Die Al­ten-Ab­zo­cker

… und das war ihr Bü­ro

tz - - MÜNCHEN - ANDRE­AS THIEME

Mo­ses K. (29) schleppt sich zur An­kla­ge­bank. Er setzt sich seuf­zend und schiebt sei­nen schwe­ren Bauch un­ter den Tisch. Dann sieht er rü­ber zu Ven­ecia W. (23). Die jun­ge Frau hat ei­nen üp­pi­gen Schal um­ge­wi­ckelt und ver­schränkt die Ar­me. Aus­sa­gen? Das kam für bei­de ges­tern nicht in­fra­ge. Am Land­ge­richt schwie­gen sie zur sei­ten­lan­gen An­kla­ge.

Die Staats­an­walt­schaft wirft ih­nen vor, Teil ei­ner in­ter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Be­trü­ger­ban­de zu sein. De­ren Ziel: Se­nio­ren und ihr Er­spar­tes. Mit dem be­kann­ten En­kelt­rick sol­len die An­ge­klag­ten vor­ge­gan­gen sein: Da­bei ruft ein Deutsch spre­chen­des Mit­glied der Ban­de an, gibt sich als Ver­wand­ter der Se­nio­ren aus und be­haup­tet, drin­gend Geld zu brau­chen, das ein Bo­te dann in bar ab­holt.

9000 Eu­ro wa­ren es bei Ro­se­ma­rie P. aus Dach­au. Am 18.11.2015 er­hielt sie ei­nen An­ruf – an­geb­lich von ih­rem Sohn Ste­fan: Er brau­che für ei­nen Haus­kauf 9000 Eu­ro. Und zwar so­fort! Die Se­nio­rin hob das Geld bei der Volks­bank ab. Spä­ter über­gab sie das Geld, wie von ih­rem „Ste­fan“auf­ge­tra­gen, an ei­ne ver­meint­li­che No­ta­ri­ats­mit­ar­bei­te­rin, die zur Ab­ho­lung vor­bei­kam. Laut An­kla­ge ei­ne Täu­schung: Tat­säch­lich kam Ven­ecia W. – und das Geld war weg

Mo­ses K. soll die Ak­tio­nen ge­plant ha­ben, laut An­kla­ge mie­te­te er drei Apart­ments in Bres­lau – von hier aus rie­fen so­ge­nann­te Kei­ler­teams in Mün­chen und Um­ge­bung an. Mal ga­ben sie sich als Nich­te aus, mal als Toch­ter, mal als En­kel – und for­der­ten Bar­gel­dBe­trä­ge bis zu 75 000 Eu­ro.

100 Fäl­le des ver­such­ten En­kelt­ricks sind bei der Münch­ner Staats­an­walt­schaft für das lau­fen­de Be­trugs­ver­fah­ren ak­ten­kun­dig. Ge­klappt hat die Ma­sche zum Glück nur sel­ten – wenn, dann wa­ren die Ver­lus­te aber hef­tig. So wie bei Ru­dolf U., eben­falls aus Dach­au. Ihn rie­fen die Te­le­fon-Pro­fis am 19. No­vem­ber 2015 ge­gen neun Uhr mor­gens an. Ei­ne Frau gab sich als Haus­ärz­tin des Se­nio­ren aus. Sie ste­cke in Schwie­rig­kei­ten und brau­che drin­gend 17 000 Eu­ro. Ru­dolf U. glaub­te ihr und hob den Be­trag von sei­nem Ta­ges­geld­kon­to bei der Spar­kas­se ab, um ihr zu hel­fen. Spä­ter hol­te ein Kom­pli­ze das Geld ab – an­geb­lich der Mit­ar­bei­ter ei­nes Rechts­an­wal­tes. Sein Er­spar­tes sah der Se­ni­or nie wie­der.

Zu bei­den Fäl­len wer­den die Ge­schä­dig­ten mor­gen Vor­mit­tag aus­sa­gen. Dann müs­sen Mo­ses K. und Ven­ecia W. ih­nen in die Au­gen schau­en – und mit­er­le­ben, wie die Se­nio­ren lei­den, wenn sie hin­ter­lis­tig be­tro­gen wer­den. Den An­ge­klag­ten droht Ge­fäng­nis. Mit­te Ja­nu­ar soll das

Ur­teil im Pro­zess fal­len.

Foto: Jantz

Mo­ses K. (li.) und Ven­ecia W. sind an­ge­klagt

Ed­le Apart­ments mit Blick auf die Stadt: Von hier aus ar­bei­ten die Be­trü­ger­ban­den, die sich meis­tens im Aus­land zu­sam­men­tun. Ih­re Ak­tio­nen ha­ben die En­kelt­rick­be­trü­ger ge­nau ge­plant: Im In­ter­net su­chen sie die Te­le­fon­num­mern her­aus, die nach Se­nio­ren klin­gen – et­wa Hel­ga, Jo­sef oder Franz. Dann ru­fen sie im Mi­nu­ten­takt die Num­mer in Deutsch­land an, um Geld, Han­dys oder Uh­ren ab­zu­zo­cken. In der Re­gel über­neh­men Mut­ter­sprach­ler die­sen Teil – sie sind ge­schult und rhe­to­risch cle­ver. Al­lein im pol­ni­schen Bres­lau konn­ten 700 sol­cher An­ru­fe von der Po­li­zei ge­or­tet wer­den. Um dem zu ent­ge­hen, ar­bei­ten die Ban­den in­zwi­schen mit SIM-Kar­ten, die sie nach der Be­nut­zung weg­wer­fen. So sind sie noch schwie­ri­ger zu fin­den. „Häu­fig ha­ben wir es mit Fa­mi­li­en-Clans zu tun“, sagt Po­li­zei­prä­si­dent Hu­bert An­drä. Er ar­bei­tet mit den pol­ni­schen Be­hör­den zu­sam­men, um al­le Be­trü­ger zu schnap­pen.

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