Al­ter Mann mit Zu­kunft

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Giam­pie­ro Ven­tura hät­te ger­ne noch ein biss­chen mehr Zeit ge­habt, um sei­ne Jungs auf die Neu­auf­la­ge des gro­ßen Klas­si­kers vor­zu­be­rei­ten. Aber Ita­li­ens Na­tio­nal­trai­ner hat auch so „kei­ne Angst vor ei­ner Schlap­pe“, sagt er. Statt­des­sen sol­le „die Par­tie ein Fens­ter in die Zu­kunft öff­nen“– der 68-Jäh­ri­ge baut das Team um. Wie, das er­klärt in der tz Mir­ko Ca­lem­me, der Fuß­ball­ex­per­te von Tut­to Na­po­li. ■ Tak­tik: An­to­nio Con­te hat wäh­rend sei­ner Amts­zeit ein 3-5-2-Sys­tem spie­len las­sen, un­ter Giam­pie­ro Ven­tura ist nun ein 4-2-4 an­ge­sagt. Die­ses Sys­tem hat er im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re des Öf­te­ren ge­braucht und dient vor al­lem da­zu, die star­ken Flü­gel­stür­mer Cand­re­va, Ber­nar­de­schi, In­si­gne oder Ber­ar­di in den Fo­kus zu stel­len. Ge­ra­de Letz­te­rer ist ei­nes der größ­ten Ta­len­te des Bel Pa­e­se, la­bo­riert aber an ei­ner Knie­ver­let­zung. Es braucht noch Zeit, bis sich das neue Sys­tem ein­ge­spielt hat und Ita­li­en zu der de­fen­si­ven Sta­bi­li­tät fin­det, die für das Spiel der Na­zio­na­le fun­da­men­tal ist. Heu­te dürf­te sie im 3-4-3 auf­lau­fen. ■ Trai­ner: Con­te hat groß­ar­ti­ge Ar­beit ge­leis­tet, ent­schloss sich aber da­zu, der Na­zio­na­le nach zwei Jah­ren den Rü­cken zu keh­ren. „Ich fühl­te mich wie in ei­ner Ga­ra­ge ab­ge­stellt“, lau­te­te sei­ne Be­grün­dung. Ge­ra­de nach der emo­tio­na­len EM hat er jüngst in ei­nem In­ter­view zu­ge­ge­ben, sei­ne Ent­schei­dung ein we­nig zu be­reu­en. Hät­te er nicht be­reits ei­nen Ver­trag bei Chel­sea un­ter­schrie­ben, hät­te er ger­ne wei­ter­ge­macht, so Con­te. Aber es war be­reits zu spät: Ita­li­en hat un­ter Ven­tura den Neu­an­fang ge­wagt, qua­si der per­fek­te Nach­fol­ger für Con­te. Bei­de ha­ben in ih­rer Kar­rie­re so­wohl ein 3-5-2 als auch ein 4-2-4 ge­braucht. Hin­zu kommt, dass Ven­tura schon ein­mal Con­tes Nach­fol­ge mit Er­folg an­trat: 2009 in Ba­ri. ■ Nach­wuchs: Ak­tu­ell sind die Ita­lie­ner noch auf der Su­che nach ei­nem Mo­dell, das den Nach­wuchs för­dert. Das Vor­bild: Deutsch­land. Bis­lang hat der Ver­band be­reits ei­ne Neue­rung um­ge­setzt, die sämt­li­che Ver­ei­ne der Se­rie A zwingt, ih­re Ka­der auf 25 Spie­ler zu be­gren­zen, von de­nen acht in der ita­lie­ni­schen Ju­gend (vier da­von in der des ei­ge­nen Klubs) ausgebildet wor­den sein müs­sen. Nur die An­zahl von Spie­lern un­ter 21 Jah­ren ist un­be­grenzt. Die­se Re­form trägt be­reits jetzt Früch­te, da wir in der Se­rie A ak­tu­ell vie­le neue Ta­len­te zu Ge­sicht be­kom­men (das Mi­lan der „bam­bi­ni“Don­na­rum­ma oder Lo­ca­tel­li zum Bei­spiel) und der ita­lie­ni­sche Ka­der für die ak­tu­el­len Län­der­spie­le ei­nen Al­ters­durch­schnitt von ge­ra­de ein­mal 25 Jah­ren auf­weist. Bei der EM wa­ren es fast 29 Jah­re im Schnitt. ■ Re­so­nanz: Die Ti­fo­si ha­ben sich in Con­tes Ita­li­en ver­liebt. Der Trai­ner hat Cha­ris­ma und hat es in Per­fek­ti­on auf sei­ne Mann­schaft über­tra­gen, die den­sel­ben Kampf­geist auf den Platz ge­bracht hat wie Con­te zu sei­nen Spie­l­er­zei­ten. Ge­ra­de weil es sei­ne spie­le­ri­schen Gren­zen über­schrit­ten hat, ha­ben sich die Ti­fo­si in Con­tes Team ver­liebt. Spa­ni­en zu schla­gen und ge­gen die Deut­schen erst im Elf­me­ter­schie­ßen aus­zu­schei­den, war ein gro­ßer Ver­dienst. Bei Ven­tura herrsch­te an­fangs noch et­was Skep­sis: Sein Al­ter (68 Jah­re) und sein lee­rer Tro­phä­en­schrank schie­nen zu­nächst ein Rück­schritt nach Con­tes Er­fol­gen, lang­sam aber si­cher über­zeugt er die Ti­fo­si, dass er die rich­ti­ge Wahl ist. ■ Schlüs­sel­spie­ler: Dem gan­zen Ju­gend­wahn zum Trotz wird Ita­li­en min­des­tens bis zur WM an sei­nen Schlüs­sel­spie­lern fest­hal­ten – ge­ra­de in der Ab­wehr. Bis er sei­nen Kas­ten dem jun­gen Don­na­rum­ma (17) über­gibt, wird Gi­gi Buf­fon der gro­ße Ka­pi­tän blei­ben. Bei der „BBC“, dem Ab­wehr­rie­gel be­ste­hend aus Bo­nuc­ci, Bar­zag­li und Chiel­li­ni, dürf­te es nicht an­ders sein, ob­wohl das neue Sys­tem und Bar­zag­lis Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit den ein oder an­de­ren Wech­sel mit sich brin­gen kön­nen. Im Zen­trum setzt Ita­li­en auf das Ta­lent von Mar­co Ver­rat­ti, das größ­te Ju­wel die­ser Ge­ne­ra­ti­on – auch wenn er bis­lang noch kei­ne ein­zi­ge Mi­nu­te in der Se­rie A ge­spielt hat (Ver­rat­ti wech­sel­te aus der Se­rie B di­rekt zu PSG). Und im Sturm kris­tal­li­sie­ren sich Be­lot­ti und Im­mo­bi­le als Ven­turas be­vor­zug­tes Sturm­duo her­aus: Bei­de ha­ben un­ter ihm bei To­ri­no ge­ar­bei­tet und ih­re sechs To­re in den letz­ten zwei Spie­len be­wei­sen, dass die Paa­rung Zu­kunft hat.

Im­mer noch stark am Ball: Trai­ner Giam­pie­ro Ven­tura (oben), links trifft Cand­re­va Fotos: afp, imago

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