Was sich jetzt bei der Pfle­ge än­dert

++ Aus drei mach fünf: Ab kom­men­dem Jahr wird die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit neu de­fi­niert ++

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■ Wer wird durch die Re­form ent­las­tet? Für vie­le Pfle­ge­be­dürf­ti­ge be­deu­tet die Um­stel­lung zum Jah­res­wech­sel ei­ne Ent­las­tung. „Be­son­ders stark wer­den da­bei Men­schen mit ein­ge­schränk­ter All­tags­kom­pe­tenz, et­wa mit ei­ner De­menz-Er­kran­kung, ent­las­tet“, er­klärt die Stif­tung Wa­ren­test in der De­zem­berAus­ga­be des Hef­tes Fi­nanz­test. Ih­nen zahlt die Pfle­ge­kas­se künf­tig bis zu 609 Eu­ro mehr im Mo­nat, um sie zu Hau­se bes­ser ver­sor­gen zu kön­nen. Eben­falls bes­ser ge­stellt: al­le kör­per­lich be­ein­träch­tig­ten in den der­zei­ti­gen Pfle­ge­stu­fen I und II, die noch zu Hau­se le­ben. Für kör­per­lich be­ein­träch­tig­te Pfle­ge­be­dürf­ti­ge der Pfle­ge­stu­fe II bleibt das Leis­tungs­ni­veau da­ge­gen gleich. ■ Gibt es auch Ver­lie­rer? Tat­säch­lich kann das Sys­tem Nach­tei­le für ei­ni­ge brin­gen, die bis­her zu Hau­se woh­nen, sich aber ei­ne voll­sta­tio­nä­re Un­ter­brin­gung im Pfle­ge­heim wün­schen. Für sie kann es fi­nan­zi­ell güns­ti­ger sein, noch in die­sem Jahr um­zu­zie­hen. Denn für die­je­ni­gen, die be­reits im Jahr 2016 Leis­tun­gen aus der Pfle­ge­kas­se er­hal­ten, gilt ein Be­stand­schutz. Das Glei­che gilt auch für kör­per­lich be­ein­träch­tig­te Heim­be­woh­ner mit Pfle­ge­stu­fe I, wenn bei ih­nen ei­ne Hö­her­stu­fung an­ste­hen soll­te. Für sie könn­te es un­ter Um­stän­den güns­ti­ger sein, die­se Hö­her­stu­fung noch in die­sem Jahr zu be­an­tra­gen. Denn bis­her galt: Nied­ri­ge Pfle­ge­stu­fe, nied­ri­ger Ei­gen­an­teil, hö­he­re Pfle­ge­stu­fe, hö­he­rer Ei­gen­an­teil. Künf­tig aber zahlt je­der Heim­be­woh­ner, un­ab­hän­gig vom Grad sei­ner Pfle­ge­be­dürf­tig­keit, ei­nen fes­ten Ei­gen­an­teil. Die­ser Be­trag wird für al­le Be­woh­ner ei­nes Hei­mes ein­heit­lich er­mit­telt. Heim­be­woh­nern mit nied­ri­gem Pfle­ge­grad dro­hen nach An­ga­ben der Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz dann aber im Ver­gleich zu heu­te Mehr­be­las­tun­gen. ■ Müs­sen Pfle­ge­be­dürf­ti­ge selbst ak­tiv wer­den, um ih­ren Pfle­ge­grad zu er­hal­ten? Nein. Die Pfle­ge­kas­sen müs­sen ih­re Ver­si­cher­ten bis spä­tes­tens Mit­te De­zem­ber über ih­ren neu­en Pfle­ge­grad in­for­mie­ren. Da­für ist kein neu­es Be­gut­ach­tungs­ver- fah­ren not­wen­dig. Ein Pfle­ge­be­dürf­ti­ger mit kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen, der jetzt die Pfle­ge­stu­fe I hat, kommt au­to­ma­tisch in den Pfle­ge­grad 2. Ein Pfle­ge­be­dürf­ti­ger, der in der Pfle­ge­stu­fe I ist und zu­dem in sei­nen All­tags­kom­pe­ten­zen ein­ge­schränkt ist, be­kommt au­to­ma­tisch den Pfle­ge­grad 3 und so wei­ter. Für die höchs­te Pfle­ge­stu­fe III gibt es dann den Pfle­ge­grad 4 und mit ein­ge­schränk­ten All­tags­kom­pe­ten­zen den höchs­ten Pfle­ge­grad 5. ■ Und wer be­kommt den Pfle­ge­grad 1? Für die Über­lei­tung spielt er kei­ne Rol­le. Er kommt erst für Pfle­ge­be­dürf­ti­ge, die ih­ren An­trag im neu­en Jahr stel­len, zur An­wen­dung. Er ist für Men­schen ge­dacht, die im bis­he­ri­gen Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren nicht be­rück­si­tigt wur­den. Da­durch wer­den im kom­men­den Jahr zu den bis­he­ri­gen 2,8 Mil­lio­nen Emp­fän­gern rund 200 000 Per­so­nen hin­zu­kom­men. