Der un­glei­che Aufschwung

Trotz ro­bus­ter Kon­junk­tur: Mehr Men­schen von Ar­mut be­droht

tz - - GELD+MARKT - MARC KNIEPKAMP

Licht und Schat­ten in der Eu­ro­päi­schen Uni­on: Ei­ne Stu­die der Ber­tels­mann-Stif­tung zeigt, dass die wirt­schaft­li­che po­si­ti­ve Ent­wick­lung nicht bei al­len Men­schen gleich an­kommt. Zwar ist der Ab­wärts­trend ge­stoppt – von ei­ner ech­ten Kehrt­wen­de in Sa­chen so­zia­ler Ge­rech­tig­keit will die Ber­tels­mann-Stif­tung aber noch nicht spre­chen. Die er­klärt, woran es in Eu­ro­pa trotz gu­ter Ar­beits­markt­zah­len hakt: ■ Eu­ro­pa pa­ra­dox: Die Er­ho­lung am Ar­beits­markt in Eu­ro­pa kommt nicht bei al­len Men­schen an. Trotz Voll­zeit­jobs sind mehr Men­schen

von Ar­mut be­droht als in den Vor­jah­ren. Nach dem von der Ber­tels­mann-Stif­tung vor­ge­stell­ten Ge­rech­tig­keits-In­de­xes 2016 stieg ihr An­teil 2015 auf 7,8 Pro­zent; 2013 lag er noch bei 7,2 Pro­zent. Aart De Geus, der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Ber­tels­mann-Stif­tung, mahnt: „Ein Voll­zeit­job muss nicht nur das Ein­kom­men, son­dern auch das Aus­kom­men si­chern. Ein stei­gen­der An­teil von Men­schen, die dau­er­haft nicht von ih­rer Ar­beit le­ben kön­nen, un­ter­gräbt die Le­gi­ti­mi­tät un­se­rer Wirt­schafts­und Ge­sell­schafts­ord­nung.“■ Woran es liegt: Die Grün­de se­hen die Au­to­ren der Stu­die im wach­sen­den Be­reich mit nied­ri­gen Löh­nen und ei­ner Spal­tung der Ar­beits­märk­te in re­gu­lä­re und aty­pi­sche Be­schäf­ti­gung. Un­ter aty­pisch ver­ste­hen die For­scher zeit­lich be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge, Leih­ar­beit oder Teil­zeit­be­schäf­ti­gung. ■ Die La­ge in Deutsch­land: Der An­teil der von Ar­mut be­droh­ten Voll­zeit­be­schäf­tig­ten ist in Deutsch­land von 5,1 Pro­zent (2009) auf 7,1 Pro­zent (2015) ge­stie­gen. Ei­ne leich­te Ver­bes­se­rung ge­gen­über 2014 (7,5 Pro­zent) deu­te auf ers­te Wir­kun­gen nach Ein­füh­rung des Min­dest­lohns im Jah­re 2015 hin,. „Wir wa­ren über­rascht, dass trotz stei­gen­der Be­schäf­ti­gung in Eu­ro­pa das Ar­muts­ri­si­ko, auch in Deutsch­land, nicht ge­rin­ger wird“, sagt Stu­di­en­au­tor Da­ni­el Schraa­dTisch­ler. ■ Die Kluft zwi­schen Alt und Jung: EU-weit sind deut­lich mehr Ju­gend­li­che von Ar­mut oder so­zia­ler Aus­gren­zung be­trof­fen als Äl­te­re (26,9 zu 17,4 Pro­zent). Wäh­rend fast je­des zehn­te Kind in der Eu­ro­päi­schen Uni­on schwer­wie­gen­de ma­te­ri­el­le Ent­beh­run­gen er­lebt, trifft das nur auf rund sechs Pro­zent der über 65-Jäh­ri­gen zu. Aart De Geus for­dert die Politik auf, hier ge­gen­zu­steu­ern: „Die wach­sen­de Per­spek­tiv­lo­sig­keit vie­ler jun­ger Men­schen spielt den er­star­ken­den po­pu­lis­ti­schen Be­we­gun­gen in die Hän­de. Wir dür­fen nicht ris­kie­ren, dass sich die Ju­gend ent­täuscht und frus­triert aus der Ge­sell­schaft zu­rück­zieht und von der EU ab­wen­det.“

Fotos: dpa (2)

Eu­ro­pa ist ein zer­ris­se­ner Kon­ti­nent: Ob­wohl im­mer mehr Men­schen ei­nen Voll­zeit­job ha­ben, steigt die Ar­muts­ge­fähr­dung in der EU. tz

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