ge­hol­fen oder wur­den nicht be­wil­ligt. Mir blieb nur das Kif­fen.“Aber ei­ne staat­li­che Er­laub­nis hat er nicht – dar­in sieht die Jus­tiz ein Pro­blem. Im Ja­nu- ar 2014 klin­gel­te die Po­li­zei an der Woh­nungs­tü­re des 53-Jäh­ri­gen. Nach ei­nem Ein­satz in der Nä­he hat­ten sie durch Zu­fall das Gras ge­ro­chen. „Plötz­lich stan­den acht Be­am­te in mei­nem Zim­mer.“Sief­an­den430Gramm so­wie zwölf An­bau-Pflan­zen. Dar­auf ste­hen bis zu fünf Jah­re Haft. Seit­dem er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft.

„Dem An­ge­klag­ten liegt der un­er­laub­te Be­sitz von Be­täu­bungs­mit­teln in nicht ge­rin­ger Men­ge zu Last. Das Ver­fah­ren ist bei Ge­richt an­hän­gig“, sagt Spre­cher Flo­ri­an Wein­zierl. Die Be­hör­de sei ge­setz­lich zu den Er­mitt­lun­gen ver­pflich­tet – auch wenn der Fall so bit­ter liegt wie bei dem 53-jäh­ri­gen Ro­man U. Der sieht sich als Pa­ti­ent – nicht als Ver­bre­cher. „Es ist ab­surd, dass ich straf­recht­lich ver­folgt wer­de.“

Tat­säch­lich könn­te es dem­nächst aber zu ei­nem Pro­zess kom­men. Lie­gend im Kran­ken­bett, müss­te U. dann in den Ver­hand­lungs­saal ge­scho­ben wer­den – so wie einst Kriegs­ver­bre­cher John Dem­jan­juk. Nach spä­tes­tens 45 Mi­nu­ten müss­te ein Pfle­ger ihn dre­hen. „Das wä­re ei­ne Tor­tur“, sagt U. „Un­wür­dig für mein Da­sein.“

Even­tu­ell müss­te die Feu­er­wehr beim Trans­port mit­hel­fen. Ei­ne kon­kre­te Lö­sung gibt es bis­her nicht.

Aber viel­leicht exis­tie­ren auch ju­ris­ti­sche Aus­we­ge: zum Bei­spiel ei­ne Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für den 53-Jäh­ri­gen. Die­se stell­te die Bun­de­s­o­pi­um­stel­le sel­ten aus, ob­wohl die the­ra­peu­ti­sche Wirk­sam­keit in vie­len Fäl­len be­wie­sen ist. „Lei­der kön­nen die äu­ßerst stren­gen Vor­aus­set­zun­gen für den An­bau kaum er­füllt wer­den“, sagt Rechts­an­walt Franz Erl­mei­er.

Er hält es für „un­er­träg­lich“, wenn Ro­man U. der Pro­zess ge­macht wür­de. Ro­man U. hofft auf ei­ne Ein­stel­lung. Er weiß: Er braucht die Jo­ints ge­gen die Schmer­zen.

Foto: Jantz

Nur Ma­ri­hua­na hilft ihm ge­gen die Schmer­zen: Ro­man U. (53)

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