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um geht mit­tel­fris­tig von bis zu 500 000 Per­so­nen aus. ■ Was kos­tet die Re­form? Be­reits zur Fi­nan­zie­rung des ers­ten Pfle­ge­stär­kungs­ge­set­zes wur­den die Bei­trags­sät­ze An­fang 2015 um 0,3 Pro­zent­punk­te er­höht. 0,2 Pro­zent­punk­te da­von sol­len für Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen ver­wen­det wer­den. Die rest­li­chen 0,1 Pro­zent­punk­te oder 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­hen in ei­nen Vor­sor­ge­fonds, der künf­ti­ge Leis­tun­gen für die wach­sen­de Zahl der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen aus der Ge­ne­ra­ti­on der Ba­by­boo­mer ab­fe­dern soll. Mit der neu­en Re­form wer­den die Bei­trags­sät­ze ab Ja­nu­ar um wei­te­re 0,2 Pro­zent­punk­te an­ge­ho­ben. Die bei­den ge­plan­ten Bei­trags­er­hö­hun­gen sol­len ins­ge­samt rund fünf Mil­li­ar­den Eu­ro in die Kas­sen der Pfle­ge­ver­si­che­rung spü­len. Für die Über­lei­tung auf das neue Sys­tem des zwei­ten Pfle­ge­stär­kungs­ge­set­zes ver­an­schlagt Ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he ein­ma­lig wei­te­re 4,4 Mil­li­ar­den Eu­ro. Das Geld soll aus den Rück­la­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung kom­men. ■ Was än­dert sich für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge? Sie wer­den in der Ren­ten­und Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung bes­ser ab­ge­si­chert: Künf­tig zahlt die Pfle­ge­ver­si­che­rung Ren­ten­bei­trä­ge für al­le Pfle­ge­per­so­nen, die ei­nen Pfle­ge­be­dürf­ti­gen im Pfle­ge­grad 2 bis 5 min­des­tens zehn St­un­den wö­chent­lich, ver­teilt auf min­des­tens zwei Ta­ge, zu Hau­se pfle­gen. Für Pf­le- ge­per­so­nen, die aus dem Be­ruf aus­stei­gen, um sich um An­ge­hö­ri­ge zu küm­mern, be­zahlt die Pfle­ge­ver­si­che­rung künf­tig die Bei­trä­ge zur Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung für die ge­sam­te Dau­er der Pfle­ge­tä­tig­keit. ■ Ach­tung, Trick­be­trü­ger: Die Ver­brau­cher­zen­tra­le warnt vor ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich „Deut­scher Pfle­ge­kreis“nennt. Die­se ver­schi­cke be­trü­ge­ri­sche Brie­fe mit ver­meint­li­chen An­trä­gen und In­for­ma­tio­nen zur an­ste­hen­den Pfle­ge­re­form. Das Schrei­ben trägt den Ti­tel „Wich- ti­ge In­for­ma­ti­on zur Um­stel­lung der Pfle­ge­stu­fen in Pfle­ge­gra­de 2017“. Au­ßer­dem liegt ein an­geb­li­cher „An­trag auf Kos­ten­über­nah­me“bei. Aber Vor­sicht: Fül­len Ver­brau­cher ihn aus, schlie­ßen sie al­ler­dings ei­nen Ver­trag über die Be­stel­lung von Pfle­ge­hilfs­mit­teln ab.

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he F: Wes­ter­mann, dpa

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